Aktualisiert 18.01.2017 13:52

Convenience-Food für Kinder

«Gewisse Eltern schauen lieber TV, als zu kochen»

Immer mehr Eltern setzen bei der Ernährung ihrer Kinder auf Fertigprodukte. Viele Jugendliche können deshalb nicht richtig kochen.

von
Camille Kündig
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«Viele junge Eltern greifen zu Chicken Nuggets oder der Fertigpizza, eine grosse Anzahl aber auch zu gesünderen Alternativen, wie bereits gewaschenem und geschnittenem Salat oder zu Gemüse-Tiefkühlkost», sagt Stefanie Bürge, Ernährungsberaterin BSc BFH. (Symbolbild)

«Viele junge Eltern greifen zu Chicken Nuggets oder der Fertigpizza, eine grosse Anzahl aber auch zu gesünderen Alternativen, wie bereits gewaschenem und geschnittenem Salat oder zu Gemüse-Tiefkühlkost», sagt Stefanie Bürge, Ernährungsberaterin BSc BFH. (Symbolbild)

Dabei wäre es wichtig, die Kinder in die Speisezubereitung einzubeziehen. «Ich biete auch Kochkurse für Jugendliche an», so Bürge. Es ist erschreckend, wie viele nicht mehr kochen können.» (Symbolbild)

Dabei wäre es wichtig, die Kinder in die Speisezubereitung einzubeziehen. «Ich biete auch Kochkurse für Jugendliche an», so Bürge. Es ist erschreckend, wie viele nicht mehr kochen können.» (Symbolbild)

Keystone/Jean-christophe Bott
Gewisse Teenager seien nicht mal mehr imstande, eine Zwiebel zu schneiden, erzählt Bürge.

Gewisse Teenager seien nicht mal mehr imstande, eine Zwiebel zu schneiden, erzählt Bürge.

Keystone/Martin Ruetschi

Gewisse Eltern verordnen ihren Kindern Diäten oder eine vegane Ernährung, andere hingegen greifen immer öfter zu Fertigprodukten. Die Folge: Viele Jugendliche beherrschen das Einmaleins des Kochens nicht.

In Deutschland ist die Neigung, Fertigprodukte zu konsumieren, deutlich gestiegen (von 32 Prozent im Jahr 2015 auf 41 Prozent Ende 2016). Vor allem Eltern trauen sich offenbar nicht mehr zu, ihren Kindern das Kochen beizubringen und wünschen sich Kochunterricht in den Schulen – wie hierzulande.

In der Schweiz zeigt sich eine ähnliche Entwicklung: Ob bei Aldi, Coop, Denner oder Migros: Die Nachfrage nach Produkten, die sofort genossen oder ohne grossen Aufwand zubereitet werden können, nimmt zu. Oliver Frommenwiler, Sprecher bei Aldi Suisse, sagt: «Neben Fertigprodukten sind zunehmend auch fertig gewaschene Frischsalate oder portioniertes frisches Obst sehr gefragt.» Diese Produkte scheinen auch bei Eltern gut anzukommen.

«Viele Eltern kochen aus Bequemlichkeit nicht»

Stefanie Bürge, Ernährungsberaterin BSc BFH, sagt: «Es ist deutlich zu beobachten, dass junge Eltern heute schneller zu Fertigprodukten greifen.» Viele würden sich für Chicken Nuggets oder Fertigpizzas entscheiden, eine grosse Anzahl aber auch für gesündere Alternativen wie bereits gewaschenen und geschnittenem Salat oder Gemüsetiefkühlkost.

Der Hauptgrund dafür sei wohl der ständige Zeitdruck, der heute herrsche, so Bürge. «Viele junge Väter wie Mütter sind heutzutage berufstätig. Da fehlt es oft schlicht an der Zeit, täglich frische Gerichte zuzubereiten.» Doch auch eine gewisse «Bequemlichkeit» spiele eine Rolle. Fertigprodukte oder Produkte, bei denen ein Verarbeitungsprozess bereits gemacht wurde, seien da natürlich verlockend.

«Manche Jugendliche können nicht mal mehr eine Zwiebel schneiden»

Bürges Tipps an Eltern unter Zeitdruck: Fertigprodukte mit frischen Lebensmitteln kombinieren. «Zum Beispiel eine Fertiglasagne mit frischem Salat, Gemüsestängeli oder eben Tiefkühlgemüse servieren.» Die beste Lösung sei es aber, an den arbeitsfreien Tagen für die Woche frische Produkte vorzukochen.

