Gespannte Ruhe in Frankreich
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Gespannte Ruhe in Frankreich

Zum Jahrestag des Beginns der Vorstadt-Krawalle in Frankreich haben sich über tausend Menschen zu einem Schweigemarsch versammelt.

Damit gedachten sie im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois zwei toten Jugendlichen. Die zwei Jungen waren vor einem Jahr auf der Flucht vor der Polizei in einen Transformator geflüchtet und dort durch Stromschläge umgekommen. Der Tod der aus Einwandererfamilien stammenden Jungen gilt als Auslöser für die Krawalle, die schliesslich ganz Frankreich erfassten.

«Einmal mehr sind die Augen Frankreichs und der Welt auf uns gerichtet», sagte der sozialistische Bürgermeister von Clichy-sous- Bois, Claude Dilain, am Ende des Schweigemarschs. «Ruhe, Würde und Mut, die hier herrschen, müssen bestehen bleiben. Zeigen wir, wer wir wirklich sind!»

Aufruf zur Ruhe

Nach dem Tod des 15-jährigen Bouna und des 17-jährigen Zyed hatten dort vor einem Jahr dutzende vor allem afrikanisch- und arabisch-stämmige Jugendliche Rache geschworen. In der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober griffen sie Polizisten an und setzten Autos sowie Gebäude in Brand.

An dem Marsch beteiligten sich viele Jugendliche, von denen einige T-Shirts mit der Aufschrift «Sinnlos gestorben» trugen. An der Schule der getöteten Jungen wurde eine Gedenkstelle eingeweiht.

An dem Transformator sagte der Imam Dhaou Meskine ein Gebet für die Opfer auf Arabisch und Französisch: «Möge Gott uns helfen, aus dieser Jugend eine Kraft zu machen, möge Gott diese Viertel mit Frieden und Respekt segnen, und möge Gott uns eine neue Katastrophe ersparen.»

Anspannung bei der Polizei

Bei der Polizei wurde die Nacht auf Samstag mit Spannung erwartet. Innenminister Nicolas Sarkozy kündigte die Mobilisierung «aller verfügbaren mobilen Einsatzgruppen» an, um Buspassagiere vor Übergriffen durch Randalierer zu schützen. Zuvor waren bereits im Grossraum Paris vier Busse in Brand gesetzt worden.

In der Nacht zum Freitag blieb es laut Polizeivertretern relativ «ruhig». Lediglich in Montfermeil im Département Seine-Saint-Denis gab es Ausschreitungen zwischen Polizei und Jugendlichen. Ein Polizeibeamter wurde durch Steinwürfe leicht verletzt, ein Auto wurde angezündet.

Vorwurf an die Medien

Die Regierung warf den Medien vor, den Jahrestag aufzubauschen und zeigte ihre Bemühungen auf, mit denen sie die Lebensbedingungen in den Vororten mit ihrer hohen Arbeitslosigkeit zu verbessern versuchte.

Sie verwies auf die 420 Millionen Euro (669 Mio. Franken), die sie seit Jahresfrist in die Vororte investiert habe. «Die Dinge sind besser, weniger schlecht», sagte Regierungssprecher Jean- Francois Cope in einem Radiointerview.

«Im täglichen Leben der Menschen hat sich sehr wenig geändert», sagte dagegen Clichys Vizebürgermeister Olivier Klein der Nachrichtenagentur Reuters am Rande des Schweigemarsches. In seiner Stadt sei die Arbeitslosigkeit drei Mal so hoch wie im Rest des Landes.

(sda)

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