Microsoft-Chefin Jenner: «Gleichstellung werde ich nicht mehr erleben»
Aktualisiert

Microsoft-Chefin Jenner«Gleichstellung werde ich nicht mehr erleben»

Für die Chefin von Microsoft Schweiz ist klar: Ohne Frauen geht in der Wirtschaft bald nichts mehr. Petra Jenner sagt, warum Firmen jenseits von Quoten die Frauen fördern müssen.

von
S. Sturzenegger
Petra Jenner: Die Chefin von Microsoft Schweiz fordert einen weiblicheren Führungsstil und mehr Frauen in den Unternehmen. (Bild: Microsoft Schweiz)

Petra Jenner: Die Chefin von Microsoft Schweiz fordert einen weiblicheren Führungsstil und mehr Frauen in den Unternehmen. (Bild: Microsoft Schweiz)

Frau Jenner, kennen Sie Bill Gates persönlich?

Petra Jenner: Ich habe ihn zweimal getroffen.

Wie führt er?

Das kann ich nicht beurteilen, da ich ihn nie als Chef erlebt habe. Aber er ist ein Vordenker zum Thema der neuen Arbeitswelt. Er hat früh erkannt, dass die Arbeitswelt sich inhaltlich und mit den Menschen verändern wird.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Frauen anders führen als Männer. Erklären Sie uns den wichtigsten Unterschied.

Es geht ums Klima, in dem Frauen gerne arbeiten und das sie auch als Führungspersonen in einem Unternehmen vermitteln. Frauen führen mit mehr Emotionen und Empathie als Männer, sie legen Wert auf Begegnungen und Umgangsformen.

Bedienen Sie da nicht ein Klischee?

Nein. Es geht dabei ja nicht nur um die Frauen. Es gibt auch viele Männer, die diese Führungsqualitäten haben. Aber sie haben nicht die Möglichkeit, diese in der Arbeitswelt umzusetzen. Der Führungsstil ohne Drill und Druck ist in vielen Unternehmen leider noch nicht angekommen.

Warum ist er überhaupt wichtig?

Es geht gar nicht anders. Wir müssen die Frauen besser in die Arbeitswelt einbinden, nicht nur auf Führungsebene. Fakt ist: Unsere Wirtschaft braucht die Frauen. Ohne diese Arbeitskräfte brennt die Wirtschaft aus. Das hat nichts mit Feminismus zu tun, sondern mit dem demografischen Wandel.

Wie lange dauert es, bis sich das Gleichgewicht einstellt?

Ich werde Gleichstellung in der Arbeitswelt wohl nicht mehr erleben.

Das klingt nicht ermunternd. Trotzdem sind Sie gegen eine Frauenquote. Könnte sie den Prozess nicht beschleunigen?

Eine Quote löst die Probleme nicht. Wir müssen an den Ursachen arbeiten. Mit der Frauenquote stehen die Unternehmen vor dem Problem, dass man die Frauen gar nicht erst findet.

Ist das nicht eine billige Ausrede?

Nein. Viele Personalberater sagen mir, dass sie verzweifeln, wenn sie auf einer Shortlist zur Hälfte Frauen präsentieren müssen. Es landen immer die gleichen Namen auf den Listen.

Wie soll es ohne Quote funktionieren?

Es gilt, Angebote zu schaffen, die für die Frauen – und die Männer – attraktiv sind. Dazu gehört natürlich die Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Für die Frauen bedeutet das, dass man sie als Unternehmen nicht einfach ziehen lassen darf, wenn sie Kinder bekommen.

Was heisst das konkret?

Flexible Arbeitszeiten, Möglichkeiten für mobiles Arbeiten, Home Office – das sind nur die wichtigsten Voraussetzungen. Moderne Arbeitnehmer – Frauen wie Männer – fordern das heute ein. Nur fällt es vielen Unternehmen noch schwer, das einzusehen.

Also sind die Arbeitgeber in der Pflicht, nicht die Arbeitnehmerinnen, die nicht arbeiten wollen, wenn Kinder da sind?

Ganz bestimmt sind die Arbeitgeber in der Pflicht. Wir befinden uns ja bereits im «war of talents», dem Krieg um die Talente – insbesondere in der Schweiz mit dieser tiefen Arbeitslosenquote. Wir wechseln gerade vom Arbeitgeber- in den Arbeitnehmermarkt.

Wie viele Frauen arbeiten bei Microsoft Schweiz?

20 Prozent. Wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen.

Können Frauen in Ihrem Team mit einer Teilzeit-Stelle Chefin werden?

Ja, unsere Personalchefin arbeitet beispielsweise in einem Teilzeitpensum.

Kostet Job-Sharing auf Management-Stufe nicht unglaublich viel Zeit und Geld?

Es ist mit Aufwand verbunden. Denn es gibt nicht zwei Menschen mit der exakt gleichen Qualifikation, das ist klar. Aber als Unternehmen und als Führungsperson muss man diesen Aufwand in Kauf nehmen.

Gibt es bei Microsoft in Wallisellen ein Kinderbetreuungsangebot?

Nein, noch nicht. Es gibt nicht genügend Mütter mit einem Bedarf für interne Kinderbetreuung im Moment. Aber wir diskutieren das auch mit den umliegenden Unternehmen.

Wie gross ist der finanzielle Aufwand für ein Unternehmen, damit es Job-Sharing, Kinderkrippe, etc. anbieten kann?

Man kann nicht von Kosten reden. Es ist eine Investition in die Zukunft. Ich glaube, dass jedes erfolgreiche Unternehmen diesen Prozess früher oder später durchmachen muss. Der finanzielle Verlust wird grösser sein, wenn ein Unternehmen die Frauen vernachlässigt.

Stossen Sie mit Ihren Theorien nirgends auf Widerstand?

Hinter vorgehaltener Hand schon. Aber als Führungskraft habe ich die Aufgabe, die Gemeinschaft zu fördern, nicht nach dem Willen der anderen zu reden.

Hätten Sie eine solche Karriere auch im Finanzsektor gemacht?

Nein, wahrscheinlich nicht. Es gibt durchaus Branchen, die für die Frauen und den weiblichen Führungsstil offener sind als andere.

Zur Buchpremiere in der Schweiz diskutiert Petra Jenner am 24. Oktober im Kaufleuten mit Teilnehmern aus Wirtschaft, Politik und Bildung zum Thema «Female Shift» – und wie die Wirtschaft von weiblichen Führungsqualitäten profiteren kann.

Petra Jenner leitet seit 2011 Microsoft Schweiz. Davor war sie Chefin der Niederlassung in Österreich. Jenner stammt vom Niederrhein und bringt über 20 Jahre Erfahrung in der IT-Branche mit. Sie war unter anderem für Unternehmen wie Check Point Software, Informix Software, Sybase und Pivotal Corporation tätig. Petra Jenner ist verheiratet und pflegt in ihrer Freizeit Hobbies wie Reisen, Tanzen, Skifahren und Yoga.

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