Dabei sei es wichtig, die Kinder in die Speisenzubereitung einbeziehen. Bürge bietet auch Kochkurse für Jugendliche an. Es sei erschreckend, wie viele nicht mehr kochen könnten. «Gewisse Teenager sind nicht mal mehr imstande, eine Zwiebel zu schneiden.»

«Dem Kind dann das Kochen beizubringen, ist für manche ein zusätzlicher Aufwand»

Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH, kann diese Entwicklung bestätigen: «Es ist sicher so, dass viele Schüler heute weniger gewandt im Kochen sind. Viele wissen auch nicht, wann welches Gemüse oder welche Frucht reif ist.» Umso wichtiger sei es, dass in den Schulen das Fach Wirtschaft – Arbeit – Haushalt unterrichtet werde.

Auch Kathrine Balsiger, Präsidentin der LCH-Fachkommission Hauswirtschaft, macht bei ihrer Arbeit ähnliche Erfahrungen mit gewissen Schülern. «Es gibt aber auch Schüler, die dank dem Internet und den damit gut zugänglichen Informationen Nahrungsmittel trotzdem zubereiten und sich Wissen aneignen.» Balsiger beobachtet auch, dass zum Beispiel Abwaschen oder Wischen nicht einfach bei allen abgerufen werden kann. «Dafür schaffen es die Jugendlichen oft, gewisse Elektrogeräte oder Koch-Apps schnell und ohne Bedienungsanleitung zu nutzen.»

Ernährungsberaterin Sonja Ricke stellt fest: «Heute schauen manche Eltern lieber eine Kochsendung als selber zu kochen.» Viele Leute hätten durch Zeitmangel auch einfach andere Prioritäten.«Dem Kind dann das Kochen auch noch beizubringen, ist für manche ein zusätzlicher Aufwand.»

«Kochen wäre für Kinder eine gute Vorbeugung für Beziehungsstörungen»

Viele Eltern wenden sich bezüglich der Ernährung ihrer Kinder auch oft mit Fragen an Beratungsstellen. Sabine Knoesels von der Elternberatungsstelle Basel-Stadt (Basler Fachstelle für Eltern mit Kindern von 0 bis 5 Jahren) sagt: «Gesunde Ernährung ist bei uns oft ein Thema.»

Bei der Eltern-Beratungsstelle Pinocchio in Zürich stellt Stellenleiterin und Jugendpsychologin Christina Häberlin fest, dass vor allem in Notlagen allgemein weniger innerer Raum für gemeinsame Aktivitäten, so auch Kochen, bestehe. «Dabei ist das Kochen mit den Kindern als gemeinsames kreatives Tun eine gute Vorbeugung für Beziehungsstörungen», sagt Häberlin.

In der Tat könnten die Kinder durch das gemeinsame Kochen Selbstwirksamkeit, Teamarbeit und Lob von den Essenden erfahren. Weiterer Pluspunkt gemäss Häberlin: «Das Kind übt mathematisches Basiswissen ein, ohne es zu merken!»

Bereiten auch Sie oft Convenience Food für Ihre Kinder zu? Oder leben Sie noch bei Ihren Eltern und essen oft Fertigprodukte? Schreiben Sie uns und erzählen uns davon. Ihre Angaben werden auf Ihren Wunsch hin anonym behandelt.

Manche Eltern bestellen das Essen für die Familie auch online

Beim Lieferservice Foodarena.ch wird seit Jahren eine starke Zunahme an Bestellungen verzeichnet. Geschäftsführer Karim-Alexandre Koubâa-Olesen sagt: «Insbesondere am Sonntag bestellen viele Familien bei uns, wohl um den Sonntagabend gemütlich verbringen zu können.» Ein Grund sei wohl auch, dass innerhalb der Familien immer öfter verschiedene Ernährungstypen zu finden sind. «Der Aufwand ist dadurch umso höher, da verschiedenste Gerichte gekocht werden müssen.»

Auch bei Eat.ch nehmen die Bestellungen zu. «Wir haben einen monatlichen Zuwachs von rund 25'000 Neukunden», sagt Dominic Millioud, Country Manager Schweiz. Auch wenn keine detaillierten Aussagen gemacht werden können, befänden sich darunter bestimmt auch viele Familien.

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