Publiziert

Gegen Hate-Speech«Gewalt hat im Netz so wenig verloren wie in der Offline-Welt»

Beleidigungen sowie rassistische und sexistische Kommentare sind im Internet allgegenwärtig. Seit Dienstag kämpft eine neue Schweizer Plattform aktiv dagegen an – und jeder kann mithelfen.

von
Dominique Zeier
1 / 8
Stophatespeech.ch ist eine neue Schweizer Plattform, die gegen Hassrede im Internet vorgehen möchte.

Stophatespeech.ch ist eine neue Schweizer Plattform, die gegen Hassrede im Internet vorgehen möchte.

20M
Dazu wird ein Bot trainiert, der den Namen Bot Dog trägt.

Dazu wird ein Bot trainiert, der den Namen Bot Dog trägt.

Stophatespeech
Hinter Stophatespeech.ch steckt das Kernteam Sophie Achermann (Vordergrund), Sasha Rosenstein (Hintergrund) und Morgane Bonvallat (rechts).

Hinter Stophatespeech.ch steckt das Kernteam Sophie Achermann (Vordergrund), Sasha Rosenstein (Hintergrund) und Morgane Bonvallat (rechts).

Stophatespeech

Darum gehts

  • Hassrede und beleidigende Kommentare gehören im Internet zur Tagesordnung.

  • Die Frauenorganisation Alliance F will dem aber nicht tatenlos zusehen.

  • Am Dienstag lancierte sie eine Plattform, die aktiv bei der Bekämpfung von Hassrede im Internet mithelfen soll.

  • Dabei kommt ein Bot zum Einsatz, der Hate-Speech von selbst erkennen kann.

  • Jeder kann ab sofort dabei mithelfen, diesen Bot zu trainieren.

Wer sich ab und zu im Internet aufhält, kommt nicht um sie herum: Hassrede oder sogenannter Hate-Speech ist allgegenwärtig. Besonders auf Seiten wie Social-Media-Plattformen oder in den Kommentarspalten von News-Seiten, auf welchen Menschen ihre Meinung offen kund tun können, sind immer wieder hasserfüllte Nachrichten, die sich gegen eine bestimmte Personengruppe oder ein Geschlecht richten, anzutreffen. Dem will ein Schweizer Projekt entgegenwirken.

Seit Dienstag ist die Webseite Stophatespeech.ch online. Dahinter steckt die Frauenorganisation Alliance F. «Wir haben festgestellt, dass beispielsweise Frauen im Netz immer häufiger angefeindet werden», erklärt die Co-Projektleiterin von Stop Hate Speech, Sophie Achermann. «Wir sind aber der Meinung, dass Gewalt im Netz, egal gegen welches Geschlecht, so wenig zu suchen hat, wie in der Offline-Welt. Leider greift das Gesetz in der Schweiz, was Hassrede angeht, aber nicht sehr weit. Daher haben wir uns die Frage gestellt: Wie können wir effizient gegen Hate-Speech vorgehen?»

Bot Dog

Beim näheren Auseinandersetzen mit der Thematik sei schnell klar geworden, dass für solche Bemühungen eine neue Technologie benötigt wird. «Ganz viele Menschen versuchen, der Hassrede ohne Hilfe von Technik entgegenzuwirken. Das ist aber äusserst schwierig. Daher ist uns die Idee gekommen, einen Algorithmus zur Hilfe zu ziehen», erklärt Achermann.

Dieser Algorithmus trägt den Namen Bot Dog und ist darauf programmiert, Hass in Kommentaren von Medienplattformen oder sozialen Netzwerken zu erkennen und zu rapportieren. Um dies erfolgreich tun zu können, muss der Algorithmus allerdings zuerst einmal lernen, was Hate-Speech überhaupt ist. «Hierbei hilft unsere Community», erklärt Achermann. «Auf unserer Webseite können sich Freiwillige registrieren, um anschliessend verschiedenste Kommentare zu bewerten und dem Algorithmus anzugeben, ob es sich dabei um Hate-Speech handelt oder nicht.»

