Hitzewelle: Gletschern droht Rekord-Schmelze
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HitzewelleGletschern droht Rekord-Schmelze

Die Gletscherschmelze fällt dieses Jahr dramatisch aus: Bereits jetzt ist auf vielen Gletschern die schützende Schneeschicht verschwunden.

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Den dramatischen Rückzug des Morteratschgletschers hat Jürg Alean festgehalten: Das Bild oben zeigt die Gletscherstirn im Jahr 1985. Das untere Bild wurde an derselben Position aufgenommen und stammt aus dem Jahr 2007. Die Gletscherzunge hat sich um 400 Meter zurückgezogen.

Den dramatischen Rückzug des Morteratschgletschers hat Jürg Alean festgehalten: Das Bild oben zeigt die Gletscherstirn im Jahr 1985. Das untere Bild wurde an derselben Position aufgenommen und stammt aus dem Jahr 2007. Die Gletscherzunge hat sich um 400 Meter zurückgezogen.

Swisseduc.ch / Jürg Alean
Der Rhonegletscher im Juli 2015: Die weissen Stellen im vorderen Bereich sind Gletschervlies. Dahinter ist die schützende Schneeschicht auf dem Eis bereits verschwunden.

Der Rhonegletscher im Juli 2015: Die weissen Stellen im vorderen Bereich sind Gletschervlies. Dahinter ist die schützende Schneeschicht auf dem Eis bereits verschwunden.

David Volken
Auch der Theodulgletscher in Zermatt ist bereits stark ausgeapert. Das Foto wurde am 27. Juli aufgenommen.

Auch der Theodulgletscher in Zermatt ist bereits stark ausgeapert. Das Foto wurde am 27. Juli aufgenommen.

David Volken

Die Hitzewelle im Juli verwandelte die Schweiz in eine Sauna – und setzte den Gletschern gewaltig zu. Das erfüllt Glaziologen mit Sorge. Denn Ende Sommer sollten die Eisriesen immer noch zu 60 Prozent mit Schnee bedeckt sein.

Nur dann könnten sie den Verlust im Winter wieder aufholen, wie Glaziologe Matthias Huss von der ETH Zürich erklärt. «Doch bereits jetzt haben viele Gletscher in der Schweiz die 50-Prozent-Grenze überschritten.» Auf einigen kleineren Gletschern sei der Schnee schon ganz weg.

Die nächsten beiden Monate sind entscheidend

Mit negativen Auswirkungen: Ist der Schnee verschwunden, kommt das dunkle Eis zum Vorschein – die Schmelze beschleunigt sich. Matthias Huss sagt: «Zudem werden die Sonnenstrahlen nicht mehr reflektiert, es trifft mehr Energie auf die Eismassen.»

Im Jahrhundertsommer 2003 registrierten die Glaziologen Rekordschmelzen. Ob dieses Jahr ebenso schlimm wird, entscheidet sich in den nächsten zwei Monaten. Huss ist pessimistisch: «Bis jetzt war dieses Jahr auf demselben negativen Weg wie 2003.»

Regen ist Gift für die Gletscher

Auch der Gletscherexperte des Bundesamts für Umwelt, David Volken, schätzt die Lage düster ein: «Es sieht gar nicht gut aus: Wenn der August so heiss wird wie der Juli, gehts den Gletschern ans Lebendige.» Nicht nur die Sonne, auch der Regen habe den Gletschern arg zugesetzt. «Im Juli hat es oft bis auf 3500 Meter geregnet. Das ist Gift für die Gletscher, das bildet kein neues Eis, sondern beschleunigt die Schmelze.»

Auch er zieht Parallelen zum Jahrhundertsommer 2003. Die Wasserabflüsse, die im Juli am Aletschgletscher gemessen worden seien, ähnelten den Mengen von 2003. Volken: «An einem Tag hatten wir im Tagesmittel 95 Kubikmeter pro Sekunde Abfluss.»

Mit sichtbaren Folgen: Während der Hitzephase im Juli verlor der Aletschgletscher elf Zentimeter, der Rhonegletscher acht Zentimeter pro Tag. Volken: «Das Beste wäre, wenn jetzt bis auf 2000 Meter eine Schutzschicht von 30 Zentimeter Neuschnee fallen würde.»

2100 sind alle Gletscher – fast – verschwunden

Beat Ruppen, Leiter des Managementzentrums Jungfrau-Aletsch, sagt: «Lokale Massnahmen, den Gletscherschwund zu stoppen, gibt es keine.» Den riesigen Aletschgletscher mit Vlies abzudecken, sei unmöglich. Ruppen sagt: «Wir sind alle gefordert, unseren Teil beizutragen: Der CO2-Ausstoss muss verringert werden.»

Dass die Gletscher in 90 Jahren nur noch Schatten ihrer selbst sein werden, ist wohl nicht mehr abzuwenden, wie Glaziologe Matthias Huss erklärt. Man gehe davon aus, dass um 2100 fast alle Gletscher in der Schweiz weggeschmolzen sind. «Die Zunge des Grossen Aletschgletschers – die heute noch bis zu 800 Meter dick ist – wird wohl verschwunden sein, einige Reste hingegen werden zurückbleiben.»

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