Frauen an der Konzernspitze: «Gleichstellung ist hergestellt, wenn auch Männer Teilzeit arbeiten»
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Frauen an der Konzernspitze«Gleichstellung ist hergestellt, wenn auch Männer Teilzeit arbeiten»

Letztes Jahr wurde in der Schweiz jede vierte Stelle im Topkader an eine Frau vergeben. Ist die Schweiz auf dem richtigen Weg oder gibt es noch Verbesserungspotenzial? Wie können Männer von Chefinnen profitieren? Wir klären die wichtigsten Fragen.

von
Janine Gloor
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 Der Frauenanteil in den Schweizer Geschäftsleitungen liegt mittlerweile bei 13 Prozent.

Der Frauenanteil in den Schweizer Geschäftsleitungen liegt mittlerweile bei 13 Prozent.

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Das Ziel, dass Frauen selbstverständlich als Führungskräfte rekrutiert werden, sei aber noch lange nicht erreicht, sagt eine Expertin.

Das Ziel, dass Frauen selbstverständlich als Führungskräfte rekrutiert werden, sei aber noch lange nicht erreicht, sagt eine Expertin.

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Flexible Arbeitszeitmodelle helfen Frauen, die Karriereleiter zu erklimmen.

Flexible Arbeitszeitmodelle helfen Frauen, die Karriereleiter zu erklimmen.

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Darum gehts

  • Gemäss dem Schilling-Report sind Frauen in der Teppichetage auf dem Vormarsch.

  • Insgesamt liegt der Frauenanteil in Geschäftsleitungen bei 13 Prozent.

  • Wir haben nachgefragt, was Unternehmen tun können, um mehr Chefinnen anzulocken und wie auch Männer Frauen bei der Karriere helfen können.

Frauen sind in den Teppichetagen auf dem Vormarsch. Das zeigt der am Freitag erschienene Schilling-Report. Der Frauenanteil in den Schweizer Geschäftsleitungen liegt mittlerweile bei 13 Prozent. Im letzten Jahr wurde jede vierte freie Stelle in der Geschäftsleitung an eine Frau vergeben.

Ist die Schweiz also auf dem richtigen Weg? Wo gibt es noch Verbesserungspotential? Warum haben viele Firmen noch immer keine Frau an der Konzernspitze? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Warum geht die Gleichstellung in der Chefetage nur schleppend voran?

«Meiner Meinung nach geht es nicht langsam», sagt Guido Schilling, Herausgeber des Schilling-Reports. «Im letzten Jahr waren fast ein Drittel der Neubesetzungen in Kaderpositionen Frauen. Das sind beeindruckende Zahlen, vor 15 Jahren wäre das nicht möglich gewesen.» Mandy Zeckra, Leiterin Recht und Vertragsvollzug bei der Gewerkschaft Syna, gibt sich dagegen weniger euphorisch: «Die neusten Zahlen zeigen einen Fortschritt, ein Erfolg ist es aber nicht.» Das Ziel, das Frauen selbstverständlich als Führungskräfte rekrutiert werden, sei noch lange nicht erreicht, momentan sind 87 Prozent der Geschäftsleitungsmitglieder Männer. «Das ist eine Überpräsenz.»

Was brauchen Frauen, damit Sie die Karriereleiter erklimmen können?

«Frauen brauchen Rahmenbedingungen, die ihnen entsprechen, um sie nachhaltig zu integrieren. Das heisst zum Beispiel planbare Arbeitstage und keine Open End-Sitzungen um 18 Uhr», sagt Guido Schilling. Und es müsse möglich sein, dass Frauen in Teilzeitpensen arbeiten können, wenn sie kleine Kinder haben, ohne dafür auf Karrierechancen verzichten zu müssen. Eine Kinderbetreuung im Unternehmen würde Familien auch entlasten, sagt Zeckra.

Sollten auch Männer von diesen Anstellungsbedingungen profitieren können?

Unbedingt, sagt Mandy Zeckra. «Unternehmen müssen verstehen, dass sie Frauen nicht isoliert betrachten dürfen, sondern bessere Bedingungen für Familien schaffen müssen.» Gleichstellung sei erst hergestellt, wenn auch Männer in Teilzeitpensen arbeiten. Gemäss den neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik haben 2017 nur 18 Prozent aller Männer Teilzeit gearbeitet, bei den Frauen waren es mit 29 Prozent fast jede Dritte. In Führungspositionen ist Teilzeit wenig verbreitet, nur gerade 22 Prozent aller Beschäftigten im Topkader arbeiten nicht Vollzeit.

Wie können Männer Frauen helfen, beruflich weiterzukommen?

Männer müssen realisieren, dass Frauen die Kultur in einem Gremium verändern. «Es muss auch dafür gesorgt werden, dass sich Frauen in Männergremien wohl fühlen», sagt Guido Schilling. In rein männlichen Gremien verhalten sich die Männer nach eigenen Spielregeln. Da brauche es eine neue Kultur. Das sieht auch Mandy Zeckra so. «Wenn man so fortfährt wie bisher, ziehen die bisherigen Männer neue Männer an, die gleich funktionieren.»

Wieso haben 42 Prozent der Unternehmen noch immer keine Frau in der Geschäftsleitung?

«Die Motivation, Frauen zu fördern und einzustellen, muss vom obersten CEO kommen», sagt Guido Schilling. «Da müssen bewährte Denkmuster aufgebrochen und viel in die Rekrutierung und Förderung von Frauen investiert werden.» Diese Arbeit zahle sich aus, denn Frauen bieten mit ihrer anderen Art, Fragestellungen anzugehen, einen substanziellen Mehrwert in jedem Gremium. «Ein Teil der Unternehmen erkennt das leider sehr spät», so Schilling.

Der Bund ist voraus

Der Bund hat bei den Neubesetzungen im Kader bereits zu 50 Prozent Frauen eingestellt, warum gelingt die Gleichstellung dort besser? «Das hat mehrere Gründe», sagt Guido Schilling. Die Arbeit beim Bund sei planbarer, was sie familienverträglicher macht. Dazu komme, dass Positionen bei Bund und Kantonen den Bildungsgängen von Frauen entgegenkommen. «So gibt es dort schon einen grösseren Grundstock an Frauen, die bereit sind für eine berufliche Entwicklung.» Zudem sei es bei diesen Arbeitgebern schon länger möglich, auch in Teilzeit eine Führungsposition innezuhaben. «Da hinkt die Wirtschaft hinterher.»

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