Lehrstellen-Abbrecher: «Gesellschaft als Selbstbedienungsladen»
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Lehrstellen-Abbrecher«Gesellschaft als Selbstbedienungsladen»

Jugendliche brechen ihre zweijährige Lehre häufig ab, weil sie sich nicht an Regeln halten. Jugendpsychologe Allan Guggenbühl spricht von einem Wohlstandsproblem.

von
Sonja Mühlemann
Ein Lehrling bei der Arbeit.

Ein Lehrling bei der Arbeit.

Oftmals brechen Jugendliche eine An- oder Kurzlehre ab (siehe Box), weil sie im Betrieb nicht zurechtkommen. Wieso?

Allan Guggenbühl*: Es gibt viele Gründe. Viele Schulen setzen auf selbstständiges Lernen und Individualisierung. Jugendliche werden dadurch autonomer. Einzelne sind jedoch bei diesem System überfordert, sie müssten strenger geführt werden. Kommen sie dann in einen Lehrbetrieb, wo sie genaue Vorgaben unter Zeitdruck zu erfüllen haben, haben sie Mühe. Sie realisieren nicht, dass sie sich anpassen müssen und es nicht um Selbstverwirklichung geht.

Wozu führt dies?

Sie können sich in ein bestehendes System wie einen Lehrbetrieb nicht integrieren; können etwa nicht vollziehen, weshalb sie jeden Tag pünktlich zu erscheinen haben. Statt Strukturen anzuerkennen und sich ihnen anzupassen, wollen sie diese zu ihren Gunsten abändern, ihre Auffassungen einbringen. Sie glauben mit dem Lehrmeister verhandeln zu können. Viele leben in ihrer eigenen Welt und haben nicht gelernt, dass Arbeit nicht unbedingt Selbstverwirklichung bedeutet. Diese Jugendlichen können nicht nachvollziehen, dass man zuerst etwas leisten muss, bevor man etwas bekommt.

Also ist die Gesellschaft schuld?

Schuld ist niemand, es handelt sich um eine gesellschaftliche Entwicklung. Diese Jugendlichen nehmen die Gesellschaft als Selbstbedienungsladen wahr. Die Erwachsenen sollen liefern und sie können wählen. Oft bleiben auch Lehrabbrüche ohne Konsequenzen. Ihr persönliches Leben verändert sich nicht, sie gehen weiterhin in den Ausgang oder können es sich bei den Eltern wohl ergehen lassen.

Wo sollte man ansetzen?

Wichtig sind es Klassenlehrer, die sich für Jugendlichen verantwortlich fühlen und sie vorbereiten. Einige Lehrbetriebe haben bereits reagiert: In den ersten Wochen versuchen den Lehrlingen zu klar zu kommunizieren, dass Pünktlichkeit, eine motivierte Einstellung, angemessene Kleidung usw. unabdingbar sind.

Aber nicht alle Betriebe haben die Zeit und Ressourcen dazu.

Gerade Kleinbetriebe stossen hierbei an ihre Grenzen. Sie investieren viel Zeit und Energie in die Lehrlinge. Nicht motivierte Lehrlinge sind für sie ein Problem. Wenn sich dann ein Maurerlehrling weigert, draussen zu arbeiten, weil es ihm zu heiss ist oder wegen leichtem Kopfweh tagelang nicht zur Arbeit erscheint, überlegen es sich die Lehrmeister zweimal, ob sie wieder einen Lehrling ausbilden wollen.

*Allan Guggenbühl ist Jugendpsychologe und leitet in Bern an der kantonalen Erziehungsberatung und am IKM Zürich die Gruppen «Chance», in denen Jugendliche beim Lehreinstieg begleitet werden.

Jeder Zehnte bricht Lehre ab

9 Prozent der Berner und 9,4 Prozent der Solothurner Jugendlichen haben 2014 die Lehre abgebrochen. Damit wird fast jeder zehnte Lehrvertrag vorzeitig aufgelöst. Die Hauptgründe dafür würden bei den drei- und vierjährigen Lehren vor allem in den ungenügenden Leistungen oder falscher Berufswahl liegen, heisst es beim Kanton Solothurn. Bei den zweijährigen Ausbildungen seien vor allem Pflichtverletzungen durch die Lernenden für die Abbrüche verantwortlich.

Christoph Düby, Abteilungsleiter betriebliche Bildung beim Kanton Bern, weist jedoch darauf hin, dass Lehre oftmals auch durch zwingende Gründe, wie beispielsweise Mehlstauballergien bei Bäckern oder der Konkurs eines Lehrbetriebs zum Abbruch führen können. Düby rechnet damit, dass in Bern drei bis vier Prozent der Ausbildungen aufgrund von kritischen Gründen abgebrochen würden.

Um die Zahl der Lehrabbrüche zu verringen, hat der Kanton Bern beispielsweise das Projekt QualiGastro ins Leben gerufen. Damit will man Gastrobetriebe sensibiliseren und solche, bei denen es zu vielen Vertragsauflösungen kommt, intensiver betreuen.(nc)

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