B 1.617 auf dem Vormarsch - Gibts wegen indischer Variante bald Quarantäne für Engländer?
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B 1.617 auf dem VormarschGibts wegen indischer Variante bald Quarantäne für Engländer?

In Grossbritannien ist wegen der indischen Corona-Mutation die Aufhebung der Massnahmen in Gefahr. Auch in der Schweiz nimmt die Variante Fahrt auf, Politiker fordern rasches Handeln.

von
Daniel Graf
Leo Hurni
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Indien wurde von einer brutalen Corona-Welle getroffen. Grund dürfte auch die indische Variante des Virus sein. Diese gilt als stark ansteckend. 

Indien wurde von einer brutalen Corona-Welle getroffen. Grund dürfte auch die indische Variante des Virus sein. Diese gilt als stark ansteckend.

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Mittlerweile ist die indische Variante auch in England am Wüten. Premierminister Boris Johnson erklärte, die zunehmende Verbreitung dieser Variante gefährde die Pläne für eine komplette Aufhebung der Pandemie-Beschränkungen im Juni.

Mittlerweile ist die indische Variante auch in England am Wüten. Premierminister Boris Johnson erklärte, die zunehmende Verbreitung dieser Variante gefährde die Pläne für eine komplette Aufhebung der Pandemie-Beschränkungen im Juni.

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In Deutschland warnte SPD-Politiker Karl Lauterbach bereits vor der starken Verbreitung der indischen Variante in England. Er forderte, dass England zum Mutationsgebiet erklärt werde.

In Deutschland warnte SPD-Politiker Karl Lauterbach bereits vor der starken Verbreitung der indischen Variante in England. Er forderte, dass England zum Mutationsgebiet erklärt werde.

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Darum gehts

  • In England gehen immer mehr Ansteckungen auf die indische Variante zurück.

  • Die Taskforce geht davon aus, dass auch in der Schweiz die indische Variante bald alle Neuinfektionen ausmachen wird.

  • Gesundheitspolitiker fordern deshalb Massnahmen, um nicht noch mehr Fälle einzuschleppen.

  • Epidemiologen glauben hingegen nicht, dass das Infektionsgeschehen in der Schweiz noch einmal aus dem Ruder läuft.

In Indien ist die Corona-Pandemie in den letzten Wochen explodiert: Mehr als 400’000 Neuinfektionen pro Tag wurden über mehrere Tage hinweg festgestellt, derzeit stabilisiert sich das Infektionsgeschehen auf sehr hohem Niveau. Zumindest zu einem Teil für die schnelle Verbreitung verantwortlich ist die Doppelmutante B 1.617 (siehe unten).

Auch in Grossbritannien steigt die Angst vor der indischen Variante. Premierminister Boris Johnson erklärte am Freitag, die zunehmende Verbreitung dieser Variante gefährde die Pläne der Regierung für eine komplette Aufhebung der Pandemie-Beschränkungen im Juni. Johnson warnte davor, dass die indische Variante leichter zu übertragen sei. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die indische Variante vergangene Woche als «besorgniserregend» eingestuft.

Bis im Sommer wird indische Mutation dominieren

Auch in der Schweiz ist B 1.617 auf dem Vormarsch. Modellrechnung der ETH Zürich zeigen, dass die indische Variante derzeit rund fünf Prozent aller untersuchten Proben ausmacht. Die wissenschaftliche Taskforce des Bundes geht in ihren Modellrechnungen davon aus, dass B 1.617 die anderen Varianten verdrängen und bis im Sommer 100 Prozent der Neuinfektionen ausmachen wird.

In Deutschland warnte SPD-Politiker und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am Samstag vor der starken Verbreitung der indischen Variante in England. Um eine unkontrollierte Verbreitung in Deutschland zu vermeiden, fordert er, dass England zum Mutationsgebiet erklärt werde.

