Hochschul-Studie: Gewalt gegen Kinder hat nach Lockdown zugenommen
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Hochschul-StudieGewalt gegen Kinder hat nach Lockdown zugenommen

Innerfamiliäre Konflikte und Gewalt nahmen nach dem Lockdown eher zu als ab. Das zeigt eine repräsentative Befragung der Hochschule Luzern.

von
Dominic Wipfli
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Zwei Forscherinnen des Departements Soziale Arbeit der Hochschule Luzern haben eine Bevölkerungsbefragung zu innerfamiliären Konflikten während der Coronakrise durchgeführt.

Zwei Forscherinnen des Departements Soziale Arbeit der Hochschule Luzern haben eine Bevölkerungsbefragung zu innerfamiliären Konflikten während der Coronakrise durchgeführt.

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Lockdown im Frühjahr: Für die Studie wurden in einem Zeitraum von vier Wochen über 1000 Personen über ihr Befinden während des Lockdowns befragt. 

Lockdown im Frühjahr: Für die Studie wurden in einem Zeitraum von vier Wochen über 1000 Personen über ihr Befinden während des Lockdowns befragt.

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 Die Befragung ergab, dass sich das Zusammenleben der Befragten während des Lockdowns verändert habe.

Die Befragung ergab, dass sich das Zusammenleben der Befragten während des Lockdowns verändert habe.

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Darum gehts

  • Innerfamiliäre Konflikte und Gewalt nahmen nach dem Ende des Lockdowns eher zu als ab.

  • Die Studie hat untersucht, wie sich das Zusammenleben in den Familien während des Lockdowns und in den ersten Monaten danach entwickelt hat.

  • Deutlich zeigte sich eine Zunahme von Gewalt gegenüber Kindern.

  • Selten kam es zur Körperlichen oder sexueller Gewalt.

Bislang beruhten die Aussagen zur Entwicklung der Fallzahlen häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie auf Auswertungen der polizeilichen bekannten Fällen und von Beratungszahlen von Opferhilfestellen, teilte die Hochschule Luzern (HSLU) mit. «Diese Zahlen geben ausschliesslich über gemeldete Fälle Auskunft», sagt Paula Krüger, Gewaltforscherin an der HSLU. Es sei jedoch bekannt, dass sich nur wenige Betroffene direkt an die Polizei oder Beratungsstellen wenden.

Ergänzend zu den offiziellen Statistiken brauche es Dunkelfeldstudien, in denen die Bevölkerung zu Konflikten in der Familie bis hin zu Gewalterfahrungen befragt werden. Zwei Forscherinnen des HSLU-Departements Soziale Arbeit haben dazu eine repräsentative Langzeitstudie lanciert. In Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut GFS Bern haben sie in einem Zeitraum von vier Wochen über 1000 Personen über ihr Befinden während des Lockdowns befragt.

Familien ohne Balkon oder Garten erlebten mehr Spannungen

Die befragten Personen beschrieben das Klima in ihren Familien eher als harmonisch. Ein Viertel der Befragten berichtete von Reibereien und Spannungen in der Familie. «Dabei gibt es gewisse Faktoren, die mit dem Auftreten innerfamiliärer Spannungen verknüpft sind», sagt Krüger. Ein grosser Faktor sei, wenn Familien einen Garten oder einen grossen Balkon besitzen. «Familien, die in einem Haus oder einer Wohnung mit Garten oder Terrasse wohnen, haben ihr Familienleben während des Lockdowns als harmonischer beschrieben also solche ohne», so Krüger weiter. Auch das Einkommen habe einen grossen Effekt: «Besonders von Gewalt betroffen waren Personen aus Familien, die Mühe hatten, mit ihrem Einkommen zurechtzukommen und in denen ein eher konfliktbehaftetes Familienklima herrschte», heisst es in der Mitteilung.

Mehr Gewalt gegen Kinder

Die Forscherinnen haben die Familien ebenfalls befragt, ob es im Laufe der Corona-Pandemie zu Gewalt in der Familie gekommen ist. 5,5 Prozent gaben an, das sei während des Lockdowns der Fall gewesen. Im Sommer gingen die Zahlen zwar leicht zurück auf 5,2 Prozent, allerdings wurde hier ein kürzerer Zeitraum von vier Wochen betrachtet im Vergleich zum doppelt so langen Lockdown.

Deutlich zugenommen hat Gewalt gegenüber Kindern. 4,5 Prozent der Befragten gaben an, in der Lockdown-Phase gewalttätig gegenüber ihren Kindern gewesen zu sein. Im Sommer stieg der Wert auf 5,6 Prozent an. Am häufigsten wurde psychische Gewalt angewendet. Wenige der Befragten gaben an, Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt geworden zu sein.

Bestehende Risikofaktoren werden verstärkt

«Die Pandemie erzeugt keine neuen Risikofaktoren, sie setzt bei bekannten Faktoren an und wirkt verstärkend», so Krüger. Die Studienautorinnen wollen mit ihrer Arbeit weitere Einblicke in die Entwicklung von Konflikten und Gewalt während der Pandemie dazugewinnen.« Die Resultate deuten darauf hin, dass die lange Dauer der Pandemie an den Nerven der Bevölkerung nagt, was zu mehr Spannungen und Konflikten bis hin zu Gewalt in den Familien führen kann», so das Fazit.

Bist du oder jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Onlineberatung für Frauen (BIF)

Onlineberatung für Männer

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Tel. 147

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