Faktencheck: Gibts Sars-CoV-2 tatsächlich schon seit dem Jahr 2003?
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FaktencheckGibts Sars-CoV-2 tatsächlich schon seit dem Jahr 2003?

In den sozialen Medien werden derzeit Meldungen geteilt, die zeigen sollen, dass das Coronavirus schon viel länger als seit 2019 unter Menschen zirkuliert. Die Berichte sind echt – doch ganz so wie von den Postenden dargestellt, ist es nicht.

von
Fee Anabelle Riebeling

Darum gehts

  • Einige Skeptiker glauben, Beweise für eine angebliche «PLandemie» gefunden zu haben.

  • Diese teilen sie derzeit rege auf verschiedenen Social-Media-Plattformen.

  • Die geteilten Berichte sind echt.

  • Doch die gezogenen Schlüsse sind falsch.

«Wir werden doch nur noch angelogen» – mit diesen Worten teilen einige Menschen Clips und Screenshots auf Social Media, die zeigen sollen, dass das Coronavirus schon lange unter uns weilt, aber erst seit Kurzem als für den Menschen so gefährlich verkauft wird, dass es Massnahmen braucht. Dahinter vermuten sie eine grosse Verschwörung, geplant von wahlweise Bill Gates, Politikern oder Pharmafirmen. Entsprechend sollen wir es nicht mit einer Pandemie, sondern mit einer «PLandemie» zu tun haben.

Tatsächlich zeigen die geposteten Videos und Bilder Nachrichten-Sendungen und -Berichte aus früheren Jahren, in denen von Coronaviren die Rede ist (siehe Video oben). Auch auf Desinfektionsmitteln aus dem Jahr 2015 ist bereits der Hinweis «Hilft auch gegen Coronaviren» notiert, bei manchen Produkten wird sogar «Sars» explizit erwähnt. Und in Dean Koontz’ Thriller «Die Augen der Finsternis» aus dem Jahr 1981 ist von dem Virus Wuhan-400 die Rede. Richtig liegen die Skeptiker dennoch nicht, vielmehr bringen sie etwas durcheinander: Aber der Reihe nach.

Gestatten, Familie Corona

Coronaviren – fachsprachlich Coronaviridae genannt – sind seit den 1960er-Jahren bekannt. Dabei handelt es sich um eine Virusfamilie. Die Bezeichnung «Corona» ist also mit Familiennamen wie Müller, Meier oder Schmid gleichzusetzen. Die Angehörigen weisen alle gewisse Ähnlichkeiten auf: Was bei Familie Müller vielleicht die schiefen Zähne sind, ist bei den Coronaviridae die namensgebende Krone (Lateinisch «corona» für Kranz, Krone).

Doch wie in vielen Familien gibt es auch bei den Coronaviren Vertreter, die unangenehm auffallen und dem Menschen gefährlich werden. Die bekanntesten sind Sars-CoV-1, das in den Jahren 2003 und 2004 ausbrach, Mers-CoV, das im Jahr 2012 die Mers-Epidemie auslöste, und Sars-CoV-2, welches uns die aktuelle Pandemie beschert. Trotz aller Familienähnlichkeiten unterscheiden sie sich deutlich voneinander und machen so dem Menschen unterschiedlich grosse Probleme.

Das heisst: Die von den Corona-Skeptikern zitierten News aus früheren Jahren beziehen sich auf andere Familienmitglieder als jenes, mit dem wir es derzeit zu tun haben. Die News aus den Jahren 2003 und 2004 handeln von Sars-CoV-1, die aus den Jahren 2012 und 1013 von Mers-CoV. Nicht die Rede war damals von Sars-CoV-2. Das kannte man schlichtweg nicht. Dieses trat erst im Dezember 2019 in Erscheinung. Daher ist auch oft von «neuartigem Coronavirus» die Rede.

Nicht jeder Coronavertreter ist gefährlich

Insgesamt sind sieben Coronaviren bekannt (Stand Februar 2020), die beim Menschen Krankheiten hervorrufen können: Neben Sars-CoV-1, Sars-CoV-2 und Mers-CoV sind das HCoV-HKU1, HCoV-OC43, HCoV-NL63 und HCoV-229E. Die vier Letztgenannten verursachen etwa 5 bis 30 Prozent aller akuten respiratorischen Erkrankungen und führen typischerweise zu Nasenschleimhautentzündung (Rhinitis), Bindehautentzündung (Konjunktivitis), Rachenentzündung (Pharyngitis), gelegentlich zu einer Kehlkopfentzündung (Laryngitis) oder einer Mittelohrentzündung (Otitis media).

Frühere Varianten

Dem früheren Auftreten anderer Coronavirus-Vertreter ist es übrigens zu verdanken, dass wir knapp ein Jahr nach dem Auftreten von Sars-CoV-2 bereits über erste Impfstoffe verfügen. Denn seit den Ausbrüchen in den Jahren 2003/04 und 2012 forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit zu Coronaviridae.

Seit der laut dem Bundesamt für Gesundheit «bedeutendsten Ebolavirus-Epidemie» in den Jahren 2014 und 2015, während der in Westafrika mehr als 11'300 Menschen starben, habe man – unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit – die Impfstoffforschung vorangetrieben, erklärte Christine Dahlke, Biologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Impfstoffexpertin, in der ZDF-Sendung «Markus Lanz». «Als dann die Sequenz von Sars-CoV-2 veröffentlicht wurde, hat man gleich loslegen können.»

Tipps, wie du mit Fans von Verschwörungsideen umgehen kannst, ohne dabei wahnsinnig zu werden, bekommst du hier.

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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