«Mussten uns einschliessen» – Gewalt gegen Spitalpersonal steigt ungebremst an
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«Mussten uns einschliessen»Gewalt gegen Spitalpersonal steigt ungebremst an

Spitäler in der ganzen Schweiz melden, dass Gewalt von Patienten zunimmt. Die Zahlen waren 2020 schon hoch – und stiegen letztes Jahr noch einmal an.

von
Lucas Orellano
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Pflegende leiden besonders unter der Dünnhäutigkeit der Patientinnen und Patienten.

Pflegende leiden besonders unter der Dünnhäutigkeit der Patientinnen und Patienten.

Getty Images
Zahlreiche Spitäler in verschiedenen Kantonen bestätigen gegenüber 20 Minuten die Tendenz zu mehr Gewalt gegen die Spitalangestellten.

Zahlreiche Spitäler in verschiedenen Kantonen bestätigen gegenüber 20 Minuten die Tendenz zu mehr Gewalt gegen die Spitalangestellten.

Madeleine Schoder / Tamedia
«Ich werde immer wieder körperlich angegangen», sagt eine Pflegefachfrau. «Ich wurde schon ins Gesicht geschlagen, an den Handgelenken gepackt und angeschrien und diverse Male gekniffen.»

«Ich werde immer wieder körperlich angegangen», sagt eine Pflegefachfrau. «Ich wurde schon ins Gesicht geschlagen, an den Handgelenken gepackt und angeschrien und diverse Male gekniffen.»

Madeleine Schoder

Darum gehts

  • Zahlreiche Spitäler melden auch für 2021 stark zunehmende Gewalt durch Patientinnen und Patienten.

  • Der Branchenverband SBK sieht eine lange andauernde Tendenz, verstärkt durch die Pandemie.

  • Vielerorts sahen sich die Spitäler schon vor Jahren gezwungen, einen Sicherheitsdienst einzurichten.

A.M.* und ihre Kollegin schliessen sich im Stationszimmer ein. Der Mann einer Patientin im Wochenbett hat komplett die Fassung verloren, die beiden aufs Übelste beleidigt und gar mit dem Tod bedroht. Als er die Faust erhebt und auf sie zu geht, flüchten sie und alarmieren schliesslich den Sicherheitsdienst, der den wütenden Angehörigen aus dem Spital wirft.

Der Grund für den üblen Ausraster? «Wir mussten die Frau in einem Zimmer isolieren, bis ein Testergebnis da war», sagt A.M. Das reichte bereits, um bei ihrem Ehemann die Sicherungen durchbrennen zu lassen – obwohl dieser sie in der Isolation besuchen durfte. Auch zuhause beruhigte er sich nicht: «Er rief später noch mehrmals an und beleidigte uns und den Rest der Belegschaft weiter.»

«Ich wurde schon ins Gesicht geschlagen»

Das Erlebnis von A.M.* ereignete sich vor Corona. In den vergangenen Jahren hat die Aggression gegenüber dem Spitalpersonal vielerorts noch zugenommen. Andere Geschichten, die 20 Minuten erreichen, zeichnen dasselbe Bild: «Ich werde immer wieder körperlich angegangen», sagt eine andere Pflegefachfrau. «Ich wurde schon ins Gesicht geschlagen, an den Handgelenken gepackt und angeschrien und diverse Male gekniffen.» Eine andere Betroffene sagt: «Verbale Aggressivität findet täglich statt. Gegenstände werden gezielt geworfen, Anordnungen nicht eingehalten.»

Zahlreiche Spitäler in verschiedenen Kantonen bestätigen gegenüber 20 Minuten die Tendenz zu mehr Gewalt gegen die Spitalangestellten. «Wir können bestätigen, dass die Gewalt gegen Mitarbeitende 2021 im Inselspital, Universitätsspital Bern erneut zugenommen hat», sagt Insel-Mediensprecher Didier Plaschy. Er weist darauf hin, dass die Insel Gruppe nur schwerwiegende Fälle systematisch erfasst – also Fälle, bei denen der Sicherheitsdienst beigezogen werden muss.

