Aktualisiert 26.05.2020 11:27

Top-Virologe

«Ich glaube nicht an einen 100-prozentig wirkenden Impfstoff»

Virologe Peter Piot ist Covid-19-Forscher und -Patient. Er warnt davor, das Virus auf die leichte Schulter zu nehmen und zu grosse Hoffnung in einen Impfstoff zu setzen.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Peter Piot kennt das Coronavirus Sars-CoV-2 als Virologe und als Patient. Wo er sich infiziert hat, weiss er nicht. Er weiss nun aber ziemlich gut, wie massiv das Virus auf den menschlichen Körper wirken kann, und er mahnt andere, vorsichtig zu sein. Doch das ist nicht das Einzige, womit Piot an die Öffentlichkeit geht.

Peter Piot kennt das Coronavirus Sars-CoV-2 als Virologe und als Patient. Wo er sich infiziert hat, weiss er nicht. Er weiss nun aber ziemlich gut, wie massiv das Virus auf den menschlichen Körper wirken kann, und er mahnt andere, vorsichtig zu sein. Doch das ist nicht das Einzige, womit Piot an die Öffentlichkeit geht.

Wikimedia Commons/PieterMorlion/CC BY 2.5
Der Direktor der London School of Hygiene & Tropical Medicine bremst die Hoffnungen auf einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2: «An einen 100-prozentig wirkenden Impfstoff glaube ich nicht.» Er ruft dazu auf, auch nach anderen Möglichkeiten zu suchen, wie man dem Erreger in Zukunft begegnen könnte. Dabei dürfte man ruhig unkonventionellen Ideen folgen.

Der Direktor der London School of Hygiene & Tropical Medicine bremst die Hoffnungen auf einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2: «An einen 100-prozentig wirkenden Impfstoff glaube ich nicht.» Er ruft dazu auf, auch nach anderen Möglichkeiten zu suchen, wie man dem Erreger in Zukunft begegnen könnte. Dabei dürfte man ruhig unkonventionellen Ideen folgen.

Wikimedia Commons/SecretLondon/CC BY-SA 3.0
Lange ging man davon aus, dass Sars-CoV-2 nur die Lunge angreift. Heute – fünf Monate nachdem die ersten Meldungen dazu aufkamen – weiss man, dass es den ganzen Körper angreift.

Lange ging man davon aus, dass Sars-CoV-2 nur die Lunge angreift. Heute – fünf Monate nachdem die ersten Meldungen dazu aufkamen – weiss man, dass es den ganzen Körper angreift.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Der mehrfach ausgezeichnete Virologe Peter Piot ist nicht nur Covid-19-Experte, er erkrankte auch selbst an Sars-CoV-2 – weil er das Virus unterschätzt hat.
  • Nun warnt er andere, es ihm gleichzutun.
  • Ausserdem glaubt er nicht daran, dass ein Impfstoff das Coronavirus aus der Welt schaffen wird.
  • Er ruft dazu auf, auch nach anderen Möglichkeiten zu suchen, wie man dem Erreger in Zukunft begegnen könnte.

Peter Piot kennt sich mit Viren aus wie kaum ein anderer. 1976 gehörte der belgische Mediziner zu den Entdeckern des Ebolavirus (siehe Box) und gilt als HIV-Pionier. Heute leitet er die London School of Hygiene & Tropical Medicine und berät die Europäische Kommission hinsichtlich Sars-CoV-2 – jenes Virus, mit dem er sich im März 2020 selbst infizierte.

Dazu kam es, weil er es unterschätzt habe, gibt der 71-Jährige im Interview mit Spiegel.de zu. Obwohl er noch im Februar davor gewarnt habe, dass Sars-CoV-2 ausser Kontrolle geraten könne, «bin ich selbst nicht vorsichtig genug gewesen». Wo er sich angesteckt haben könnte, kann Piot nicht sagen.

