Bern: Gläubiger Christ fährt mit «Nuklearwaffe» auf A1
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BernGläubiger Christ fährt mit «Nuklearwaffe» auf A1

Auf der A1 Richtung Bern wurde ein Fahrzeug gesichtet, das die Attrappe einer Atomrakete transportierte. Darf man mit so etwas herumfahren?

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sul
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Geballte Ladung: Diese Fahrzeug-Komposition wurde am Samstagnachmittag auf der Autobahn gesichtet.

Geballte Ladung: Diese Fahrzeug-Komposition wurde am Samstagnachmittag auf der Autobahn gesichtet.

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Der Lenker war mit Fake-Rakete auf der A1 Richtung Bern unterwegs.

Der Lenker war mit Fake-Rakete auf der A1 Richtung Bern unterwegs.

Keystone/Laurent Gillieron
An Heckscheibe und Anhänger prangen religiös-militante Sprüche, etwa: «Wer Jesus ignoriert, ist im Krieg mit Gott.»

An Heckscheibe und Anhänger prangen religiös-militante Sprüche, etwa: «Wer Jesus ignoriert, ist im Krieg mit Gott.»

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Manch ein Autolenker auf der A1 dürfte am Samstagnachmittag leer geschluckt haben: In Richtung Bern war ein beigefarbener Mercedes Kombi mit Berner Kontrollschild unterwegs, der die Attrappe eines nuklearen Marschflugkörpers hinter sich herzog. An der Heckscheibe und am Anhänger prangten Botschaften, die einem das Christentum nicht gerade auf die sanfte Art schmackhaft machen wollen, etwa: «Wer Jesus ignoriert, ist im Krieg mit Gott.»

«Jesus hat viele Anhänger»

Auf Twitter, wo ein Foto der bizarren Fahrzeugkombination kursiert, überbieten sich die User gegenseitig mit spöttischen Kommentaren und Wortspielen. «Jesus hat viele Anhänger», witzelt einer. Andere fragen sich, ob der Sohn Gottes «aus dem Atomwaffenvertrag NPT ausgestiegen» sei oder ob es sich um die «schweizerische Version vom Strassenkarneval» handle.

Nicht allen Kommentatoren ist aber nach Scherzen zumute. Einige fragen sich: Darf man mit einer Raketenattrappe auf offener Strasse herumkurven? An der ein Warnhinweis für Radioaktivität haftet? Begleitet von religiös-militanten Parolen?

Gezielte Ablenkung, Rassendiskriminierung?

Der Berner Rechtsanwalt Michael Steiner sieht die Hauptfrage darin, inwiefern auf einer Autobahn solcherlei «Werbung» gemacht werden dürfe. Aufschriften und Bemalungen, heisst es nämlich im Strassenverkehrsgesetz (SVG), «dürfen die Aufmerksamkeit anderer Strassenbenützer und -benützerinnen nicht übermässig ablenken». Steiner sagt: «Es handelt sich wohl um eine gezielte Ablenkung der anderen Fahrer.» Insofern gehe er davon aus, dass der Fahrzeuginhaber für seine Botschaften gebüsst werden könnte. Hingegen bezweifelt Steiner, dass sich der Lenker wegen der Raketenattrappe strafbar mache: «Die ist ja klar symbolisch gemeint.»

Für die Rechtsanwältin Sarah Schläppi wiederum könnte der Tatbestand der Rassendiskriminierung erfüllt sein. «Im vorliegenden Fall wird impliziert, dass alle, die nicht an Gott glauben, minderwertig sind», erklärt Schläppi. Ferner steht für sie eine Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit im Raum. Gemäss Strafgesetzbuch macht sich nämlich strafbar, «wer öffentlich in gemeiner Weise die Überzeugung anderer in Glaubenssachen, insbesondere deren Glauben an Gott, beschimpft, verspottet oder Gegenstände religiöser Verehrung verunehrt».

«Die Menschen wachrütteln»

Recherchen von 20 Minuten ergaben, dass es sich beim Eigentümer der Raketenattrappe um den Glaubensaktivisten Johannes Zweifel handelt. Der 69-Jährige sorgte bereits in der Vergangenheit mit seinen Aktionen für Aufsehen: 2002 etwa zog der Abtreibungsgegner vor der Abstimmung zur Fristenlösung mit einer Leichenkutsche und blutigen Puppen wochenlang durch die Schweiz.

«Ich und meine Frau sind überzeugte Christen», sagt Zweifel. Davon, klagt er, gebe es heute leider nicht mehr sehr viele. «Viele Menschen glauben nicht einmal mehr, dass sie eine Seele haben. Das ist ein furchtbares Drama.» Bekehren wolle er zwar niemanden, wohl aber «die Menschen wachrütteln» und die biblische Botschaft verkünden: dass nämlich Gottes Zorn erfahre, wer an Jesus vorbeilebe. Die Rakete diene zum einen als Blickfang, zum anderen solle sie aber auch zeigen, dass wir in Anbetracht der weltweit steigenden Rüstungsausgaben «auf einem Pulverfass leben», so Zweifel.

Ein Freund Kneubühls

Wenn der Rentner aus Meinisberg BE mit seiner Fake-Atomwaffe auf der Autobahn fährt, ist ihm die Aufmerksamkeit gewiss. «Alle, die mich überholen, lesen die Sprüche vermutlich», sagt er. Viele Lenker würden abbremsen und sein Gefährt mit dem Handy filmen. Dass ihm Leute ab und an den Vogel zeigen, stört ihn nicht. «Ich winke dann einfach zurück.» Trotz möglicher Verstösse, die die Juristen ins Feld führen, habe er noch nie Probleme mit der Polizei gehabt, sagt Zweifel. Im Gegenteil: «Ein Polizist hat meine Rakete sogar einmal fotografiert.»

Zweifel ist auch ein enger Vertrauter von Peter Hans Kneubühl, dem Bieler Rentner, der 2010 einen Polizisten schwer verletzte und der letzte Woche vom Bieler Regionalgericht zu einer Verwahrung verurteilt wurde. Zweifel, der sich für Kneubühls Freilassung einsetzte, protestierte vor dem Gerichtsgebäude gegen den Prozess. Auf einem Plakat hiess es: «Eine Justiz ohne Gerechtigkeit ist Un-Recht».

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