Schweiz: Gewässer so heiss wie nie – vermiesen uns Giftalgen jetzt die Badisaison?

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SchweizGewässer so heiss wie nie – vermiesen uns Giftalgen jetzt die Badisaison?

Blaualgen stellen eine Gefahr für Mensch und Tier dar und vermiesen den Badis das Geschäft. Mit den hohen Wassertemperaturen könnte sich die Situation verschärfen. 

von
Thomas Obrecht
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Warmes Wasser und massenweise Nährstoffe begünstigen übermässiges Algenwachstum und ein sogenanntes «Umkippen der Seen».

Warmes Wasser und massenweise Nährstoffe begünstigen übermässiges Algenwachstum und ein sogenanntes «Umkippen der Seen».

20min/Taddeo Cerletti
«Gerade in Seen kommt es in der obersten Seeschicht zu einem Sauerstoffmangel, welcher bestehende aerobe Bakterien absterben und neue, teils giftige und übelriechende Bakterien entstehen lässt», sagt Martina Küng vom Verband Schweizer Abwasser und Gewässerschutzfachleute (VSA).

«Gerade in Seen kommt es in der obersten Seeschicht zu einem Sauerstoffmangel, welcher bestehende aerobe Bakterien absterben und neue, teils giftige und übelriechende Bakterien entstehen lässt», sagt Martina Küng vom Verband Schweizer Abwasser und Gewässerschutzfachleute (VSA).

20min/Taddeo Cerletti
«Der See beginnt zu faulen. Für fast alle Organismen des Sees bedeutet das den Tod.» Dieser Vorgang gefährde auch den Menschen: «Wer in einem umgekippten See schwimmt, muss mit Hautreizungen und allergischen Reaktionen rechnen», so Küng.

«Der See beginnt zu faulen. Für fast alle Organismen des Sees bedeutet das den Tod.» Dieser Vorgang gefährde auch den Menschen: «Wer in einem umgekippten See schwimmt, muss mit Hautreizungen und allergischen Reaktionen rechnen», so Küng.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Laut Experten ist ein sogenanntes Umkippen von Gewässern bereits im Gang.

  • Wegen der hohen Wassertemperaturen sind im Rhein bereits erste Fische verendet. Zudem haben sich im Bodensee stinkende Grünalgenblüten gebildet.

  • Aufgrund der weiterhin heissen Witterung ist zu erwarten, dass sich die Situation weiter verschärfe.

Die Aare war im Juli noch nie so warm wie dieses Jahr. Auch an 22 anderen Stationen verzeichnet das Bundesamt für Umwelt BAFU neue Höchstwerte. Doch warmes Wasser und massenweise Nährstoffe begünstigen übermässiges Algenwachstum und ein sogenanntes Umkippen der Seen, was im übertragenen Sinn bedeutet, dass das Seesystem aus dem Gleichgewicht gerät. «Die aktuell sehr hohen Temperaturen bei sehr niedrigen Wasserständen können solche Vorgänge beschleunigen», heisst es beim Eawag auf Anfrage. 

«Gerade in Seen kommt es in der obersten Seeschicht zu einem Sauerstoffmangel, welcher bestehende aerobe Bakterien absterben und neue, teils giftige und übelriechende Bakterien entstehen lässt», sagt Martina Küng vom Verband Schweizer Abwasser und Gewässerschutzfachleute (VSA). «Der See beginnt zu faulen. Für fast alle Organismen des Sees bedeutet das den Tod.» Dieser Vorgang gefährde auch den Menschen: «Wer in einem umgekippten See schwimmt, muss mit Hautreizungen und allergischen Reaktionen rechnen», so Küng. Sollte das Wasser geschluckt werden, könne es zudem zu Durchfall oder zu Erkrankungen der Atemwege kommen.

Blaualgen können zudem eine tödliche Gefahr für Tiere bedeuten. Am Neuenburgersee ist im Juni ein Hund an einer Blaualgen-Vergiftung gestorben. Zwei Jahre zuvor kamen dort sechs Hunde ums Leben. In der Folge verhängten die Behörden ein Badeverbot. Erst kürzlich wurden Blaualgen rund um den Greyerzersee entdeckt. Laut Aline Venetz vom La Gruyère Tourismus starb ein Hund daran. Ein Badeverbot sei derzeit dennoch nicht geplant. «Wir behalten die Situation im Auge und informieren die Gäste fortlaufend», sagt Venetz. 