«Dürfen keine Berührungsängste haben»

Auch Schweizer Politikerinnen und Politiker fordern aufgrund der Situation in England Massnahmen. «Wir dürfen keine Berührungsängste haben, was Einreiserestriktionen anbelangt», sagt BDP-Nationalrat Lorenz Hess. Er fordert, dass das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Quarantäneregelungen für England wenn nötig anpasst. «Es wäre fatal, wenn wir kurz vor den nächsten Öffnungsschritten wegen der indischen Variante lahmgelegt würden. Der Impferfolg in der Schweiz darf nicht gefährdet werden».

Auch SP-Nationalrätin Yvonne Feri warnt vor der Einschleppung von Mutationen in die Schweiz. «Das BAG passt die Quarantäneliste regelmässig an und sollte die Situation genau beobachten. Wichtig ist aber, dass man solche Einreiseregelungen dann auch klar durchsetzt.»

Epidemiologen sind zuversichtlich

Laut dem Basler Kantonsarzt Thomas Steffen ist es jetzt wichtig, dass «weltweit die Ausbreitung dieser Mutation fokussiert beobachtet wird.» Es gebe Hinweise, dass die indische Variante sich noch schneller übertrage, als die britische. «Diskutiert wird gegenwärtig auch, ob das menschliche Immunsystem weniger stark auf diese Variante reagiert.» Hinweise auf eine wesentliche Beeinträchtigung der Impfstoffe gebe es hingegen nicht.

Dieser Umstand stimmt Schweizer Epidemiologen zuversichtlich. «Selbst wenn die Impfstoffe nicht vollständig zur indischen Variante passen sollten, ist mit einem weiter bestehenden Schutz vor schweren Infektionen zu rechnen», sagt Steffen. Die Impfungen hätten in der Schweiz deutlich an Tempo zugelegt, was sehr hilfreich sei.

«Kritisch wird es, wenn Impfstoffe nicht mehr wirken»

Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, teilt diese Einschätzung: «Wenn wir so weiterimpfen können, ist das Risiko, dass das Infektionsgeschehen in der Schweiz erneut aus dem Ruder läuft, gering.» Utzinger erinnert daran, dass es schon bei der britischen Variante relativ schnell gegangen sei, bis diese Überhand genommen habe. Dank des zügigen Impffortschritts glaubt Utzinger aber nicht, dass die Öffnungspläne des Bundesrats derzeit in Gefahr sind.

«Kritisch würde es dann, wenn sich eine Mutation entwickelt und rasch verbreitet, gegen die die derzeit verwendeten Impfstoffe überhaupt nicht mehr wirken, was allerdings sehr unwahrscheinlich ist», sagt Utzinger. Dass weitere Mutationen auftreten, sei aber jederzeit möglich. «Es ist deshalb zentral, dass die Corona-Pandemie nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit unter Kontrolle gebracht wird.»

Das BAG sagt auf Anfrage, aufgrund der raschen Ausbreitung von B 1.617 sei Indien seit dem 26. April auf der Quarantäneliste. Dies sei eine präventive Massnahme. «Aktuelle Daten deuten auf eine erhöhte Übertragbarkeit und einen reduzierten Schutz durch vorherige Immunität hin.» Der Schutz durch Impfung sei aber wohl auch bei dieser Variante ausreichend.

Deshalb ist die indische Variante gefährlich

Gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) deuten vorläufige Studienergebnisse darauf hin, dass sich die indische Variante B 1.617 schneller ausbreite als andere in Indien zirkulierende Corona-Varianten. Es gäbe zudem Hinweise, dass sich auch Geimpfte und Genesene dadurch schneller anstecken könnten. Expertinnen und Experten sprechen dabei von einer Doppelmutation. Sie besteht unter anderem aus der kalifornischen Variante CAL.20C. und der Mutation E484Q, die bereits in der britischen Variante nachgewiesen wurde. B 1.617.2 ist ein Subtyp der SARS-CoV-2-Variante B.1.617.

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