Einschätzung: Gezeitenwende im Banken-Business
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EinschätzungGezeitenwende im Banken-Business

Die Umwälzungen in der Schweizer Finanzbranche sind grösser, als die Mehrheit der Institute wahrhaben will. Das Bankgeheimnis ist futsch. Die verbundenen Ertragsausfälle zwingen zu neuen Strategien.

von
Lukas Hässig
Die Schweizer Banken brauchen neue Strategien.

Die Schweizer Banken brauchen neue Strategien.

Ein Ex-UBS-Banker malt schwarz. «Ich war einer der Top-Performer, heute finde ich keinen einzigen Neukunden mehr, und meine alten springen einer nach dem anderen ab.» Wenn nicht einmal er mehr erfolgreich sei, wie soll dann die grosse Masse der Schweizer Vermögensverwalter eine Zukunft haben, die nicht einmal wisse, wie man akquiriere?

Man könnte die Aussage des Bankers als Frust über den eigenen Misserfolg abtun. Doch vieles spricht dafür, dass sein Beispiel die Zukunft vorwegnimmt. Eine Kombination mehrerer fundamentaler Veränderungen deutet auf eine Gezeitenwende im Swiss Banking hin – und das stellt jede Bank vor ganz neue Herausforderungen.

Was sind diese fundamentalen Veränderungen? Vor allem drei. Erstens ist das Bankgeheimnis Geschichte. Was die USA vorexerzieren, nämlich dass sie überhaupt keinen Datenschutz mehr akzeptieren, dürfte bald zum Standard für die ganze alte Welt inklusive Europa werden. Wie viele Kunden werden dann noch ihr Geld in der Schweiz verwaltet haben wollen?

Zweitens sind die Gebührenmodelle der Schweizer Banken veraltet. Einen hohen Prozentsatz auf das verwaltete Vermögen zu bezahlen, das finden immer weniger ausländische Kunden angezeigt. Sie fordern Sonderkonditionen oder wechseln zu günstigeren Anbietern.

Drittens macht die Anbindung an den Euro Schweizer Finanzwerte weniger attraktiv. Ebensogut können die globalen Investoren jetzt in sichere deutsche oder holländische Werte investieren. Die Aufgabe einer eigenen Währung schmälert die Attraktivität des Finanzplatzes, Business geht verloren.

Die Lösung

Guter Rat ist teuer. Die Banken reagieren vorerst, wie sie immer reagieren. Sie stehen auf die Kostenbremse, entlassen Personal, investieren weniger in die Informatik, machen weniger Werbung. Wegen der Bedeutung der Bankenindustrie leidet die ganze Schweiz.

Die alte Kosten-Strategie ist diesmal nicht gut genug, die fundamentalen Veränderungen rufen nach strategischen Entscheiden. Jede Bank braucht eine klare, erfolgversprechende Positionierung. Die wenigsten haben schon eine.

Vorteil Grossbanken

Am weitesten sind die Grossbanken. UBS und CS leiden zwar unter den Problemen der Vergangenheit. Was aber die Zukunft ihrer Paradedisziplin Vermögensverwaltung betrifft, sind sie im Vorteil. Sie verfügen über sie nötige Masse, um sowohl aus der Schweiz heraus als auch vor Ort im Ausland aktiv zu sein.

Gut stehen auch die Chancen für kleine, unabhängige Vermögensverwalter und Family Offices, die keine grossen Kosten für Informatik und für ein Juristen-Heer stemmen müssen, sondern sich ganz auf ihre wenigen Kunden konzentrieren können.

Sehr schwierig wirds hingegen für kleine Privatbanken mit fast nur Schwarzgeld. Deren Geschäftsmodell ist zusammen gekracht. Woher neue Kunden mit frischem Geld kommen sollen, ist nicht ersichtlich. Und solange nicht klar ist, wie «verseucht» das heute verwaltete Vermögen ist, solange ist ein Verkauf zu einem interessanten Preis Wunschdenken.

Gute Pictet, grosser Bär

Bleiben die mittelgrossen Privatbanken. Hier gilt es, je nach Institut zu unterscheiden. Die Genfer Pictet zählt beispielsweise zu den stärksten Playern der Industrie, weil dort offenbar clevere Leute frühzeitig auf die Produktion konkurrenzfähiger Anlageprodukte gesetzt haben.

Umgekehrt scheint die Basler Sarasin trotz ihrer Anstrengung, sich als moderne, auf Weissgeld fokussierte Bank zu positionieren, erfolglos eine Käuferin zu suchen. Zu ungewiss ist im Markt das Ausmass des alten Schwarzgeldes. Julius Bär wiederum hat eine Grösse erreicht, die für potenzielle Käufer einen Wert hat, unabhängig von der Grösse des Schwarzgeld-Geschäfts.

Trauern um «Good old times»

Ein langjähriger Bankberater auf dem Platz Zürich meint, dass alle Banken dringen ihre strategischen Hausaufgaben machen müssten. «Nur die wenigsten haben das erkannt», sagt er. Viele würden vergangenen Zeiten nachtrauern, als ihre Bank noch einen stolzen Wert gehabt habe, statt die neue Zeit zu akzeptieren und ihrem Institut eine Zukunft zu eröffnen.

Sollte der Kenner recht haben, steht Swiss Banking vor einem grossen Umbruch. Es könnten ein paar magere Jahre bevorstehen, in denen Personal abgebaut, Geschäftszweige aufgegeben und Verluste eingefahren werden. Ob der Finanzplatz danach wieder zur alten Form zurückfindet oder seine Blütezeit definitiv hinter sich hat, ist offen. Vieles spricht für Letzteres.

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