Aktualisiert 24.07.2011 22:18

Starker FrankenGewerbler setzt auf längere Arbeitszeiten

Für den Schweizerischen Gewerbeverband ist klar, dass wegen der Frankenstärke die Arbeitszeiten verlängert werden müssen. Ausserdem müsse unter Umständen auch der Lohn der Angestellten angepasst werden.

Um die Exportwirtschaft zu unterstützen, soll laut Gewerbeverband künftig länger gearbeitet werden.

Um die Exportwirtschaft zu unterstützen, soll laut Gewerbeverband künftig länger gearbeitet werden.

Selbst die Einigung über ein Hilfspaket für Griechenland am Euro-Sondergipfel stärkt den Euro gegenüber dem Franken nur unwesentlich: Bereits wird darüber spekuliert, dass die Schweizer Währung bald gleich viel wert sein könnte wie der Euro.

Laut Medienberichten wetten Devisenhändler weiterhin auf einen noch stärkeren Franken. Und in Analystenkreisen ist schon längst kein Verrückter mehr, wer von einer Euro-Franken-Parität spricht. Damit rechnet Jan-Egbert Sturm, der Direktor der Konjunktur- Forschungsstelle der ETH Zürich (KOF), allerdings nicht.

Es sei klar, dass der Euro derzeit unterbewertet sei. Eine Parität zwischen Franken und Euro sei deshalb nicht zu erwarten, sagte er in einem Interview mit der Zeitung «Der Sonntag». Seine These gestützt sieht Sturm durch die Entscheidungen der Euro-Länder am Sondergipfel in Brüssel. Der Gleichgewichtskurs zum Euro liegt für ihn zwischen 1.30 und 1.40 Franken.

Für den Konjunkturforscher ist es allerdings nur eine Frage der Zeit, bis es in den Exportbranchen zum Abbau von Stellen kommt. Von einer existenziellen Krise der Schweiz mag Sturm dennoch nicht sprechen: «Es ist nicht zuletzt ein Zeichen der Stärke, dass der Franken solche Höhen erklimmt».

Solange die Arbeitslosigkeit nicht steige, könne von einer Krise der Exportindustrie, nicht aber von einer gesamtschweizerischen Krise gesprochen werden.

Schweiz machtlos

Den zahlreichen Vorschlägen, wie die Schweiz Gegensteuer zur momentanen Entwicklung auf den Devisenmärkten geben könnte, erteilt der KOF-Direktor indes allen eine Abfuhr. Man müsse realisieren, dass die Schweiz derzeit nicht sehr viel tun könne, sagte er.

Für die Koppelung des Frankens an den Euro sei jetzt, da der Euro 1.17 Franken koste, nicht der richtige Zeitpunkt. Und eine Zinserhöhung wäre zwar für die boomende Binnenwirtschaft angebracht. Für die Exportwirtschaft bedeutete ein Zinsschritt aber einen weiteren Dämpfer, weil so der Franken noch attraktiver würde.

Steuererleichterungen für die vom starken Franken gebeutelte Exportindustrie schliesslich sind für Sturm längerfristig nichts anderes als Subventionen, welche strukturelle Veränderungen blockieren und falsche Anreize setzen würden.

Längere Arbeitszeiten

Um auf die Frankenstärke wenigstens reagieren zu können, propagiert der Schweizerischen Gewerbeverband (SGV) längere Arbeitszeiten. Solche haben einzelne Unternehmen wie etwa der Pharma- und Biochemiekonzern Lonza oder der Verpackungshersteller Model bereits eingeleitet oder umgesetzt.

Mit längeren Arbeitszeiten bei gleichem Lohn lasse sich die Produktivität in der Exportwirtschaft steigern, sagte SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler in einem Interview im «SonntagsBlick». Für Bigler sind demnach aber auch Lohnsenkungen als Reaktion auf den währungsbedingten Verlust der Wettbewerbsfähigkeit kein Tabu.

Abschaffung der Mehrwertsteuer

Kämen wegen des starken Frankens die Löhne in der Schweiz unter Druck, würde der Ruf nach günstigeren Preisen für Importgüter noch lauter. Auf radikale und schon fast abenteuerliche Art und Weise gegen die hohen Preise für aus dem Ausland eingeführte Waren würde der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger vorgehen.

Er schlägt vor, die Mehrwertsteuer abzuschaffen und den Postversand zu deregulieren, um die Parallelimporte und Auslandseinkäufe anzukurbeln und so die Schweizer Importeure zu Preissenkungen zu zwingen, wie er in einem am Samstag veröffentlichten Interview mit der «Neuen Luzerner Zeitung» sagte.

Die durch den Wegfall der Mehrwertsteuer verursachten Einnahmeausfälle könnten in seinen Augen mit dem Verzicht auf die Subventionierung des öffentlichen Verkehrs kompensiert werden.

«Wenn die Bürger wüssten, dass sie im Gegenzug überhaupt keine Mehrwertsteuer mehr zahlen müssten, dann wäre das politisch mehrheitsfähig», so Eichenberger. (sda)

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