Entdeckung des Ebolavirus

Das Ebolavirus ist nach einem Ausläufer des Kongo-Flusses benannt. An dessen Ufer hatte der Direktor einer Missionsschule 1976 gemeinsam mit einem Kollegen einen frisch erlegten Affen gekauft. Wenige Tage nachdem sie diesen gegessen hatten, waren beide Männer tot. In den Wochen darauf starben in der Region weitere 280 Menschen. Peter Piot war damals Teil eines internationalen Forscherteams, das den ersten Ausbruch von Ebola untersuchte.

Im Jahr 1977 zeigte sich schliesslich, dass das Virus schon länger existierte: Der Erreger konnte im toten Körper eines Arztes nachgewiesen werden, der fünf Jahre zuvor an einer rätselhaften Fiebererkrankung gestorben war. Dies, nachdem er die Leiche eines jungen Mannes obduziert und sich dabei am Finger verletzt hatte. Wie sich später herausstellte, waren beide schon 1972 mit Ebola infiziert.

«Balancierte zwischen Himmel und Erde»

Dafür weiss er nun ziemlich gut, wie massiv das Virus auf den menschlichen Körper wirken kann: Nach einem zunächst äusserst unangenehmen, aber weitgehend glimpflichen Verlauf mit hohem Fieber, stechenden Kopfschmerzen, Schüttelfrost und einem starken Erschöpfungsgefühl musste er am 11. Tag hospitalisiert werden. Da hätte er kaum noch aufstehen können.

Im Spital stellten die Ärzte fest, dass seine Sauerstoffsättigung auf bedenkliche 84 Prozent gesunken war. Er bekam Sauerstoff, «eine invasive Beatmung war zum Glück nicht notwendig», so der ehemalige Covid-19-Patient. Trotzdem war nicht immer klar, ob er die Infektion überleben würde. «Eine Woche lang balancierte ich zwischen Himmel und Erde, am Rande dessen, was das Ende hätte sein können», so Piot zum belgischen Magazin «Knack».

Peter Piot entdeckte 1976 das Ebolavirus in Zaire (heute: Kongo). Danach galt sein Kampf vor allem dem HI-Virus. Zwischen 1995 und 2008 stand er dem Gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen zu HIV/Aids vor. Seit 2010 ist er Direktor der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Der mehrfach ausgezeichnete Virologe ist Mitglied in der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und Sonderberater der Präsidentin der Europäischen Kommission in Corona-Fragen.

Peter Piot entdeckte 1976 das Ebolavirus in Zaire (heute: Kongo). Danach galt sein Kampf vor allem dem HI-Virus. Zwischen 1995 und 2008 stand er dem Gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen zu HIV/Aids vor. Seit 2010 ist er Direktor der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Der mehrfach ausgezeichnete Virologe ist Mitglied in der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und Sonderberater der Präsidentin der Europäischen Kommission in Corona-Fragen.

KEYSTONE

Kritiker ignorieren Langzeitfolgen

Nach sieben Tagen konnte er zwar wieder nach Hause, «aber die Krankheit hatte ich damit noch lange nicht überstanden», so Piot zu Spiegel.de. Etwa eine Woche später habe er plötzlich an Atemnot gelitten – die Folge einer überschiessenden Immunabwehr. «Viele Menschen sterben an der übertriebenen Reaktion ihres Immunsystems, das nicht weiss, was es mit dem Virus anfangen soll», zitiert Sciencemag.org den Virologen.

Piot warnt nun davor, Sars-CoV-2 zu verharmlosen, wie dies viele Corona-Skeptiker tun: «Viele Leute glauben, für 99 Prozent der Infizierten sei Covid-19 nichts als eine Art Grippe, und ein Prozent sterbe daran.» Doch es gäbe auch etwas dazwischen: «Die grosse Zahl derer, die überleben, die aber sehr schwer und sehr langwierig erkranken.»

