Çendrim R.: Gibt es hinter Gittern noch mehr Dschihadisten?
Aktualisiert

Çendrim R.Gibt es hinter Gittern noch mehr Dschihadisten?

Çendrim R. soll in der Türkei drei Menschen erschossen haben. Im Gefängnis Lenzburg konvertierte er offenbar zum radikalen Islam. Schlummern noch mehr Gotteskrieger hinter Gittern?

von
R. Neumann
Er soll in der Schweiz radikalisiert worden sein und in der Türkei drei Menschen getötet haben: Çendrim R.

Er soll in der Schweiz radikalisiert worden sein und in der Türkei drei Menschen getötet haben: Çendrim R.

Wenige Monate ist es her, da trommelte der Chef des Saar-Verfassungsschutzes, Helmut Albert, 75 Gefängnisleiter aus ganz Deutschland zusammen. Seine Botschaft: «Der Strafvollzug biete einen fruchtbaren Nährboden für die Radikalisierung.»

Albert bläute den Anstaltsleitern ein, ein wachsames Auge auf Islamisten und ihr Ziel, weitere Mitstreiter für den heiligen Krieg zu gewinnen, zu werfen. Aufsichtspersonal müsse geschult werden. Anstaltsleitungen und Sicherheitsbehörden müssten intensiven Informationsaustausch betreiben.

Die Radikalisierung von Häftlingen ist ein brennendes Thema in Deutschland – in der Schweiz hingegen winkt man müde ab. Obwohl der «Tages-Anzeiger» am Donnerstag berichtete, dass Çendrim R. (23), der vor einer Woche in der Türkei drei Menschen getötet haben soll, in der Justizvollzuganstalt Lenzburg radikalisiert worden sei. Einen langen Bart habe er sich wachsen lassen, habe sich dem Islam zugewandt.

Anstaltsdirektor Marcel Ruf sagt zum aktuellen Fall: «Herr R. war diesbezüglich überhaupt nicht auffällig.» Überhaupt: Man habe eine Islamisierung eines Häftlings in Lenzburg «praktisch noch nie» erlebt. Was unter anderem wohl daran liege, dass nur rund 25 Prozent der Häftlinge Muslime seien. Aber sollte man Tendenzen feststellen, werde der Häftling darauf angesprochen.

«Wenn schon, dann nach der Entlassung»

Imam Mustafa Mehmeti besucht im Gefängnis Thorberg BE muslimische Häftlinge, spricht ihnen Mut zu, redet über die Religion. Er will nicht glauben, dass jemand im Gefängnis radikalisiert werden könne. «Das habe ich persönlich noch nie erlebt.»

Mehmeti räumt aber ein: Die Zeit hinter Gittern sei belastend, man fühle sich ungerecht behandelt, das Gemüt leide. Und habe man nach der Entlassung keine Perspektive, keine Zukunft, drohe gar die Ausschaffung – dann könne man als junger Mann empfänglich werden. Aber das geschehe erst nach der Haftstrafe. «Diese Prediger, die in die Schweiz kommen und Hass säen, die sollte man zur Verantwortung ziehen!»

Wenn die Hausordnung nicht gestört wird, ist alles in Ordnung

Es ist ein Thema, das von den Behörden nur mit der Kneifzange angefasst wird. Der Schweizer Nachrichtendienst verfolgt die Aktivitäten von Dschihadisten nur im Internet, darf von Rechts wegen gar nicht in Gefängnissen herumschnüffeln. Und bei den Strafvollzugskonkordaten heisst es zum Thema nur vage: «kann sein». Zahlen? Fakten? Fehlanzeige.

Michael Hafner, stellvetretender Leiter des Aargauer Amts für Justizvollzug, sagt, weshalb der Fokus nicht auf einer Radikalisierung – sei dies islamistisch, links- oder rechtsextrem – liege: «So lange die Hausordnung der Anstalt nicht gestört wird oder ein Gefangener mit radikalem Gedankengut nicht auf Mitinsassen einwirkt, besteht seitens der Institution kein Handlungsbedarf.» Und aus menschlicher Sicht ist eine Einwirkung offenbar hoffnungslos: «Eine Änderung der politischen Einstellung kann im Strafvollzug kaum erreicht werden.»

Wer sich dennoch offen zu einer radikalen Gesinnung bekennt, könnte sich damit ins eigene Fleisch schneiden. «Es kann einen negativen Einfluss auf die Legalprognose haben, sodass er beispielsweise nicht bedingt aus dem Strafvollzug entlassen wird, sondern die Strafe vollumfänglich zu verbüssen hat», sagt Michael Hafner.

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