Von 600 auf 1600 Fälle pro Jahr

Für das Jahr 2021 sind es laut Plaschy über 1600 Fälle. Das sind 40 mehr als im Jahr 2020, für das die Insel bereits sehr hohe Zahlen an Gewalt gegen Mitarbeitende meldete. Im Jahr 2016 waren es noch rund 600 Übergriffe gewesen.

Für Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK), hat die Corona-Pandemie einen bereits existierenden Trend noch verstärkt: «Die steigende Gewalt gegen Pflegende ist bei uns seit Jahren ein Thema, aber seit Corona merkt man deutlich, dass die Leute dünnhäutiger geworden sind.»

Pierre-André Wagner, Leiter des SBK-Rechtsdienstes, sagt, dass die Frustrationstoleranz der Menschen noch stärker abgenommen habe, als das zuvor der Fall war: «Die Anspruchshaltung ist massiv gestiegen. Die Folge sind Erwartungen, die unrealistisch hoch sind, gerade in der Pandemie, in der das Personal selber überlastet ist. Und natürlich sind die Pflegenden diejenigen, die am meisten Zeit mit den Patienten verbringen und deren Frust am deutlichsten zu spüren bekommen.»

Angriffe von Patienten und Begleitern

Von zunehmender Gewalt sind auch die Freiburger Spitäler betroffen. Gemäss Mediensprecherin Catherine Favre Kruit gab es 2021 einen Anstieg von rund 25 Prozent bei verbaler und körperlicher Aggression. «Diese Angriffe können von Patienten und Patientinnen, aber auch von Begleitpersonen ausgehen», so Favre Kruit.

Dasselbe in der Ostschweiz: «Es kommt auch am Kantonsspital St. Gallen seit Jahren immer wieder vor, dass sich Patienten - oder auch deren Begleitpersonen - gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern teilweise aggressiv verhalten», sagt auch KSSG-Mediensprecher Daniel Steimer. «Das ist kein neues Phänomen, hat aber auch bei uns tendenziell leicht zugenommen.» Das Unispital Lausanne spricht auf Anfrage von 20 Minuten von einer Zunahme zwischen 2020 und 2021, ebenso die Genfer Universitätskliniken.

Keine pandemiebedingten Vorkehrungen

«Die Konfrontationen wegen Covid-Regelungen kommen zuzüglich zu den bisher üblichen hinzu», erklärt Caroline Johnson vom Universitätsspital Basel. Dazu sagt Wagner vom SBK: «Die Pflegenden sind täglich mit Menschen konfrontiert, die sich nicht an Regeln halten wollen, die zu ihrem Schutz existieren oder sich nicht impfen lassen wollen, und damit die Überlastung in den Spitälern verschlimmern. Ich staune diesbezüglich über die Gelassenheit und Professionalität des Pflegepersonals.»

Die meisten Institutionen ergreifen dennoch keine pandemiebedingten Sicherheitsvorkehrungen: «Wir haben bereits umfassende Massnahmen (Infrastruktur, Sicherheitspersonal, Schulungen, Standards und Konzepte) implementiert und erachten unser Dispositiv, das wir laufend verbessern, als ausreichend. Eine Kameraüberwachung gehört auch dazu», sagt Insel-Mediensprecher Plaschy.

Andernorts klingt es ähnlich: «Unsere Mitarbeitenden, insbesondere in den Bereichen mit vielen belastenden Situation, wie beispielsweise dem Notfallzentrum, aber auch auf den Stationen werden in Deeskalationstechniken geschult. Wir haben nicht erst seit der Pandemie sicherheitstechnisch wie auch personell aufgerüstet», sagt Johnson vom Unispital Basel. Viele Spitäler bestätigen, dass sie teilweise schon länger über einen Sicherheitsdienst verfügen, der 24 Stunden pro Tag einsetzbar ist.

*Name der Redaktion bekannt.

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