Er selbst könnte noch immer nicht Treppensteigen, ohne unterwegs eine Pause einzulegen. Auch Joggen, was er sehr vermisst, geht noch nicht. «Ich kriege auch immer noch Blutverdünner, weil ich Vorhofflimmern habe», so Piot zu Spiegel.de. Das könnte für den Rest seines Lebens so bleiben.

«Wir müssen lernen, mit Covid-19 zu leben»

Auch auf einen kommenden Impfstoff zu hoffen, hält Piot für falsch: «Natürlich wird ein Impfstoff Teil unserer Exit-Strategie sein. Aber vieles spricht dafür, dass wir trotzdem als Gesellschaft lernen müssen, mit Covid-19 zu leben.»

So sei nach wie vor unklar, ob und wie gut ein solcher Impfstoff funktionieren würde. «Was Lungeninfektionen betrifft, sind unsere Erfahrungen bisher nicht toll.» Selbst bei Grippeimpfungen liege die Schutzwirkung in der Regel nur zwischen 60 und 70 Prozent. «Ich bin zwar ein optimistischer Mensch. Aber an einen 100-prozentig wirkenden Impfstoff glaube ich nicht.»

Es braucht unkonventionelle Ideen

Dass man dem Virus auch in Zukunft schutzlos ausgeliefert sei, sieht Piot jedoch auch nicht. Vielmehr fordert er, viel offener für unkonventionelle Ideen zu sein. Bisher sei es immer nur darum gegangen, das Virus unschädlich zu machen. «Aber vielleicht müssen wir auch darüber nachdenken, die Immunantwort zu kontrollieren.» Auch das Timing der Therapieschritte könnte einen Unterschied machen.

Auch sollte man testen, ob antivirale Medikamente nicht auch vorbeugend eingesetzt werden könnten. «Man könnte dann alle Kontakte eines frisch Infizierten ausfindig machen und diese prophylaktisch behandeln», so der Experte zu Spiegel.de. Dies sei vergleichbar mit einer Impfung, nur eben sehr viel gezielter.

Operation Warp Speed

US-Präsident Donald Trump will mit dem Programm «Operation Warp Speed», das nach der aus der Science-Fiction-Serie «Star Trek» bekannten Überlichtgeschwindigkeit benannt ist, sicherstellen, dass bis Ende des Jahres ein Impfstoff gegen das Coronavirus zur Verfügung steht. Ankündigungen wie diese werden von Fachleuten wie Peter Piot kritisch betrachtet: «Ich hoffe sehr, dass es keinerlei riskante Abkürzungen auf dem Weg zur Zulassung gibt», so Piot. Schliesslich soll der Impfstoff dereinst Milliarden Menschen verabreicht werden. «Wenn es auch nur bei einem winzigen Prozentsatz zu schwerwiegenden Nebenwirkungen käme, wären die Folgen verheerend.»

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78 Kommentare
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Einstein

20.06.2020, 23:39

Mich würde auch sehr interessieren was er zu den Lockerungen hierzulande meint! Leider erhält nur immer einer das Wort - möchte keine Namen nennen aber wir kennen den Lieblingsvirologen T.

im Dienste der Menschheit

20.06.2020, 19:05

Die Forschungen laufen auf Hochtouren, so ist es ein Wettrennen mit dem Virus. ich bin froh, dass es Forscher mit Fähigkeiten gibt, DANKE und viel Erfolg.

Jonny

19.06.2020, 05:36

Impfstoffe werden wie verrückt erforscht und versucht als Stütze gegen das Virus zu sein. Es ist möglich das es gefunden wird jedoch auf den Menschen unterschiedlich wirken kann. (Vorkrankheiten, Neuerkrankungen etc.) Gesunden Menschenverstand nutzen und auf sich achten und möglichst gesunde Ernährung in Erwägung ziehen. Durch Umwelteinwirkungen und ungesundem Essen kann der Körper auch geschwächt und auf Erkrankungen anfällig sein.