Aktualisiert 16.08.2010 14:20

Filesharing

«Gewissensbisse haben wir nicht»

Zwei Schweizer Maturanden bieten eine Software an, mit der sich Millionen Songs gratis und legal herunterladen lassen. Sie nutzt eine Rechtslücke aus.

von
Henning Steier

Erwin Wendelspiess war auf der Suche nach den besten Songs fürs Fitnessstudio. Also setzte er sich im Herbst 2009 an den Rechner und experimentierte mit Anfragen bei Suchmaschinen. Denn wer den Code kennt, kann Millionen Songs im Netz finden, die sonst nur schwer zugänglich sind. Dazu zählen beispielsweise Alben, die von Studenten auf die Server ihres Wohnheims hochgeladen wurden.

Wie aber lassen sich diese Anfragen in einer übersichtlichen Suchmaske integrieren? Eine Lösung bietet seit knapp zwei Jahren die Software Songbeat. Wer sie herunterlädt, erhält allerdings nur 25 so genannte Credits gratis, von denen jeder einer Suchanfrage entspricht. Anschliessend soll man für umgerechnet etwa 13 Franken jeweils 1000 neue Credits kaufen. Im Herbst 2009 tauchte mit iMusic eine App für Google-Handys im Android Market auf. Sie kommt in zwei Versionen zum Nutzer - gratis und als Sechs-Franken-Variante, welche werbefrei ist und mehr Treffer liefert.

Erwin Wendelspiess wollte anderen PC-Besitzern allerdings eine Lösung zur Verfügung stellen, die ähnliche Funktionen gratis und ohne Einschränkungen bietet. Also setzte sich der 18-Jährige aus Rebstein an den Rechner und schrieb ein kleines Programm namens iNetTunes für Windows, Mac OS und Linux, das zunächst Musicsearch hiess und Anfang des Jahres ins Netz gestellt wurde. Musicsearch hatte keine grafische Benutzeroberfläche und verwies auf einen Link, über den sich die jeweilige Musikdatei herunterladen liess.

Songs vor dem Download anhören

«Seit Mitte Juli steht nun die neueste Version von iNetTunes zum Download bereit», sagte Marc Beckers zu 20 Minuten Online. Den 19-Jährigen hat sich Wendelspiess als Partner ins Boot geholt. Die beiden sind alte Schulfreunde und haben kürzlich ihre Matura gemacht. «Die wichtigste Neuerungen sind, dass man Songs vor dem Download anhören, sich beliebte Musik anzeigen lassen und die Tonspur aus YouTube-Videos herunterladen kann.»

2000 Nutzer hat die Software mittlerweile – unter anderem aus Deutschland, Südkorea, Russland, Italien, Frankreich und Spanien. Dem Spendenaufruf auf der Website ist bislang allerdings keiner gefolgt. Wohl auch deshalb denken Beckers und Wendelspiess über eine kostenpflichtige Version nach, für die bis zu zehn Franken jährlich fällig werden könnten. «Sowohl bei der kostenlosen als auch bei der Premium-Version gibt es keinerlei Einschränkungen bezüglich Downloads oder Suchergebnissen», erläuterte Beckers. Die Gratis-Variante soll über einen Aktivierungscode für einen Zeitraum von 14 Tagen bereitgestellt werden, nach Ablauf dieser Zeit muss über eine werbefinanzierte Seite der Aktivierungscode erneuert werden. Andernfalls wird das Programm gesperrt. Die Premium-Version soll werbefrei sein und keine Freischaltung mehr benötigen. Allerdings gibt es bisher ausser der deutschen nur eine englische Seite, auf die unter anderem Surfer aus den USA und Grossbritannien automatisch umgeleitet werden. Beckers und Wendelspiess arbeiten bereits an einer spanischen und französischen Version ihrer Seite.

Über Webseite abgesichert

«Gewissensbisse haben wir nicht, denn der reine Download ist in der Schweiz legal. Ausserdem finden wir nur Songs, die andere ins Netz gestellt haben», sagte Beckers. Die beiden Macher sichern sich überdies ab, indem sie Besucher ihrer Website darauf hinweisen, dass das Herunterladen geschützter Musik in anderen Ländern illegal sein könnte.

«Es ist eine logische Folge der Digitalisierung und Globalisierung der Unterhaltungsmöglichkeiten durch das Netz, dass Angebote strukturiert werden. Die Software iNetTunes dient dazu, dem interessierten Konsumenten den Zugang zu Musikaufnahmen zu vereinfachen, indem ihm der Aufwand der Suche im Netz abgenommen wird», sagte Wilfried Haferland von der Schweizer IFPI-Landesgruppe zu 20 Minuten Online. Die IFPI (International Federation Of Producers Of Phonograms And Videograms) vertritt die Interessen der Musikindustrie. Ansätze wie iNetTunes seien nicht neu, so Haferland weiter. Die Ergebnisse der Suche hingen immer von der Qualität der Datenbestände (Links und Content) ab, und wie hoch diese hier ist, werde sich zeigen. Letztlich würden die Nutzer entscheiden, ob sich der Einsatz der Software lohnt, oder ob es sich nur um eine weitere Möglichkeit handelt, Musik im Web zu finden.

Hoffen auf zahlende Kunden

«Heute ist es zum Glück für immer mehr Nutzer selbstverständlich, Musik bei legalen Downloadshops zu kaufen. Bei diesen Usern kann man davon ausgehen, dass Funktionen wie der Entdecken-Modus auch dazu führen, dass die neu entdeckte Musik anschliessend gekauft wird», war sich Haferland sicher. Die User würden ihr Konsumverhalten wegen einer Software wie iNeTtunes aber nicht grundlegend verändern; wer zuvor den legalen Musikerwerb umgangen habe, werde dies auch künftig versuchen. «Ob iNetTunes dafür längerfristig das geeignete Werkzeug ist, wird sich zeigen. Je mehr User jedoch Musik kaufen, die sie zuvor mit der Hilfe des Programms neu entdeckt haben, desto mehr ist den Schweizerischen Musikschaffenden und der Schweizer Musikwirtschaft geholfen.»

Allerdings bietet iNetTunes bislang keine Möglichkeit, Songs zu kaufen, so dass es dem Nutzer überlassen bleibt, diesen Schritt zu machen. Ob eine entsprechende Funktionalität integriert werden soll, liess Beckers offen. Laut IFPI Schweiz sind seit 2003 wegen Piraterie hierzulande bereits mehr als 600 Arbeitsplätze im Bereich der Musikwirtschaft verloren gegangen. Der Musikverkauf ging seit dem Jahr 2000 um über 44 Prozent zurück. Wichtigster Grund dafür dürfte sein, dass der reine Download über Filehoster wie RapidShare hierzulande bislang nicht kriminalisiert worden ist. Wenig überraschend also, dass Erwin Wendelspiess und Marc Beckers keine Karriere in der Branche planen. Sie wollen Biologie beziehungsweise Sportmanagement studieren.

Fehler gefunden?Jetzt melden.