Schaffhausen - Gianluca Looser (18) ist der jüngste Kantonsrat der Schweiz
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SchaffhausenGianluca Looser (18) ist der jüngste Kantonsrat der Schweiz

Andere machen Party, Gianluca Looser macht Gesetze. Eben erst erwachsen geworden, wirkt er ab heute im Schaffhauser Kantonsrat mit.

von
Pascal Michel
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Die erste Sitzung im Kantonsrat steht für Gianluca Looser am 23. August an.

Die erste Sitzung im Kantonsrat steht für Gianluca Looser am 23. August an.

20min/Marco Zangger
Politisiert wurde der 18-Jährige auch durch den Klimastreik 2018. 

Politisiert wurde der 18-Jährige auch durch den Klimastreik 2018.

20min/Michael Scherrer
Während ein Teil der Klimastreikbewegung den Ökosozialismus fordert, sagt Looser: «Wir müssen so viele Menschen wie möglich erreichen, überzeugen und den Wandel innerhalb unseres direktdemokratischen Systems vorantreiben.»

Während ein Teil der Klimastreikbewegung den Ökosozialismus fordert, sagt Looser: «Wir müssen so viele Menschen wie möglich erreichen, überzeugen und den Wandel innerhalb unseres direktdemokratischen Systems vorantreiben.»

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Am 10. August hat der Schaffhauser Regierungsrat eine Nachnomination bestätigt.

  • Damit rückt der 18-jährige Gianluca Looser für die Jungen Grünen in den Kantonsrat nach.

  • Im Porträt erzählt er, was er in Schaffhausen verändern will – und warum die Klimakrise nur auf demokratischem Weg gelöst werden kann.


Unzumutbarkeiten wittert Gianluca Looser allerorten. Mitte April an einer Corona-Demo im Städtchen Schaffhausen waren es «maskenlose Rechtsextreme». Bei der Fussball-EM prangerte er das «homophobe und geldgeile Verhalten» der Uefa an. Bei der bundesrätlichen Corona-Politik stört ihn die «zaghafte Impfstrategie, die zu wenig auf Anreize und Druck setzt». Und sowieso, die «vermasselte Klimapolitik»: Der Kampf gegen die Klimakrise, dessen Dringlichkeit die jüngsten Unwetter aufgezeigt hätten, müsse allererste Priorität erhalten.

Mit diesen pointierten Ansichten würde sich der 18-Jährige bestens in die Besetzung des Paradeplatzes durch die Klimajugend einreihen, die an diesem Montagmorgen gerade im Gang ist. Stattdessen sitzt der Kantischüler bei einem Cappuccino in der Pizzeria Neu Sternen in Schaffhausen und erklärt, wie er die Welt verändern will. Erst mit ernster Miene und verschränkten Armen vor seinem hellorangen Hemd mit Blumen-Print, dann spricht er zunehmend lockerer und kommt in Fahrt.

Kantonsrat statt Ökosozialismus

Schnell wird klar: Um seine Ziele zu erreichen, hat er bereits in jungen Jahren das Gespür für das politisch Machbare entwickelt. «Die Welt kann nicht mit einem Statement gerettet werden», führt er als Leitsatz auf der Webseite seiner Partei, den Jungen Grünen, an.

«Wir brauchen mehr Klima-Unterricht in der Schule, um die Klimakrise zu lösen.»

Gianluca Looser

Dass Gianluca Looser am 10. August – dann bestätigte der Regierungsrat die Nachnominierung – als jüngster Kantonsrat der Schweiz in die Schaffhauser Legislative nachgerückt ist, hat viel mit diesem Sinn für Realpolitik zu tun. Statt wie andere der Klimastreikgeneration den Ökosozialismus zu propagieren oder sich ans Bundeshaus zu ketten, will er in seiner Heimat «politisch mitgestalten und den Jungen eine Stimme geben».

Der andere, praktischere Grund: Die Jungen Grünen Schaffhausen suchten nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin für die abtretende Aline Iff. Während andere ablehnten, sagte Gianluca Looser zu.

Arbeitspensum von 20 Prozent

Leicht sei ihm der Entscheid nicht gefallen, erzählt er. Schliesslich habe er noch seine ganze Jugend vor sich: Studium, Party, Reisen. Er war sich bewusst, dass er mit dem Amt zur Person des öffentlichen Lebens würde. Im Ausgang, beispielsweise, wird er unter Beobachtung stehen, wird sich vielleicht auch einmal zusammennehmen müssen. Als Volksvertreter hat er eine Verantwortung. Hinzu kommt die Arbeitsbelastung: Im Abschlussjahr der Kantonsschule wird ein zusätzliches Arbeitspensum von bis zu 20 Prozent fällig. Trotzdem sei er nach einiger Bedenkzeit zur Einsicht gekommen, dass der Posten eine einmalige Gelegenheit sei.

