18.06.2020 17:42

Deutliche Zunahme von Gesuchen

Glückskette verwendet Corona-Spenden für Verhütung und Abtreibungen

Wer wegen Corona in finanzielle Not geraten ist und sich deswegen keine Verhütungsmittel mehr leisten oder eine ungewollte Schwangerschaft nicht abbrechen kann, darf auf Hilfe hoffen – die Glückskette unterstützt Betroffene mit 100’000 Franken. Die Verwendung der Corona-Spendengelder stösst auf Kritik.

von
Zora Schaad
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Steckst du wegen der Corona-Krise in finanziellen Nöten?

Steckst du wegen der Corona-Krise in finanziellen Nöten?

Getty Images/iStockphoto
Müsstest du dir dringend die Pille oder andere Verhütungmittel kaufen, kannst dir diese aktuell aber nicht leisten?

Müsstest du dir dringend die Pille oder andere Verhütungmittel kaufen, kannst dir diese aktuell aber nicht leisten?

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Möchtest du abtreiben, kannst dir die Behandlung zurzeit aber nicht leisten?

Möchtest du abtreiben, kannst dir die Behandlung zurzeit aber nicht leisten?

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Darum gehts

  • Die Glückskette sammelte 40 Millionen Franken für Menschen in der Schweiz, die durch die Corona-Pandemie in Not geraten sind.
  • 100’000 Franken davon gingen an Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH) für Verhütungsmittel oder für ungedeckte Kosten bei Schwangerschaftsabbrüchen.
  • SGCH spricht von einer deutlichen Zunahme von Finanzierungsgesuchen für Schwangerschaftsabbrüche und Verhütungsmittel infolge Corona.
  • Abtreibungsgegner üben Kritik an der Verwendung der Corona-Spendengelder zur Familienplanung.

Verzweifelt meldet sich eine Schülerin bei einer Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit in der Schweiz. Sie ist 16 Jahre alt und ungewollt schwanger. Ihr Freund hat sie verlassen, sie möchte abtreiben. Auf Unterstützung aus ihrem privaten Umfeld kann sie nicht zählen: Ihre Eltern sind sehr konservativ, mit ihnen über die Situation zu sprechen – undenkbar. Kommt hinzu, dass ihr Taschengeld sehr knapp ist. Ihren Nebenjob hat die Jugendliche wegen Corona verloren, Geld ist daher kaum vorhanden.

«Ein Einzelfall ist das nicht», stellt Daniela Enzler klar. «Seit das Coronavirus die Schweiz erreicht hat, melden sich bei den Beratungsstellen deutlich mehr Frauen oder Paare, die Verhütungsmittel oder einen Schwangerschaftsabbruch nicht aus eigener Kraft finanzieren können», so die Mediensprecherin von Sexuelle Gesundheit Schweiz, der Dachorganisation der Fachstellen in diesem Bereich.

Zwar würden Schwangerschaftsabbrüche von der Grundversicherung bezahlt, aber: «Minderjährigen, die die Schwangerschaft vor ihren Eltern verheimlichen müssen, hilft das nicht, weil die Eltern die Krankenkassenrechnungen erhalten.» Leider fehlt bei vielen Kassen die Möglichkeit, die Finanzierung vertraulich zu regeln. Auch unter den Erwachsenen gebe es Betroffene, die nicht genug Geld hätten, um bei einem Schwangerschaftsabbruch den Selbstbehalt und die Jahresfranchise zu finanzieren. «Diese Frauen brauchen dringend Unterstützung.»

Nach dem Jobverlust des Mannes braucht das Paar eine sichere Verhütung

Dass Sexuelle Gesundheit Schweiz Geld für Verhütungsmittel und ungedeckte Kosten bei Schwangerschaftsabbrüchen zur Verfügung stellen kann, liegt an der Unterstützung durch die Glückskette. Diese hat für Corona-Betroffene in der Schweiz bis heute rund 40 Millionen Franken gesammelt, die sie 103 Organisationen zur Verfügung stellt. 100’000 Franken davon gingen an Sexuelle Gesundheit Schweiz.

In den sechs Wochen seit Projektbeginn sind bei den Beratungsstellen 39 Gesuche um Unterstützung für die Finanzierung von Verhütungsmitteln eingegangen und neun Anfragen von Schwangeren, die den Schwangerschaftsabbruch nicht vollständig finanzieren können. Die Frauen und Paare, die sich melden, seien stark durchmischt, so Enzler. Rund ein Drittel der Anfragen zur Verhütung komme von Paaren unmittelbar nach einer Geburt, die wissen, dass sie sich keine weiteren Kinder leisten können. Auch Sans-Papiers und Minderjährige gehören zu den Gesuchstellenden.

Ein Paar etwa habe sich nach der Entbindung des dritten Kindes gemeldet. Die Familie, die schon früher unter dem Existenzminimum lebte, kam durch den Jobverlust des Vaters während des Lockdown in grosse Bedrängnis. «Das Paar brauchte eine sichere, langfristige Verhütung, denn ein weiteres Kind ist für sie unter diesen Umständen unvorstellbar. Wir konnten der Frau eine Spirale finanzieren. Nun müssen sich die beiden die nächsten fünf Jahre nicht um die Verhütung sorgen», so Enzler.

Abtreibungsgegner empört über Verwendung der Spenden

«Wir prüfen jeden einzelnen Antrag sehr genau und sind überzeugt von der Arbeit, die Sexuelle Gesundheit Schweiz leistet», so Priska Spörri von der Glückskette. «Uns ist es wichtig, dass wir mit den Spendeneinnahmen Menschen in der Schweiz zur Seite stehen können, die durch die Pandemie in eine Notlage geraten sind. Wer seine Familienplanung aus finanzieller Not nicht regeln kann, hat wirklich ein Problem.»

Nicht alle sind erfreut darüber, dass sie mit ihrer Corona-Spende an die Glückskette Verhütungsmittel und Schwangerschaftsabbrüche finanzieren. «Wir haben Post erhalten von Abtreibungsgegnern, die sich daran stören», so Spörri. Auf der Website seien jedoch alle Organisationen, mit denen die Glückskette zusammenarbeite, transparent aufgeführt. Dennoch versteht Spörri, dass die Unterstützung von Familienplanungs-Projekten manche Leute überrascht. «Traditionellerweise verbindet man unsere Arbeit in der Schweiz mit Naturkatastrophen. Mit der Corona-Pandemie sind wir in neuen Feldern tätig und unterstützen zum Beispiel auch Lebensmittelverteilaktionen. Die jetzige Situation ist für alle ungewohnt.»

Leser-Aufruf

Kannst du dir wegen Corona die Pille oder eine Abtreibung nicht leisten?

Die Corona-Krise hat für viele drastische finanzielle Auswirkungen. Bist auch du momentan knapp bei Kasse? Fehlt dir vielleicht sogar das Geld, um Verhütungsmittel oder eine Abtreibung zu bezahlen? Für einen Artikel suchen wir Betroffene. Falls du eine Geschichte zu erzählen hast, melde dich hier. Deine Angaben werden natürlich streng vertraulich behandelt.

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