Studie: Gewalttäter sehen sich als Opfer
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StudieGewalttäter sehen sich als Opfer

«Ich habe mich nur gewehrt», so entschuldigen sich viele Täter für ihre Gewaltausbrüche und nehmen eine Opferrolle ein. Anders als im Ausland wird dabei vor allem die Faust eingesetzt und auf Waffen verzichtet. Das zeigt eine Studie.

Die Studie wurde vom Berner Inselspital und dem Bieler Spitalzentrum erstellt. Insgesamt wurden knapp 500 Patientenfälle ausgewertet. Bei den bei der Studie unter die Lupe genommenen Auseinandersetzungen seien keine Waffen eingesetzt worden, sondern vor allem die Faust. Im Gegensatz zu anderen Ländern gälten Waffen in der Schweiz noch als Tabu, heisst es in der Mitteilung.

Auf Worte folgt die Faust

Die meisten Schlägereien ereignen sich nach verbalen Provokationen mit unbekannten Personen. Zu Vorfällen kommt es laut Studie in Szenen, in denen Gewalt wahrscheinlich ist. Die kleine Gruppe von Gewalttätern habe schon als Kinder und Jugendliche Kontakt mit Gewalt gehabt. Sie lasse sich aber keiner bestimmten Nationalität oder ideologischen Gruppe zuordnen. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind junge Männer aus der Gewaltszene laut Mitteilung gleich gut in Sportclubs und Vereinen integriert wie solche ohne Gewalterfahrung.

Gewaltprävention in Frage gestellt

Die Studie habe zudem gezeigt, dass sich alle jungen Männer als Opfer betrachteten. Aus ihrer Sicht seien sie verbal provoziert worden und hätten sich nur gewehrt. Gewalttäter konstruieren sich automatisch ein Selbstbild, das ihre Tat entschuldigt, wie es in der Mitteilung heisst. Dieses Phänomen werfe viele Fragen zur Gewaltprävention auf.

Bei diesen Schlussfolgerungen handle es sich um vorläufige Befunde. Wichtig sei zudem, dass eine freiwillige und damit sehr kleine Gruppe analysiert worden sei. Zwischen Juni 2007 und September 2008 wurden in Biel 318 und in Bern 172 Patienten im Alter ab 16 Jahren erfasst, die zur ärztlichen Versorgung nach Schlägereien kamen. Das Durchschnittsalter der erfassten Patienten betrug in Bern 25, in Biel 30 Jahre. 69 Patienten und 19 Patientinnen zwischen 16 und 32 Jahren wurden befragt. Die Umfrage wurde mit dem Jugendpsychologen Allan Guggenbühl konzipiert und ausgewertet. Eine Analyse der Gewalt bei Frauen soll noch folgen.

Manche landen auf der Intensivstation

Die Schlägereien, beziehungsweise die Behandlungen der Verletzten, fanden grösstenteils in der Nacht statt. Als Ort der Auseinandersetzung wurde in Biel in 50 Prozent eine Bar, Discothek oder ein Restaurant angegeben. In 31 Prozent wurde die Gewalt in den eigenen vier Wänden erfahren, wovon wiederum gut die Hälfte auf häuslicher Gewalt beruht. In Bern fanden die Schlägereien etwa zur Hälfte draussen statt. Neben Prellungen und Schnittverletzungen vor allem am Kopf mussten auch tiefe Brust- und Bauchwunden operativ und intensivmedizinisch versorgt werden. In Biel musste sogar ein Todesfall registriert werden.

Für die Diagnose waren häufig radiologische Untersuchungen vom konventionellen Röntgen bis zur Computertomographie notwendig, bei einzelnen Patienten sogar mehrere. Zur operativen Versorgung oder zur notwendigen Überwachung wurden in Bern etwa 40 und in Biel 25 Prozent der Patienten hospitalisiert. In Bern konnten zwei Drittel innerhalb der ersten 24 Stunden wieder entlassen werden. (dapd)

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