Zürich: Wurde die Küsnachter Ärztin erstickt, vergiftet oder war es ein Herztod?

ZürichWurde die Küsnachter Ärztin erstickt, vergiftet oder war es ein Herztod?

Eine Frau soll ihren Ex-Freund dazu angestiftet haben, ihre Mutter zu töten. Ab heute stehen die beiden vor dem Obergericht.

von
Stefan Hohler
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Eine Frau und ihr Ex-Freund müssen sich ab heute vor der Obergericht verantworten.

Eine Frau und ihr Ex-Freund müssen sich ab heute vor der Obergericht verantworten.

20min/Taddeo Cerletti
Der Mann soll die Mutter der heute 48-Jährige getötet haben.

Der Mann soll die Mutter der heute 48-Jährige getötet haben.

20min/Taddeo Cerletti
Laut Anklage soll die Tochter ihn dazu angestiftet haben.

Laut Anklage soll die Tochter ihn dazu angestiftet haben.

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Dienstag, 21.06.2022

Zusammenfassung

Mit dem Plädoyer des Anwaltes der 48-jährigen Beschuldigten ist der erste Prozesstag am Obergericht beendet worden. Am Donnerstag wird der Verteidiger des dritten Beschuldigten sein Plädoyer halten. Sein Mandant befindet sich in Kolumbien und hat trotz Versprechen auf freies Geleit durch das Gericht auf eine Teilnahme an der Verhandlung verzichtet. Zuvor hatten die beiden Verteidige der Tochter der Ärztin und ihrem Ex-Freund Freisprüche verlangt.

Für den Anwalt gibt es kein Tatmotiv

Der Anwalt der Tochter verlangt die Bestätigung des Urteils des Bezirksgerichts Meilen vom September 2020. Dieses hat die Frau freigesprochen und ihr eine Genugtuung von 200'000 Franken zugesprochen. «Eine Anstiftung gibt es nicht und auch keine Beweise dafür», sagt der Verteidiger. Was der Staatsanwalt präsentiere sei eine Glaubensfrage. Das abgehörte Gespräch, bei dem der damalige Freund Geld forderte, habe nichts mit dem angeblichen Mord zu tun. Es habe sich um einen, von der Tochter verpatzen Drogendeal gehandelt, und der Ex-Freund sei von den Dealern unter Druck gesetzt worden.

Für den Anwalt gibt es auch kein Tatmotiv. Für die vom Staatsanwalt gemachte Hypothese, dass seine Mandantin befürchtete, enterbt zu werden, gebe es keine Hinweise. Die Tochter habe gar nicht gewusst, was im Testament stand, dies war auch nicht in der Wohnung deponiert, sondern beim Notar.

Mutter warf Tochter nach Streit aus dem Haus

Weiter sagt der Staatsanwalt, dass die 73-Jährige ein Tag nachdem sie die Tochter aus ihrem Hause geworfen habe, getötet wurde – das sei kein Zufall. «Die Tochter musste nach einem grossen Streit mit der Mutter das Haus verlassen.» Sie befürchtete einen möglichen Erbschaftsverlust. Dass sich die Tochter an der heutigen Verhandlung nicht mehr an die Vorgänge erinnere, überrasche. Sie müsste doch ein grosses Interesse haben, den Tod ihrer Mutter aufzuklären. «Sie wusste was vorgefallen war, aber will aus verständlichen Gründen nicht, dass die Wahrheit ans Licht kommt», sagt der Staatsanwalt. Sie habe den Tod ihrer Mutter gewollt.

Der Staatsanwalt verlangt für die 48-Jährige eine Verurteilung wegen Anstiftung zu Mord und eine Freiheitsstrafe von achtzehneinhalb Jahren. Ihr Ex-Freund soll wegen Raubmordes mit neunzehneinhalb Jahren bestraft werden. Der in Kolumbien sich befindliche Komplize soll eine Freiheitsstrafe von fünfzehneinhalb Jahren erhalten.

Nach der Tat geraubtes Geld im Red Lips-Club verprasst

Für den Staatsanwalt ist klar, dass der Beschuldigte die Ärztin getötet hat. Man habe seine DNA-Spuren in der Wohnung, im Schlafzimmer, im Bett, am Körper der Toten und an der Klarsichtfolie gefunden, mit welcher die 73-Jährige erstickt wurde. Dort wurde auch Speichel der Verstorbenen gefunden. Weiter fand die Polizei auf seinem Handy Fotos des Deliktsguts. «Wie kommen diese Fotos auf das Handy des Beschuldigten?» fragt der Staatsanwalt. Zudem habe er mit den Kreditkarten der Toten Geldbezüge getätigt, insgesamt 30'000 Franken.

Der 39-Jährige hat sich gemäss Handyauswertung zur Tatzeit nach Küsnacht bewegt. Dort hat er für zwei Stunden das Handy in den Flugmodus gestellt und es dann eingestellt, als er wieder stadteinwärts fuhr. Auch sein Komplize habe zeitgleich das Handy ausgeschaltet. Am nächsten Abend hätten beide Männer rund 10'000 Franken des geraubten Geldes im Red Lips-Club im Zürcher Rotlichtmilieu verprasst. Der Beschuldigte schenkte im Club eine gestohlene Uhr aus der Wohnung der Ärztin einer Frau. «Die Indizien lassen keinen Zweifel, dass der Beschuldigte die Ärztin getötet hat», fasst der Staatsanwalt zusammen.