Politisiert worden, ist Looser schon vor dem Klimastreik im Winter 2018. Aufgewachsen in einem mittelständischen Schaffhauser Haushalt mit zwei jüngeren Geschwistern, las er schon früh das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Bei seinen Klettertouren in den Alpen wurde ihm klar, in welchem miserablen Zustand die Gletscher sind. Der Katalysator für sein politisches Wirken war dann die Gründung der Jungen Grünen in Schaffhausen im Jahr 2018. «Dort konnte ich direkt im Vorstand mitarbeiten, was bei einer etablierten Partei kaum möglich gewesen wäre.»

Der nationale Klimastreik spielte dann doch eine wichtige Rolle bei seiner politischen Karriere. Erstmals im bürgerlich dominierten Schaffhausen mobilisierte Looser für eine Klimademo. Rund 1000 Personen, vor allem Junge, zogen durch die Altstadt, «selbstverständlich polizeilich bewilligt». «Ich war selbst überrascht», sagt er, «ich hatte einen Adrenalinschub».

Revolution? Nicht mit ihm

Danach wurde es um die Bewegung ruhiger, bis Richtungskämpfe um sich griffen. Soll der Klimastreik mit radikalen Aktionen die herrschenden Macht- und Wirtschaftsstrukturen pulverisieren oder soll er möglichst viele Menschen einbeziehen, um breit abgestützte Lösungen auf die politische Agenda zu heben?

Spätestens hier zeigte sich Loosers Hang zum Kompromiss. Für ihn war klar: Revolution? Nicht mit mir. «Wir müssen so viele Menschen wie möglich erreichen, überzeugen und den Wandel innerhalb unseres direktdemokratischen Systems vorantreiben.» Mehrmals betont er, die Demokratie stehe über allem. «Deshalb ist der Kantonsrat der richtige Weg für mich, um zur Lösung der Klimakrise beizutragen.»

Das heisst für Looser ab der ersten Kantonsratssitzung am 23. August vor allem Akten wälzen, mehrheitsfähige Vorstösse ausarbeiten – aber auch mal Pflöcke einschlagen, um sich zu profilieren. Neben der Energiepolitik ist ihm die Bildung ein Anliegen: «Wir brauchen mehr Klima-Unterricht in der Schule, um die Klimakrise zu lösen.» Er selbst verpasst während der Sitzungen die Fächer Bildnerisches Gestalten, Wirtschaft und Mathematik. Die Schule hat ihn für seine politische Arbeit beurlaubt. Als er beim Klimastreik geschwänzt hatte, gab es noch einen Eintrag mit einer unentschuldigten Absenz.

Gerade für seine Altersgenossen hat der 18-Jährige viel vor. Er möchte deren Sorgen und Wünsche in die kantonale Politik einspeisen. Dafür will er gezielt soziale Medien wie Instagram und Tiktok nutzen, um weniger privilegierte Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen. «Privilegiert»: Dieses Wort benutzt Looser ohnehin oft, wenn er über sich selbst spricht.

«Wir versuchen, niemanden zu verletzen»

Weisser Mann, gebildetes Elternhaus, Besuch der Kantonsschule, genügend Zeit für politisches Engagement – für Looser alles keine Selbstverständlichkeiten. Das zu reflektieren, sei glücklicherweise in seiner Altersgruppe weitgehend normal geworden: «Ich finde es grossartig, dass wir versuchen, niemanden zu verletzen und alle zu integrieren.»

Selbstredend möchte Looser, der sich als «woke» im ursprünglichen Sinne bezeichnet, auch mit verletzenden und rassistischen Überbleibseln in Schaffhausen aufräumen. So steht in Schaffhausen ein «Mohrenbrunnen», darauf thront Kaspar von den Heiligen Drei Königen, im Volksmund genannt «Mohrejoggel».

«Ich finde es absolut nötig, diesen Brunnen umzubenennen und beispielsweise mit einer aufklärenden Plakette zu versehen. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, Energie in die Schaffung einer Anti-Rassismus-Anlaufstelle zu investieren. Beides ist unglaublich wichtig für die Lösung des Problems.»

Nachdem er eineinhalb Stunden seine politischen Ideen für Schaffhausen ausgebreitet hat, zieht es ihn doch noch an die Paradeplatz-Besetzung in Zürich. «Kurz im Camp vorbeischauen und einige Leute treffen», sagt er. Was man dort von seinem neuen Amt hält? «Es gibt sicher Leute, die das doof finden. Aber ich bin ja längst nicht der Einzige, der diesen Weg wählt.»

Einige der wenigen Ungerechtigkeiten, die ihm die Kritiker bei seinem Amt ankreiden könnten: Er besetzt den Sitz, den zuvor eine junge Frau innehatte. Dazu würde Looser aber locker kontern: umso mehr ein Ansporn, die eigenen Privilegien in den Dienst anderer zu stellen.

Gianluca Looser ist der Neffe von 20-Minuten-Chefredaktor Gaudenz Looser.

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