Aktualisiert 13.04.2019 11:39

DatenanalyseGibt es den «psychologisch wichtigen Zeitpunkt»?

Nur eine Floskel oder eine Tatsache? Der «Spiegel» hat 45'000 Spiele analysiert, um herauszufinden, ob ein Tor unmittelbar vor der Pause einen positiven Einfluss auf das Spiel hat.

von
mro

Zum «psychologisch wichtigen Zeitpunkt»: Carlinhos trifft gegen GC in der 45. Minute zum 1:1. Video: SRF

Als die Grasshoppers Ende März den FC Lugano empfangen, führen sie bereits nach 13 Minuten. Dann trifft Carlinhos, das Spiel endet 1:1. Das Tor erzielt der Brasilianer in der 45. Minute, also unmittelbar vor der Pause. Irgendein Kommentator wird jetzt von einem «psychologisch wichtigen Zeitpunkt» sprechen. Die Schweizerische Nachrichtenagentur SDA beschreibt das Tor als «Knackpunkt».

Auch Trainer berufen sich nach Spielen mit Toren in den fünf Minuten vor der Pause auf diesen Moment. Nur eine Floskel? Oder sind Treffer, die just in diesen Sekunden fallen, wichtiger als alle anderen? Das hat sich der «Spiegel» auch gefragt. Auslöser war ein Spiel in der Bundesliga, als der Frankfurter Danny da Costa Sekunden vor dem Halbzeitpfiff traf.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, hat das deutsche Magazin über 45'ooo Fussballspiele aus den grössten europäischen Ligen (England, Spanien, Italien und Deutschland) analysiert. Es hat dabei ausgerechnet, wann ein Spiel nach einem Tor am ehesten einen positiven Verlauf nimmt. Positiver Verlauf heisst: Es gelingt dem Team, das das Tor erzielt, das Spiel mindestens mit einem Unentschieden zu beenden. So wie das beim Beispiel vom Beginn dem FC Lugano gelungen war.

Über 130'000 Tore ausgewertet

Der Spiegel hat für seine Analyse die Spiele aus 54 Jahren Bundesliga, 50 Jahren Serie A, 25 Jahren Premier League und 22 Jahren La Liga in 32 Teile unterteilt. Es handelt sich um 30 dreiminütige Abschnitte, dazu kommt jeweils die Nachspielzeit nach Halbzeit 1 und 2, die nicht immer gleich lang ist und separat gewertet wird. In die Auswertung fallen insgesamt 136'459 Tore.

Zunächst ergibt sich im Diagramm die zu erwartende Tendenz. Natürlich ist die Chance auf ein Spiel mit positivem Ausgang grösser, wenn Team A in der 90. Minute trifft als wenn es das in der ersten tut. Schliesslich hat Team B dann kaum mehr Zeit, das Tor zu korrigieren.

In der Statistik gibt es aber tatsächlich diesen einen kleinen Ausreisser nach oben. Es ist der Balken in der Mitte, der mit Minute 45 und Nachspielzeit beschriftet ist. Er ist höher als die Balken gleich neben ihm, es sind vielleicht drei oder vier Prozentpunkte, aber: Tore in diesem Zeitraum führen öfters zu einem positiven Spielverlauf für die Mannschaft, die diese Tore jeweils erzielt.

Im eingangs erwähnten Spiel zwischen GC und Lugano hat das Spiel für die Tessiner das positivere Ende, weil sie einen Rückstand aufgeholt hatten. Das sagt das Telegramm. Was das Telegramm aber nicht sagt: Lugano spielte in der zweiten Halbzeit deutlich besser als der Zürcher Abstiegskandidat und erspielte sich zahlreiche Chancen. Vor allem Torschütze Carlinhos glänzte in den zweiten 45 Minuten. GC-Stürmer Marco Djuricin, er hatte das 1:0 erzielt, sagte hinterher: «Lugano hat den Mut, der uns fehlt.» Vielleicht kam dieser am 31. März ja genau aus den Momenten kurz vor dem Pausenpfiff.

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