Dass ein vermehrtes Aufkommen von Blaualgen den Badeanstalten das Geschäft vermiesen kann, zeigt das Beispiel der Seebadi Egg am Greifensee. Im Mai waren zwei Hunde nach einem Spaziergang am Greifensee verstorben. «Dieser Vorfall hatte einschneidende Folgen für das Jahresgeschäft. Die Blaualgen waren den ganzen Sommer ein Thema, auch wenn wir teilweise gar nicht mehr betroffen waren. Das führte dazu, dass merklich weniger Gäste die Badi besuchen», sagt die Betreiberin des Badi-Imbisses Sandra Ruch. «Die wenigen Gäste vor Ort geniessen aber die neue Ruhe, ohne den üblichen Andrang.»

Blaualgen

Blaualgen brauchen ruhiges und warmes Wasser, genügend Nährstoffe und Sonnenstrahlen, um wachsen zu können. Bei wechselhaftem Wetter und anschliessender Schönwetterperiode kann es innert weniger Tage zu einem starken Wachstum kommen. Hochsaison dafür sind Spätsommer und Herbst. Gefährlich für Mensch und Tier kann es sein, wenn grössere Mengen Wasser mit einem hohen Gehalt an Cyanobakterien verschluckt werden. Bei Massenvorkommen von Blaualgen ist daher Vorsicht geboten. Eine potentielle Gefahr ist gut erkennbar, weil das Wasser eine auffällige Verfärbung aufweist. In einem Merkblatt gibt der Kanton Zürich folgende Tipps:

  • Wenn man aufgrund der Algendichte im knietiefen Wasser die eigenen Füsse nicht mehr klar erkennen kann, sollte man nicht baden.

  • Auffällig gefärbte Wasserflächen mit Schlieren oder Flocken meiden. Personen mit empfindlicher Haut sollen das Baden im See auf Bereiche mit klarem Wasser beschränken.

  • Verschlucken von Wasser vermeiden. Nach dem Baden gut duschen und gründlich abtrocknen.

  • Hunde und Kleinkinder sollten das Baden und Spielen auf klares, farblich unauffälliges Wasser beschränken. Hunde sollten nur klares Wasser trinken.

  • Bei Kontakt mit algenverseuchtem Wasser muss das Fell gut ausgewaschen werden. 

«Einzelne Gewässer sind bereits umgekippt»

Laut Heinz Ehmann vom Amt für Umwelt des Kantons Thurgau zeigt die heisse Witterung der vergangenen Wochen in den Gewässern ihre negativen Auswirkungen. «Wegen der hohen Wassertemperaturen sind im Rhein bereits erste Fische verendet. Zudem haben sich im Bodensee zeitweise Grünalgenblüten gebildet.» Aufgrund der weiterhin heissen Witterung sei zu erwarten, dass sich die Situation weiter verschärfe.

Auch in anderen Kantonen wird diese Entwicklung festgestellt. «Einzelne Gewässerabschnitte sind bereits umgekippt», bestätigt Michael Madliger vom Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons Aargau. Betroffen seien vorwiegend kleinere stehende Gewässer oder Bachabschnitte, die nicht mehr durchflossen werden. «Bäche und Flüsse betrifft es typischerweise nicht, weil dort das Wasser durch die Strömung laufend durchmischt wird», so Madliger.

Laut Alain Schmutz vom Amt für Landwirtschaft und Umwelt des Kantons Obwalden ist es kurzfristig nicht möglich, einen umkippenden See noch zu retten. Für einige Seen habe man jedoch schon früher vorgesorgt. «Es gibt längerfristige Massnahmen, die das Umkippen von Seen verhindern sollten», sagt Schmutz. «So wurden etwa in nährstoffreicheren Mittellandseen künstliche Belüftungs- und Zirkulationsanlagen eingebaut, um den See ganzheitlich mit Sauerstoff zu versorgen.»

Was man jedoch kurzfristig versuche, sei, die Fische zu retten, sagt Marco Paganoni, Sprecher vom Bau- und Umweltdepartement St. Gallen. «Gefährdete Gewässer werden teils abgefischt, um die Fische dann in kühleren Gewässern wieder auszusetzen.» In früheren Jahren habe man auch in grösseren Gewässern schon Löcher ausgehoben, um den Fischen einen kühlen Rückzugsort zu ermöglichen.

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