Zusammenfassung

Am Prozess um den Tod einer 73-jährigen Ärztin aus Küsnacht sind am Dienstagvormittag zuerst die beiden Beschuldigten befragt worden und der erste Anwalt hat sein Plädoyer gehalten. Während der 39-jährige Hauptbeschuldigte und ehemalige Freund der Tochter der Ärztin jegliche Aussage verweigert, will sich die 48-jährige Tochter an nichts mehr erinnern. Der Verteidiger des Hauptbeschuldigten verlangt einen Freispruch. So sei die Todesursache nicht bekannt, die Ärztin sei vermutlich an einem plötzlichen Herztod gestorben. Das Gericht macht nun eine Mittagspause bis 14 Uhr, danach wird der Prozess mit dem Plädoyer des Staatsanwaltes weitergeführt.

Hat die Tochter die Mutter vergiftet?

Der Verteidiger sagt in seinem Plädoyer weiter, dass der Sohn der Ärztin gesagt habe, dass seine Mutter von seiner Schwester über einen längeren Zeitraum hinweg vergiftet worden sei – vermutlich mit dem Medikament Xanax, das die Mutter brauchte. Es sei der Mutter immer schlechter gegangen, als die Tochter bei ihr wohnte. Als die Schwester in den Ferien weilte, habe sich die Mutter wieder erholt. Am 18. August 2016, also kurz vor dem Tod der 73-Jährigen, habe sich die Tochter mit ihr heftig gestritten. Zudem soll die Tochter im Gefängnis gesagt haben, dass sie die Mutter getötet habe. Dies habe eine Gefängnisinsassin gesagt.

«Aus all diesen Gründen ist mein Mandant nach dem Grundsatz ‹In dubio pro reo› (Im Zweifel für den Angeklagten) freizusprechen», sagt der Anwalt.

Keine Anhaltspunkte für ein Ersticken

Nach der Befragung der beiden Beschuldigten hält der Anwalt des 39-jährigen Hauptbeschuldigten sein Plädoyer. Er verlangt für seinen Mandanten einen Freispruch, eine angemessene Genugtuung und die Entlassung aus der Sicherheitshaft. Er befindet sich seit fast sechs Jahren im Gefängnis.

Der Anwalt stützt sich dabei auf das Gutachten des renommierten Gerichtsmediziners Klaus Püschel aus Hamburg. Der Mediziner ist Experte im Bereich des mechanischen Erstickens und hat ein Standardwerk darüber verfasst. Laut Püschel ist die Todesursache ungeklärt, es gibt keine Anhaltspunkte für ein Ersticken — ein plötzlicher Herztod sei die wahrscheinlichste Todesursache. Die Frau hatte im Juli 2016 zudem eine Krebstumor-Operation hinter sich und war gesundheitlich angeschlagen.

Im Weiteren kritisiert der Anwalt die Zürcher Rechtsmediziner des Instituts für Rechtsmedizin (IRM). Sie hätten es versäumt, die Tote noch am gleichen Tag, an dem die Leiche aufgefunden wurde, zu obduzieren und Lungengewebe zu entnehmen. Die Obduktion erfolgte erst am nächsten Tag, als sich in der Lunge schon stark fortgeschrittene Fäulnisvorgänge bemerkbar machten und die Gewebeproben kaum mehr beurteilbar gewesen seien. «Es kann nicht sein, dass durch die Versäumnisse des IRM eine Person zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wird», sagt der Anwalt.

Im Weiteren, so der Anwalt, seien bei der Toten keine Anzeichen von Abwehrverletzungen an Händen und Armen festgestellt worden, was auch gegen einen Erstickungstod spreche. Es gebe keine direkten Beweise für eine Tötungshandlung, nur Hinweise. Die Polizei habe Schuhabdruckspuren von zwei oder drei Personen und eine männliche DNA im Bett der Verstorbenen gefunden, die keinem der mutmasslichen Täter zugeordnet werden konnten.

Tanzen am Vorabend im Club «Heile Welt»

Die Tochter, ihr damaliger Freund und ein dritter Mann waren am Vorabend vor der Tat im Ausgang gewesen. Der Mord wurde laut Anklageschrift in den frühen Morgenstunden des 20. Augusts verübt. Das Trio ging am 19. August tanzen in einen Club in Zürich namens «Heile Welt». «Über was haben Sie damals geredet, über ihre Mutter?», fragt der Richter, worauf die Beschuldigte sagt: «Ich kann mich nicht mehr erinnern.»

Das psychiatrische Gutachten attestiert der Frau eine psychische Verhaltensstörung durch Medikamentenabhängigkeit. Sie habe eine Borderline-Störung, sei aber voll schuldfähig. Die Tochter nimmt nach eigenen Angaben jetzt nur noch einmal pro Tag eine Ritalintablette.

