07.06.2019 02:47

«Effizienter»Gibt es in der S-Bahn bald nur noch eine 2. Klasse?

Züge ohne 1. Klasse sind günstiger für die Betreiber. Deshalb denkt die Zürcher S-Bahn über deren Abschaffung nach.

von
Stefan Ehrbar
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Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) prüft zurzeit, ob eine S-Bahn, die nur eine Klasse hätte, wirtschaftlich effizienter betrieben werden könnte.

Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) prüft zurzeit, ob eine S-Bahn, die nur eine Klasse hätte, wirtschaftlich effizienter betrieben werden könnte.

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Im Rahmen künftiger Strategien werde entschieden, wie das Sitzplatzangebot künftig ausgestaltet werden soll, heisst es in einer Antwort des Zürcher Regierungsrats auf eine entsprechende Anfrage.

Im Rahmen künftiger Strategien werde entschieden, wie das Sitzplatzangebot künftig ausgestaltet werden soll, heisst es in einer Antwort des Zürcher Regierungsrats auf eine entsprechende Anfrage.

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Die Überlegungen sind für die ganze Schweiz relevant. Die Passagierzahlen nehmen zu. Oft dauert es lange, bis Pendler ein- und ausgestiegen sind, einige stehen am Perron falsch.

Die Überlegungen sind für die ganze Schweiz relevant. Die Passagierzahlen nehmen zu. Oft dauert es lange, bis Pendler ein- und ausgestiegen sind, einige stehen am Perron falsch.

Denis Linine

Etwa jeder fünfte Sitzplatz in Zügen der SBB ist einer der 1. Klasse. Das könnte sich ändern. Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) prüft zurzeit, ob eine S-Bahn, die nur eine Klasse hätte, wirtschaftlich effizienter betrieben werden könnte. Im Rahmen künftiger Strategien werde entschieden, wie das Sitzplatzangebot künftig ausgestaltet werden solle, heisst es in einer Antwort des Zürcher Regierungsrat auf eine entsprechende Anfrage. Zurück geht die Prüfung der klassenlosen Bahn auf einen Auftrag des Zürcher Kantonsrat.

Die Überlegungen könnten für die ganze Schweiz wichtig sein. Fast 40 Prozent der Passagiere der SBB gehen auf die Zürcher S-Bahn zurück, ihre Züge fahren in die Kantone Zürich, Aargau, Schwyz, Thurgau, Glarus, Zug, Schaffhausen und St. Gallen.

Kantone befehlen

Andererseits kämpfen viele andere S-Bahn-Netze mit ähnlichen Problemen. Die Passagierzahlen nehmen zu. Oft dauert es lange, bis Pendler ein- und ausgestiegen sind, einige stehen am Perron falsch, Züge können nicht beliebig verlängert werden und die Plätze werden knapper. Das alles schlägt sich auf die Pünktlichkeit nieder. Eine S-Bahn ohne 1. Klasse würde insgesamt mehr Sitzplätze bieten, Pendler könnten überall ein- und aussteigen. Wäre ein solches System erfolgreich, könnten andere Bahnen sich ein Vorbild nehmen.

Trotzdem hält die SBB selbst wenig von der Abschaffung der 1. Klasse. «Das Angebot der 1. und 2. Klasse entspricht einem Kundenbedürfnis», sagt Sprecher Raffael Hirt. Die Bahn setze der Nachfrage entsprechend und basierend auf Erfahrungswerten 1.-Klass-Wagen ein. Hirt macht aber klar: Wenn die Kantone, die das Angebot des Regionalverkehrs grösstenteils bestellen und bezahlen, keine erste Klasse wünschen, dann setzt die Bahn diesen Wunsch um. Vom ZVV erhält die SBB etwa 1,8 Millionen Franken pro Tag für den Betrieb der Zürcher S-Bahn.

1. Klasse verringert Defizit

Dass nun Züge umgebaut werden, ist allerdings keine Option. Hintergrund der Überlegungen des ZVV ist, dass sie neue Züge braucht. Ab 2030 soll die «S-Bahn 2G» fahren. Auf sogenannten Express-S-Bahnen, die weitere Strecken zurücklegen und in der Nähe der Stadt Zürich nicht an allen Stationen halten, sollen weiterhin Doppelstockzüge fahren. Auf neuen, sogenannten inneren S-Bahnen in Stadtnähe, die überall halten, sollen hingegen Züge fahren, die «in erster Linie einen schnelleren Fahrgastwechsel ermöglichen», wie es der ZVV ausdrückt. Diese Züge könnten einstöckig sein – und nur noch eine Klasse haben.

Zunächst sieht es allerdings nicht so aus, als würde dieser Plan Realität. Der Zürcher Regierungsrat hält die Idee einer klassenlosen S-Bahn für «nicht wünschenswert». Es gebe Pendler, die den ÖV nur nutzten, wenn es eine erste Klasse gebe, argumentierte er in einer früheren Antwort.

Zudem leisteten 1.-Klass-Pendler dank der höheren Billettpreise einen Beitrag zur Verringerung des Defizits des öffentlichen Verkehrs. Genaue Zahlen dazu hat der ZVV nicht, da entsprechende Erhebungen aufgrund des Zonensystems nicht gemacht werden. Grosse Teile des ZVV-Angebots – etwa Busse oder Trams – verfügen über gar keine 1. Klasse. Zahlen einer Bahnbetreiberin belegen aber, dass pro Passagierkilometer in der 1. Klasse in Zügen etwa 23 Prozent mehr Ertrag generiert wird (siehe Box).

«Abschaffung wäre Insellösung»

Urs Schaffer, der Präsident der Zürcher Sektion von Pro Bahn, begrüsst die Grundsatzdiskussion um die erste Klasse. Solche seien immer gut, sagt er. «In diesem Fall sind sie aber schon aus betrieblichen Gründen wohl kaum umsetzbar.» So verkehrten die Züge der S-Bahn Zürich auch in andere Tarifverbünde. Ein flexibler Einsatz würde massiv erschwert, wenn die erste Klasse abgeschafft würde.

Für Pendler biete eine Abschaffung der ersten Klasse Vor- und Nachteile. So könnte es mehr Platz für alle geben, andererseits hätten 1.-Klass-Kunden keine ruhigere Zone mehr. «Aus unserer Sicht wäre eine solche Abschaffung bei der S-Bahn Zürich eine Insellösung», so Schaffer, «sie wäre nicht zielführend und betrieblich kaum umsetzbar.»

So viel Geld bringen 1.-Klass-Pendler

Wie wichtig die Einnahmen der 1. Klasse sind, kommunizieren ÖV-Betriebe nicht. Eine Ausnahme bildet die Südostbahn. Bei der drittgrössten Bahn der Schweiz spülten Passagiere in der 1. Klasse im Jahr 2017 pro zurückgelegten Kilometer mit 25.05 Rappen etwa 23 Prozent mehr Geld in die Kasse als Passagiere der 2. Klasse. Bei ihnen betrug der Wert 19.35 Rappen. Zudem legten Passagiere der 1. Klasse mit durchschnittlich 24,1 Kilometern pro gelöstes Billett eine deutlich längere Strecke zurück als jene der 2. Klasse mit 18,8 Kilometern. Noch deutlicher waren die Unterschiede bei Reisenden mit Verbund-Abos etwa des ZVV oder des Tarifverbund Ostwind. Ein durchschnittlicher 1.-Klass-Passagier brachte pro Kilometer 55 Prozent mehr Ertrag ein als einer der 2. Klasse.

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