Bhutan: Glück statt Geld
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BhutanGlück statt Geld

Die meisten Einwohner von Bhutan sind bitterarm. Dafür sollen sie aber glücklich sein — das möchte zumindest der neue König des Himalaya-Staats. Er will das «Bruttonationalglück» steigern.

Das buddhistische Königreich zwischen China und Indien ist nur wenig kleiner als die Schweiz, hat aber lediglich knapp 650 000 Einwohner. Und denen geht es — rein wirtschaftlich gesehen — nicht besonders gut: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei gut 2000 US-Dollar. Darüber sollten sich die Untertanen von Jigme Khesar Namgyel Wangchuck allerdings nicht zu sehr grämen, denn der junge König legt sehr viel mehr Wert auf eine andere Grösse: das sogenannte «Bruttonationalglück».

«Wichtiger als das Bruttonationalprodukt»

Der Begriff wurde von Jigme Singye Wangchuk geprägt, dem Vater des gegenwärtigen Monarchen, der damit einen Kommentar der «Financial Times» parierte, die Entwicklung der bhutanischen Wirtschaft verlaufe zu langsam. Das Bruttonationalglück sei wichtiger als das Bruttonationalprodukt, verkündete der König. Dieses kollektive Glück, das freilich schwierig zu messen ist, soll aus einer Politik erwachsen, die für eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft sorgt.

Die vier Säulen des Glücks

Da sich Glück — ebenso wie übrigens auch Wirtschaftswachstum — nicht per Gesetz verordnen lässt, muss die der Steigerung des Bruttonationalglücks verpflichete Politik die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. Sie soll sich dabei auf vier Säulen stützen: Soziale Gerechtigkeit, Bewahrung der eigenständigen Kultur, Umweltschutz und gute Staatsführung («good governance»).

Nach wie vor steht es nicht allzu gut mit der angestrebten sozialen Gerechtigkeit: Rund 40 Prozent der Einwohner des kleinen Gebirgslandes leben unter der Armutsgrenze. Immerhin ist das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen höher als im Nachbarland Indien.

Die herrschende Kultur

Seine kulturelle Identität hat das lange Zeit hermetisch abgeschottete Königreich im Osten des Himalaya mit einigermassen brachialen Mitteln zu bewahren versucht. Bekannt ist, dass auch heute noch nur wenige Touristen ins Land gelangen, um die «kulturelle Kontaminierung» möglichst gering zu halten. Bis 1999 war das Fernsehen verboten; erst seit 2004 sind Handys erlaubt.

Problematisch ist zudem, dass die zweifellos einzigartige Kultur der Mehrheitsbevölkerung allen ethnischen Minderheiten aufgezwungen wird. Besonders die nepalesisch-stämmige Minorität bekommt dies zu spüren: In den Neunzigerjahren wurden mehr als 100 000 Nepalesen aus dem Süden des Landes vertrieben.

Rauchverbot vom Kettenraucher

Eine besonders strikte Form von Umweltschutz könnte das seit 2004 geltende Rauchverbot sein. Der Handel mit Tabak ist seither mit hohen Bussen belegt; auf öffentlichen Plätzen darf nicht geraucht werden. Nur noch in den eigenen vier Wänden oder in Hotelzimmern ist der blaue Dunst gestattet. Pikantes Detail: Der damalige König Jigme Singye Wangchuk, der das Verbot erliess, gilt als Kettenraucher.

Neue Verfassung

Der neue König, der zwar seit 2006 im Amt ist, aber erst am 6. November 2008 zum «Drachenkönig» gekrönt wurde, ist das jüngste Staatsoberhaupt der Welt. Der fünfte König aus der seit 1907 herrschenden Wangchuk-Dynastie hat in Oxford studiert und ist offenbar gewillt, den von seinem Vater initiierten politischen Öffnungs- und Demokratisierungsprozess weiterzuführen. Immerhin ist das Königreich seit der Einführung einer neuen Verfassung im Juli 2008 auch formal eine konstitutionelle Monarchie geworden. Zudem soll im Zeichen der «good governance» künftig für alle Monarchen eine Altersbeschränkung gelten; am 65. Geburtstag sollen sie die Rabenkrone ihrem Nachfolger übergeben. Damit das Glück ihre Untertanen nicht verlasse.

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