Verkehrsstatistik von Kairo: Gesetzlos am Steuer
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Verkehrsstatistik von KairoGesetzlos am Steuer

«Autofahren in Kairo ist ähnlich wie Atari spielen», sagt Mustafa Nureddin, während er seinen alten Peugeot durch die chaotischen Strassen der ägyptischen Hauptstadt lenkt. «Du versuchst ans Ziel zu kommen ohne jemandem 'reinzufahren, selbst erwischt zu werden oder einen Strafzettel zu bekommen», erklärt der Taxifahrer. «Der Unterschied ist allerdings: Es gibt keinen Reset-Knopf. Das hier ist kein Spiel.»

Im vergangenen Jahr starben auf den Strassen Ägyptens nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 7149 Menschen - rund neun Prozent mehr als im Jahr zuvor, wie die aus Statistiken des ägyptischen Gesundheitsministerium zusammengestellten Zahlen zeigen. Nur im Iran liegt in dieser Region die Zahl der Verkehrstoten mit 22 981 noch höher. Dabei seien die Zahlen aus Ägypten nicht einmal vollständig, erklärt Jaffar Hussain, Regionalberater der WHO für die 22 Länder des östlichen Mittelmeerraums. «Ich habe keinen Zweifel, dass diese Zahlen nicht die tatsächliche Situation widerspiegeln könnten», sagt Hussain. «Sie könnten leicht höher liegen.»

Immer mehr Autos und immer langsamer voran

Der 42-jährige Nureddin weicht einem überfüllten Minibus aus und rauscht so dicht an einer jungen Frau vorbei, dass sich ihr Rock am Türgriff verfängt und der Duft ihres Parfüm durch den Wagen weht. In der einen Hand hält der Taxifahrer eine Zigarette, in der anderen abwechselnd sein Handy oder eine Tasse heissen Tee. In vielen Fällen lässt sich der Abstand zwischen den Stossstangen auf den Strassen Kairos in Millimetern messen. Nur in Afrika sterben im weltweiten Vergleich mehr Menschen bei Verkehrsunfällen als im Mittelmeerraum.

Immer mehr Autos drängen sich in ägyptischen Städten, und immer langsamer geht es voran: Zwischen 1970 und 2008 stieg die Zahl der Fahrzeuge im Land von etwa 167 000 auf mehr als 4,4 Millionen. Rund 95 Prozent der 78 Millionen Ägypter leben auf nur fünf Prozent der Landesfläche. Allein in Kairo und der näheren Umgebung lebt Schätzungen zufolge bis zu einem Viertel aller Bürger.

Kinder toben auf den Vordersitzen

Verschlimmert wird die Lage nach Aussage von Fahrern und Beamten durch eine tödliche Mischung aus schlechter Planung, Korruption und einer Bevölkerung, die so frustriert ist, dass selbst drohende Gefängnisstrafen wenig bewirken. «Bürgersteige werden zu Bücherregalen umfunktioniert, Garagen werden zu Restaurants und all das, ohne wirklich die Auswirkungen auf den Verkehr zu untersuchen», klagt Murid Albert von der Forschungsabteilung des Innenministeriums.

Das Hauptproblem seien jedoch die Fahrer und ihre geringe Achtung für die Verkehrsregeln. Fahrzeuge wechseln über mehrere Spuren von links nach rechts, Sicherheitsgurte werden nicht benutzt, Kinder toben auf den Vordersitzen. Busse öffnen mitten auf der Strasse die Türen, Autos fahren bei Rot über Kreuzungen, Fussgänger überqueren an unsicheren Stellen die Strasse und zwängen sich zwischen die Stossstangen.

Die Folge: Auf 100 000 Fahrzeuge kamen laut Statistiken der Regierung im Jahr 2006 rund 156 Verkehrstote. In der Türkei waren es etwa 73, in Griechenland 29 und in Italien rund 13.

Hohe Strafen sollen Ordnung bringen

Mit einer PR-Kampagne will die Regierung deshalb für eine neues Verkehrssicherheitsgesetz werben, nach Aussage von Beamten eines der härtesten weltweit. Wer entgegen einer Einbahnstrasse fährt, muss demnach künftig mit einer Gefängnisstrafe von bis zu vier Tagen rechnen. In anderen Fällen drohen Geldstrafen von umgerechnet 145 Euro oder mehr - eine riesige Summe in einem Land, in dem nach Schätzungen der Weltbank 20 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze von zwei Dollar (1,50 Euro) pro Tag leben.

Doch Nureddin und andere Taxifahrer kritisieren, das Verkehrsgesetz werde uneinheitlich durchgesetzt. «Wenn sie den Verkehrsstau verringern wollen, sollten sie sicherstellen, dass jeder dem Gesetz folgt und niemand darüber steht», sagt der 42-Jährige. «Aber verlange nicht von mir, etwas zu befolgen, dem die Beamten selbst nicht folgen.» Das Innenministerium bestreitet, dass Staatsangestellte toleranter behandelt werden.

Um die Verkehrslage zu verbessern, setzt die Regierung ausserdem auf Videokameras, Radaranlagen und GPS-Geräte für Beamte, mit denen besonders gefahrenträchtige Stellen identifiziert werden sollen. Ein neues Fernsehprogramm soll Verkehrsunfälle und deren Folgen für die Betroffenen zeigen. «Die Ägypter sind ein emotionales Volk. Wir werden sie jede Woche an die Gefahren erinnern», erklärt der assistierende Innenminister für Verkehrsangelegenheiten, Sheriff Gomma. «Wenn sie sehen wie die Familien leiden, wenn sie die Folgen der Unfälle sehen, könnte das helfen.» (dapd)

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