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Psychische Misshandlung«Gewalt mitzuerleben, belastet viele Kinder»

Die Zahl der Kindsmisshandlungen ist 2014 markant angestiegen. Dies, weil der Kinderschutz neu auch häuslicher Gewalt nachgeht.

von
ann
Wenn Kinder häufig zu Hause Gewalt miterleben, kann das zu akuten Belastungsstörungen führen.

Wenn Kinder häufig zu Hause Gewalt miterleben, kann das zu akuten Belastungsstörungen führen.

Herr Wopmann, die Zahl der Kindsmisshandlungen ist erneut stark angestiegen. Besonders im Bereich psychische Misshandlung. Wieso?

Markus Wopmann*: Das hat mit der Vorgehensweise von Polizei und Kinderschutzgruppe zu tun. Im Kanton Aargau etwa haben wir seit rund zwei Jahren ein neues System. Die Polizei meldet uns alle Fälle häuslicher Gewalt von Haushalten, in denen Kinder leben. Wir erreichen so neu Kinder, die potenziell gefährdet sind, von denen wir sonst keine Kenntnis hätten.

Was tun Sie bei solchen Meldungen genau?

Wir rufen bei der betroffenen Familie an und laden sie zu uns in die Klinik ein. Für uns war das am Anfang etwas ganz Neues. Wir kamen plötzlich in Kontakt mit einer relativ schwierigen Bevölkerungsgruppe, mit der wir sonst nichts zu tun hatten.

Wie reagieren die Betroffenen?

Meist ablehnend. Fast immer bekommen wir Sätze wie «Was wollen Sie noch, es geht uns bestens und wir lieben uns wieder» zu hören. Wenn wir nach den Kindern fragen, wollen uns die Eltern eigentlich immer weismachen, dass die Kinder geschlafen haben und von allem nichts mitbekommen haben oder der Vorfall aus irgendeinem anderen Grund für das Kind kein Problem ist.

Können Sie die Eltern zwingen, mit ihren Kindern zu Ihnen in die Klinik zu kommen?

Nein. Wir stellen aber klar, dass wir eine Gefährdungsmeldung machen können, wenn sie nicht bei uns auftauchen. In der Regel hat das die nötige Wirkung.

Wie viele solche Fälle haben Sie pro Jahr?

Wir betreuen bei uns nur den halben Kanton Aargau und haben fünf bis sieben Fälle pro Woche. Im Jahr sind es rund 300 Fälle. Diesen 300 müssen wir nachgehen und uns ein Bild machen, ob die Kinder gefährdet sind.

Sind die Kinder dabei selbst von Gewalt betroffen?

Direkte Gewalt an Kindern ist relativ selten. Das macht 10 Prozent oder weniger aus in diesen Fällen. Viel häufiger ist das Miterleben der Gewalt. Etwa bei der Hälfte der Fälle glauben wir, dass dies nicht mehr spurlos an den Kindern vorbeigeht. Insbesondere, wenn die Eltern immer wieder heftige Auseinandersetzungen haben. Das ist etwas ganz anderes als wenn es einmalig ist.

Wie zeigt sich das?

Wir betrachten jene Kinder als psychisch misshandelt, die Zeichen einer akuten Belastungsstörung aufweisen. Das sind zum Beispiel Schlafstörungen, Angstzustände oder depressive Züge.

Wie gehen Sie dann vor?

Wichtig ist, die Eltern ins Boot zu holen. Wenn auch ihnen bewusst ist, dass es schwierig ist für die Kinder, haben wir schon viel erreicht. Dann gibt es Beratungen und auch psychologische Hilfe für die Eltern und natürlich die Kinder.

Sind psychische Misshandlungen schwieriger zu erkennen?

Das ist sicher so. Klar ist, wir müssen das Kind gesehen haben. Wichtig ist zudem, was uns die Polizei berichtet. Die Beamten vor Ort müssen in ihrem Rapport auch den Zustand des Kindes beurteilen. Weint es, ist es aufgelöst oder hat es geschlafen und vom Streit nichts mitbekommen. Diese Angaben haben wir auf dem Polizeirapport und sind für uns wichtige Hinweise. Ein Alarmzeichen ist zudem, wenn die Polizei immer wieder zu derselben Familie ausrückt. Hier schalten wir, wenn nötig, auch weitere Stellen ein, wenn die Eltern nicht kooperieren.

Stellen Sie nebst häuslicher Gewalt noch andere Formen psychischer Misshandlung fest?

Es gibt Eltern, deren Erziehungsmassnahmen sind wirklich jenseits. So habe ich den Fall eines Vaters erlebt, der glaubte, seine 16-jährige Tochter habe einen Freund. Darauf hat er ihr zur Strafe ihre schönen langen Haare einfach abrasiert. Seine Tochter hat in der Auseinandersetzung geschworen, sie habe den Jungen nie getroffen. Als der Vater herausfand, dass das nicht stimmt, hat er ihr noch Schlimmeres angedroht. Wir sind daraufhin sofort eingeschritten.

* Markus Wopmann ist Leiter der Fachgruppe Kinderschutz und Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am Kantonspital Baden

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