Jobsharing: Geteilte Stelle, doppelte Freude?
Aktualisiert

JobsharingGeteilte Stelle, doppelte Freude?

Mehr Zeit für die Familie und trotzdem Karrierechancen: Dies versprechen die Befürworter von Jobsharing-Modellen.

von
J. Büchi
Geht es nach dem Verband PTO, soll sich Jobsharing auch in Kaderpositionen etablieren.

Geht es nach dem Verband PTO, soll sich Jobsharing auch in Kaderpositionen etablieren.

Viele Menschen in der Schweiz würden gern Teilzeit arbeiten – doch längst nicht alle können dies auch. Vor allem in gewissen Branchen und in Kaderpositionen ist es schwierig, eine Stelle mit reduziertem Pensum zu finden. Gemäss dem Verein Part Time Optimisation (PTO) gäbe es aber eine Möglichkeit, mehr Arbeitnehmern ein reduziertes Pensum zu ermöglichen: «Jobsharing», laute das Zauberwort.

Die Idee: Zwei oder mehr Mitarbeiter teilen sich die Verantwortung für eine Vollzeitstelle. «Im Gegensatz zu herkömmlichen Teilzeitstellen entsteht so in einem Betrieb fast nie die Situation, dass die zuständige Person an einem Tag nicht da ist – die Stelle ist zu 100 Prozent besetzt», erklärt Irenka Krone-Germann, Co-Direktorin des PTO.

Der Verein hat in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz eine umfassende Erhebung zum Stellenteilen in der Schweiz gemacht. Die am Freitag vorgestellten Ergebnisse zeigen: Auch wenn Jobsharing in den vergangenen fünf Jahren an Bedeutung gewonnen hat, bieten 72 Prozent der befragten Unternehmen diese Möglichkeit noch nicht an (siehe Box).

Viele «Zielgruppen»

«Der Aufholbedarf ist sehr gross», sagt Krone-Germann. Sie geht davon aus, dass Jobsharing in Zukunft für verschiedene Gruppen von Arbeitnehmenden wichtiger wird:

Für Junge: Diverse Studien belegen, dass die sogenannte Generation Y mehr Wert auf Freizeit legt als ältere Arbeitnehmer.

Kaderleute: Sie sind oftmals besonders hohen Belastungen ausgesetzt. Heute ist es für sie jedoch meist schwierig, ihr Pensum zu reduzieren.

Für Frauen/ Mütter: Schon heute arbeiten 58 Prozent der Frauen in der Schweiz Teilzeit. Viele reduzieren ihr Arbeitspensum, sobald sie Kinder haben. Oft können sie dadurch jedoch keine Schüsselpositionen in Unternehmen besetzen .

Männer/ Väter: Viele Männer wollen laut Umfragen weniger arbeiten und sich dafür mehr um ihre Familie kümmern. Oftmals befürchten sie jedoch, dadurch ihre Karriere zu schädigen.

Für ältere Arbeitnehmer: In den Jahren vor der Pensionierung wollen Angestellte oft beruflich kürzertreten. Es droht, Know-how verlorenzugehen, das in einem Jobsharing-Modell jüngeren Kollegen weitergegeben werden könnte.

Arbeitgeber sehen Vor- und Nachteile

Auch für die Arbeitgeber wird Jobsharing zunehmend zum Thema: «Seit dem 9. Februar müssen wir besonders darum besorgt sein, dass wir genügend gut qualifizierte Fachkräfte finden», sagt Roland A. Müller, Direktor des Arbeitgeberverbands. Das Teilen von Stellen und andere alternative Arbeitszeitmodelle stellten eine Möglichkeit dar, das Potenzial im Inland besser zu nutzen. «Vor allem gut ausgebildete Frauen können so nach der Geburt ihrer Kinder besser in den Beruf zurückgeholt werden.»

Allerdings sei Jobsharing aus seiner Sicht nicht überall sinnvoll: «Es lohnt sich nicht, eine Stelle zu teilen, wenn die Übergabe zwischen den beiden Partnern zu kompliziert wird.» Ausserdem seien Jobsharing-Modelle unter dem Strich meist teurer, als wenn jemand Vollzeit arbeitet. Je höher eine Stelle hierarchisch sei, desto schwieriger werde es deshalb, sie zu teilen, so Müller.

Gesellschaftliche Diskussion erwünscht

Krone-Germann widerspricht: Zwar sei Jobsharing nicht für jedermann geeignet: «Man muss fähig sein, Macht und Erfolg zu teilen – das ist nicht jeder.» Allerdings gebe es bereits viele Beispiele, die zeigen, dass Jobsharing auch bei Kaderstellen funktioniere. So machten erst kürzlich Chefärzte Schlagzeilen, die sich eine Stelle teilen. «Ich gehe davon aus, dass auch Bankchefs in Zukunft ihren Job nicht mehr allein machen werden.» Die Studie von PTO und FHNW bestätige zwar, dass Jobsharing höhere Informationskosten oder einen höheren Personalaufwand bedeuten können. Dafür habe es den Vorteil, dass der Arbeitgeber von der Kompetenz zweier Personen profitiere.

Damit sich das Modell durchsetze, müssten sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer besser über Vor- und Nachteile der Modelle informiert werden, so Krone-Germann. PTO stellt auf seiner Website einen Ratgeber mit Tipps für beide Seiten zur Verfügung. «Es ist wichtig, dass das Thema jetzt öffentlich diskutiert wird», findet auch Roland A. Müller. Bei den Arbeitgebern seien bereits Bestrebungen im Gang, solche Modelle zu fördern. «Es braucht aber eine gesamtgesellschaftliche Akzeptanz, damit die Bereitschaft da ist, Stellen zu teilen.»

Arbeiten Sie in einem Jobsharing-Modell? Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen auf feedback@20minuten.ch

Zur Studie:

Für die Jobsharing-Umfrage, die die Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz im Auftrag des Vereins PTO durchführte, wurden im November und Dezember 2013 384 Arbeitsstätten mit insgesamt 180'000 Angestellten befragt. Die Resultate: Bei 27 Prozent der Schweizer Arbeitgeber ist Jobsharing möglich. Am häufigsten werden Stellen in der öffentlichen Verwaltung und in der Finanz- und Versicherungsbranche geteilt. Unternehmen, die keine Jobsharing-Angebote anbieten, begründen dies am häufigsten damit, dass bis jetzt noch kein Antrag von Seiten der Mitarbeitenden eingereicht worden sei. Weiter sehen sie Schwierigkeiten darin, die Funktionen zu teilen.

(jbu/sda)

Deine Meinung