Forschungsprojekt der ETH

In einem ersten Testlauf, der im Mai 2020 angelaufen ist, haben dies bereits rund 600 Freiwillige getan. Seit Dienstag ist auch die Webseite allen Personen offen. Dort kann ab sofort jeder mithelfen, den Bot Dog zu trainieren. «Wir wollen aber noch einen Schritt weiter gehen, als Hasskommentare einfach zu erkennen», so Achermann.

So soll das Projekt Stophatespeech auch dabei helfen, Strategien zu entwickeln, wie effizient gegen Hassrede vorgegangen werden kann. In einem gemeinsamen Forschungsprojekt von Alliance F mit der Universität Zürich und der ETH Zürich soll erforscht werden, welche Strategien von Gegenrede – sogenanntem Counter-Speech – am besten gegen Hassrede helfen.

Mit Humor oder Moral

Um dies herauszufinden, werden die Freiwilligen, die sich auf Stophatespeech.ch angemeldet haben, dazu ermutigt, verschiedenste Strategien von Counter-Speech anzuwenden. Dazu gehört beispielsweise, auf einen Hasskommentar mit Fakten zu antworten, die den Hate-Speech-Anteil des Kommentars widerlegen. Es kann aber auch ein moralischer Appell angewendet werden oder Humor zum Einsatz kommen.

«Es geht nicht darum, mit den Hatern einen Streit anzufangen», erklärt Achermann. «Viel eher wollen wir herausfinden, welche Strategien am besten wirken und in Zukunft hoffentlich ein Best-of-Counter-Speech-Manual herausgeben können, das eine Anleitung bietet, wie man am besten auf Hassrede reagiert.»

«Positivität soll sich schneller verbreiten als Negativität»

Aber auch für Personen, die sich schlicht über das Thema Hate-Speech informieren wollen, bietet die Website Information. So kann man sich etwa selbst testen, ob man Hassrede verlässlich erkennen kann oder nicht. Auf der Website gibt es auch eine Hate-Speech-Enzyklopädie und ein Community-Chat, der sich im Laufe der Zeit vergrössern soll.

Bis anhin haben sich 860 Freiwillige für das Projekt angemeldet und rund 6480 Kommentare bewertet. Darunter befanden sich 7 Prozent Hate-Speech-Kommentare. «Wir freuen uns sehr über diese Zahlen und hoffen, dass sich noch mehr Personen für das Projekt interessieren werden», so Achermann. «Unsere Plattform ist nämlich auch für den Austausch zwischen unserer Community gedacht und soll dazu führen, dass sich im Internet Positivität schneller verbreitet als Negativität.»

Das tut 20 Minuten gegen Hass

20 Minuten toleriert keinerlei Hassrede in den Kommentarspalten. Ein Team von Freischaltern prüft täglich Hunderte Kommentare vor der Publikation. Seit dem vergangene Jahr ist zudem ein komplett neuer Algorithmus im Einsatz, der unzulässige Kommentare noch zuverlässiger aussortieren soll. Er wird stetig verbessert. 20 Minuten appelliert an alle, die an einem gepflegten Meinungsaustausch interessiert sind, die Anstandsregeln und die Kommentarrichtlinien zu beachten.

Bist du oder jemand, den du kennst, von (Cyber-)Mobbing betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Mobbing (kostenpflichtig)

Pro Juventute, Tel. 147

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Hilfe bei Mobbing, Fachstelle für Schulen und Eltern (kostenpflichtig)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
12 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

LieberGott

08.01.2021, 13:34

Das Internet ist halt wirklich kein Schutzraum, sondern wiederspiegelt urmenschliche Züge. Lebt damit.

LieberGott

08.01.2021, 13:12

Das Internet ist kein Schutzraum, sondern verdankt seine Resonanzen urmenschlichen Trieben. So sieht's aus.

1984 schon vergeben xD

08.01.2021, 08:33

George Orwell würde sich im Grab umdrehen!