Tochter erinnert sich an nichts mehr

Die Tochter der getöteten Ärztin gibt im Gegensatz zu ihrem Ex-Freund Auskunft bezüglich ihres Privatlebens und der Tat. Nur erinnert sie sich angeblich an nichts mehr. So weiss sie nicht mehr, warum sie den Chatverlauf mit dem Ex-Freund nach dessen Verhaftung gelöscht hat. Darin hatte sie dem Freund geschrieben, dass sie ihm Geld auszahlen würde. «Wozu?», will der Richter wissen. «Ich weiss es nicht mehr.»

Sie hat auch keine Ahnung, wer die Mutter getötet haben soll. In der Untersuchung hatte sie noch gesagt, dass der Ex-Freund indirekt mit dem Tod der Mutter etwas zu tun haben könnte. Auf die Frage, ob sie dem damaligen Freund einen Schlüssel zur Wohnung gegeben habe, verweigerte sie die Aussage. «Es ist auffällig, dass Sie sehr vieles nicht mehr wissen», sagt der Richter.

Hauptbeschuldigter verweigert jegliche Aussage

Der 39-jährige Hauptbeschuldigte verweigert – wie schon zuvor vor dem Bezirksgericht Meilen – jegliche Aussage zur Tat und zur Person. Er hat dem Obergericht einen Brief geschickt, in dem er schrieb, dass er die Tat nicht gemacht habe. Weiter stand im Brief, dass er seine Kinder nicht mehr sehen und in die Arme nehmen konnte.

Der Richter erinnert ihn, dass gemäss Spurenbild mindestens zwei Personen vor Ort in der Villa der getöteten Ärztin gewesen waren. «Nehmen Sie es in Kauf, dass Ihnen alleine eine lange Gefängnisstrafe droht, trotz mehreren potentiellen Tätern?», fragt der Richter. «Keine Aussage», sagt der Beschuldigte.

Dritter Beschuldigter erscheint trotz freiem Geleit nicht

Zu Beginn der Verhandlung vor dem Obergericht sagt der vorsitzende Richter, dass der dritte Beschuldigte nicht erscheinen werde, obwohl ihm das Gericht freies Geleit zugesagt hat. «Es würde ihm nichts passieren», sagt der Richter.

Beim Beschuldigten handelt sich um einen 33-jährigen schweizerisch-kolumbianischen Doppelbürger. Er war laut Anklage Komplize und soll ebenfalls am Raubmord an der Ärztin beteiligt gewesen sein. Der Mann sass während rund eines Jahres in Untersuchungshaft. Er hatte sich nach Kolumbien abgesetzt, nachdem er im März 2019 auf Anordnung des Bundesgerichts aus der Untersuchungshaft entlassen worden war.

Das Bezirksgericht Meilen hat ihn im September 2020 freigesprochen und ihm eine Entschädigung von 42'000 Franken zugesprochen. Der Staatsanwalt verlangt eine Freiheitsstrafe von fünfzehneinhalb Jahren.

Montag, 20.06.2022

Urteil Bezirksgericht

Das Bezirksgericht Meilen sprach die Tochter im September 2020 vom Vorwurf frei, die Tötung ihrer Mutter in Auftrag gegeben zu haben. Den Freispruch der Tochter begründete das Gericht damit, dass es keinen Beweis oder eine schlüssige Indizienkette für eine Anstiftung gab. Ihr Ex-Freund wurde hingegen des Mordes schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von 19 Jahren verurteilt. Seine DNA sei auf der Cellophanfolie und dem Kissen, mit der die Ärztin erstickt wurde, sowie an der Leiche und im Bett gefunden worden. Da gegen das Urteil Berufung angemeldet wurde, wird der Fall ab Dienstag vor dem Zürcher Obergericht verhandelt.

Ärztin soll erstickt worden sein

Die Tochter einer Ärztin aus Küsnacht soll 2016 ihrem Ex-Freund 300’000 Franken versprochen haben, wenn er ihre Mutter tötet. Das, laut Anklageschrift, weil sie mit einem Millionenerbe rechnete. Am Prozess vor dem Zürcher Obergericht, der am Dienstag beginnt und auf insgesamt drei Tage angesetzt ist, müssen sich die heute 48-jährige Tochter und ihr damaliger Freund verantworten. Die Tochter ist der Anstiftung zum Mord angeklagt, der 39-jährige Bauarbeiter des Raubmordes.

In den frühen Morgenstunden des 20. August 2016 soll der Ex-Freund in Begleitung eines Komplizen zum Wohnort des 73-jährigen Opfers gefahren sein. Laut Anklage haben die beiden Männer die Frau dort mit einem Kissen oder eine Klarsichtfolie über Mund und Nase erstickt. Danach sollen die Männer die Wohnung durchsucht und Schmuck, Geld und Wertgegenstände gestohlen haben. Die versprochene Summe von 300'000 Franken hätten die Beschuldigten von der Tochter aber nicht erhalten – sie wurde verhaftet und die Konten gesperrt.