Aktualisiert 01.10.2010 16:11

Toter Datendieb

Ging es um Credit-Suisse-Kunden?

Vieles deutet darauf hin, dass der in Bern tot aufgefundene Häftling der Dieb ist, der eine CD mit geheimen Daten der Credit Suisse den deutschen Behörden übergeben hatte.

von
Lukas Hässig

Ein wegen vermuteter Bankgeheimnis-Verletzung inhaftierter Mann hat sich am Mittwoch offenbar das Leben genommen. Der 42-Jährige Mann sass seit kurzem in Untersuchungshaft im Berner Bezirksgefängnis. Verhaftet worden war der Österreicher, laut einem Zeitungsbericht stammte er aus dem Tirol und hatte seinen Wohnsitz in Winterthur, im Zusammenhang mit Ermittlungen rund um gestohlene Bankdaten.

Über die Inhaftierung des Mannes Mitte September sei der Konsul an der österreichischen Botschaft in Bern nicht orientiert worden, berichtete die Nachrichtenagentur APA unter Berufung auf informierte Kreise. Üblicherweise müssten die ausländischen Behörden informiert werden, wenn Staatsbürger ihres Landes inhaftiert werden.

CS geriet ins Visier der deutschen Ermittler

Aufgrund der bisher vorliegenden Hinweise könnte es sich beim verstorbenen Verdächtigten um jenen Mann handeln, der den deutschen Behörden die erste CD mit gestohlenen Kundendaten übergeben hatte und dafür Ende Februar rund 2,5 Millionen Euro erhalten haben soll.

Vieles deutet darauf hin, dass rund 1500 Kundendaten der Credit Suisse (CS) auf dieser CD abgespeichert waren. Nachdem deutsche Medien Ende Januar berichteten, dass das Bundesland Nordrhein-Westfalen den Ankauf der geklauten CD prüfe, sickerte aus deutschen Ermittlerkreisen durch, dass die CS die Hauptbetroffene des Datenklaus sei.

Ein Sprecher der CS wollte heute keinen Kommentar zur jüngsten Entwicklung abgeben.

«Schweizer Beutestaat»

In Deutschland und der Schweiz hatte der Daten-Diebstahl eine aufgeregte Diskussion ausgelöst. In der Schweiz ereiferte sich eine starke Fraktion über die deutschen Behörden, die sich mit einem Aufkauf der Daten zur Hehlerin eines Kriminellen mache.

Das Nachrichtenmagazin «Stern» drehte den Spiess um und stellte die Schweiz an den Pranger. «Sie ist ein Beutestaat, und ihr Bankgeheimnis ist der hässliche Pickel im Gesicht des deutschen Steuersystems», sagte ein bekannter «Stern»-Journalist.

Nach dem Schlagabtausch wurde den deutschen Behörden eine weitere CD mit gestohlenen Bankdaten angeboten. Im Juni wurde bekannt, dass das Bundesland Niedersachsen zusammen mit der Bundesrepublik Datensätze aufkaufte. Die Nachricht war kaum mehr eine Schlagzeile wert.

Dass die CS im Fokus der Datenklau-Geschichte stehen könnte, ging aus einem Interview mit dem Präsidenten der Bank hervor. «Aufgrund der Medienberichte müssen wir davon ausgehen, dass Kunden von uns betroffen sind», sagte Hans-Ulrich Doerig der NZZ Ende März.

Strafanzeige der CS gegen Unbekannt

Obwohl eine offizielle Mitteilung fehle, wolle die Bank in die Offensive gehen. «Wir wissen immer noch nicht, ob es überhaupt eine CD mit CS-Kundendaten gibt», meinte Doerig. «Trotzdem haben wir vor einigen Tagen Strafanzeige gegen Unbekannt eingereicht.»

Mitte Juli verschärfte sich die Lage für die Schweizer. Deutsche Behörden führten in allen 13 Deutschland-Filialen der CS eine Razzia durch. Gesucht wurden Dokumente, die nahelegten, dass CS-Mitarbeiter deutschen Kunden beim Hinterziehen von Steuern behilflich gewesen wären.

Die CS-Hausdurchsuchung wurde mit der Anfang Jahr von Nordrhein-Westfalen erworbenen CD in Verbindung gebracht. Nun ist möglicherweise der Dieb jener Daten, dem Gefängnis wegen Verletzung des Bankgeheimnisses gedroht hätte, aus dem Leben geschieden.

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