Talente-Mangel: Gesucht: Köche, Vertreter, Ungelernte
Aktualisiert

Talente-MangelGesucht: Köche, Vertreter, Ungelernte

Hochqualifizierte Fachleute sind in der Schweiz gesucht. Doch fehlen immer mehr auch Ungelernte. Die meisten Firmen haben keine Strategien gegen den Talente-Mangel.

von
Sabina Sturzenegger

Es ist paradox: In Europa stehen Millionen vorwiegend junge Menschen ohne Job da. Gleichzeitig haben immer mehr Firmen auf der ganzen Welt Probleme, die richtigen Leute für ihre offenen Stellen zu finden. Dies zeigt eine Studie des globaltätigen Jobvermittlers Manpower.

Demnach sucht durchschnittlich ein Drittel der befragten Arbeitgeber nach qualifizierten Mitarbeitern. In der Schweiz gaben 28 Prozent der 490 befragten Arbeitgeber an, von der Talentknappheit betroffen zu sein.

Mangelberufe seit Jahren

Am meisten suchen die Schweizer Firmen Facharbeiter. Dazu gehören Mechaniker oder Monteure, die eine Spezialausbildung haben und fähig sind, eine Maschine an einem Fliessband zu steuern. Solche und ähnliche Berufe liegen bereits seit drei Jahren auf der Spitzenposition der Liste mit den zehn meistgesuchten Berufen in der Schweiz.

Auf Platz zwei der Liste stehen 2012 die Ingenieure. Sie zählen ebenfalls seit Längerem zu den Mangelberufen. Die Situation scheint sich aber zu verschärfen: 2010 lagen sie noch auf dem 6. Rang, letztes Jahr auf Rang 3.

Neue Mangelberufe: Koch, Mechaniker, Ungelernte

An dritter Stelle der diesjährigen Rangliste stehen Aussendienstmitarbeiter, also Handels- und Vertriebsvertreter. Ihr Aufstieg in der Liste der Mangelberufe ist ebenfalls rasant: Vor einem Jahr noch standen sie auf Platz 9.

Auch Köche (Platz 4) sowie Mechaniker (6) und ungelernte Arbeiter (8) gehören zu den zehn am meisten gesuchten Berufen in der Schweiz. Die beiden letzteren Berufsgruppen sind dieses Jahr sogar zum ersten Mal in der Top 10. Den Grund dafür sehen Experten in der Vernachlässigung von Berufslehren und Fachschulen. Der Schwerpunkt werde zu stark auf universitäre Ausbildungen gelegt, heisst es im Bericht von Manpower.

Zu wenig und zu schlechte Kandidaten

Nicht weiter verwunderlich ist es daher, dass bloss noch vier von zehn Mangelberufen zumindest teilweise eine höhere Fachausbildung verlangen: Neben den Ingenieuren sind dies die IT-Spezialisten, die auf Platz sieben der Rangliste liegen, Finanzpersonal (Platz 9) sowie Marketing- und PR-Fachleute (Platz 10). Hingegen sind Fachkräfte für Management und Geschäftsführung sowie Ärzte nicht mehr in der Top 10 der am meisten gesuchten Berufe zu finden.

Zwei Drittel der Arbeitgeber sagen, es gebe auf dem Arbeitsmarkt zu wenig verfügbare Kandidaten und zu wenig Bewerbungen für die gesuchten Berufe. Ebenso viele geben aber auch an, dass die Kandidaten schlicht nicht ihren Vorstellungen entsprechen: Sie verfügen nicht über die gewünschten fachlichen Qualifikationen.

Arbeitgeber haben keine Strategie

Umso erstaunlicher ist es, dass die wenigsten der befragten Arbeitgeber eine Strategie haben, wie sie dem Talentmangel in Zukunft begegnen wollen. «Ein bemerkenswerter Anteil von 31 Prozent hat keine geeignete Lösungsstrategie, um den Mangel an qualifiziertem Personal zu überbrücken», schreibt Manpower.

Unter denen, die eine Strategie gegen die Talentknappheit haben, lassen sich drei herausheben: Ein Fünftel der befragten Schweizer Arbeitgeber wollen die Umschulung und Weiterbildung ihrer Belegschaft nutzen, um die Lücken zu füllen. 12 Prozent geben an, ihre Talente in anderen Regionen zu suchen. 19 Prozent suchen sie sogar im Ausland.

Einfluss des Talent-Mangels verringert sich

Überraschend ist laut Manpower die Tatsache, dass immer mehr Arbeitgeber der Meinung sind, die Talent-Knappheit habe keinen oder wenig Einfluss auf Stakeholder wie Kunden und Investoren: Weltweit ist ihr Anteil seit vergangenem Jahr von 36 auf 56 Prozent gestiegen. In der Schweiz machen sich nur noch 42 Prozent der Arbeitgeber Sorgen um die Auswirkungen unbesetzter Stellen.

«Es könnte sein, dass ein neuer Normalzustand eingetreten ist», schreibt Manpower dazu. Für den Arbeitsmarktdienstleister ist das jedoch eine bedrohliche Entwicklung: «Es wäre ein fataler Fehler, die Auswirkungen von unbesetzten Stellen zu unterschätzen.» Die Unternehmen dürften die Folgen der Talentknappheit nicht länger verdrängen.

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