Aktualisiert 01.06.2009 20:56

AutokriseGM hat Insolvenz angemeldet

101 Jahre nach der Firmengründung hat der einst grösste Automobilkonzern der Welt, General Motors, Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt. Es ist der grösste Bankrott in der Geschichte der US-Industrie. Jetzt soll der Staat die Mehrheit an dem taumelnden Industriegiganten übernehmen.

Wie die AP aus Kreisen des US-Kongresses erfuhr, soll die US-Regierung 60 Prozent der Anteile von GM übernehmen. Dem Vernehmen nach sollen der Umstrukturierung rund 21 000 Arbeitsplätze bei GM zum Opfer fallen, das ist rund ein Drittel der Belegschaft.

US-Präsident Barack Obama plant im Laufe des Montags, in einer Rede an die Nation noch einmal 30 Milliarden Dollar für die Restrukturierung des Autobauers anzukündigen, wie weiter aus dem Weissen Haus verlautete. Ausserdem wolle Obama betonen, dass sich die Regierung aus den geschäftlichen Entscheidungen bei GM heraushalten werde. GM hat bislang bereits fast 20 Milliarden Dollar Staatshilfe von Washington erhalten.

Kanadische Regierung soll 12,5 Prozent übernehmen

Eine andere Person, die ebenfalls mit den Vorgängen betraut ist erklärte, die kanadische Regierung werde 12,5 Prozent von GM übernehmen. 17,5 Prozent sollen an einen Gewerkschafts-Trust für Gesundheitskosten gehen; die bisherigen Gläubiger sollen zunächst 10 Prozent erhalten mit der Option, ihren Anteil auf bis zu 25 Prozent zu erhöhen. Die Regierung rechnet den Kreisen zufolge mit einer Dauer von 60 bis 90 Tagen, bis der juristische Prozess für die Restrukturierung von GM abgeschlossen ist.

Die Federführung für die Umstrukturierung soll Al Koch übernehmen, wie es weiter hiess. Koch, ein leitender Direktor der Beraterfirma AlixPartners LLP, gilt als erfahrener Krisenmanager, der bereits die amerikanische Handelskette Kmart nach ihrer Insolvenz erfolgreich reorganisierte.

GM hatte bereits am Sonntag eine Pressekonferenz mit Konzern-Chef Fritz Henderson für den Montagmittag (Ortszeit) angekündigt. Zuvor (etwa 12 Uhr Ortszeit, 18 Uhr MEZ) wird die Ansprache von Präsident Obama zur Zukunft von GM erwartet.

Einigung mit Mehrheit der Gläubiger

Neben der Bankrott-Erklärung wird erwartet, dass GM am Montag 14 Werke nennen wird, die geschlossen werden sollen. Ausserdem soll bekanntgegeben wird, wer die Marke Hummer übernehmen wird.

Am Sonntag hatte der GM-Konzern eine Einigung mit der Mehrheit seiner Gläubiger zur Annahme eines Beteiligungsangebots erzielt. Mindestens 54 Prozent nähmen das Angebot an, 27 Milliarden Dollar Schulden gegen einen Anteil von 10 Prozent an einem neu strukturierten Unternehmen umzutauschen, hiess es.

Dazu wird die Option auf weitere 15 Prozent garantiert, was in einem früheren und von den Gläubigern abgelehnten Angebot der US-Regierung nicht der Fall war. Das Finanzministerium begrüsste die Entscheidung. Die Mehrheit reiche aus, um die Restrukturierung des Unternehmens voranzutreiben.

Ford will Sanierung aus eigener Kraft schaffen

Der US-Autobauer Ford hat nach der Insolvenz seines Konkurrenten GM den Willen bekräftigt, seine Sanierung ohne staatliche Hilfe zu schaffen. Das Unternehmen habe nach wie vor den «absoluten» Willen, seinen Umbau nicht auf Kosten der Steuerzahler zu verwirklichen, heisst es in einer am Montag veröffentlichten Erklärung.

Ford hat als einziger der ehemaligen «grossen Drei» der US-Autoindustrie bislang den Gang in die Insolvenz vermeiden können. Zwar leidet die Nummer zwei unter den US-Autobauern genauso unter dem einbrechenden Absatzzahlen. Doch hatte sich das Unternehmen bereits 2006 durch die Beleihung von Vermögenswerten ein Finanzpolster von rund 25 Milliarden Dollar verschafft, was den jetzt insolvent gewordenen Konkurrenten GM und Chrysler gefehlt hat.

(dapd)

Chapter 11

Die USA kennen zwei unterschiedliche Insolvenzverfahren, die nach den jeweiligen Kapiteln im US-Konkursrecht als Chapter 7 und Chapter 11 bezeichnet werden. Während das Ziel eines Chapter-7-Verfahrens die Liquidierung eines bankrotten Unternehmens ist, kann man das Verfahren nach Chapter 11 eher als Sanierungsverfahren unter gerichtlicher Aufsicht bezeichnen. Oberste Priorität hat dabei der Erhalt des betroffenen Unternehmens.

Das Insolvenzverfahren nach Chapter 11 unterscheidet sich nach Angaben der Anwaltskanzlei Kirkland & Ellis deutlich vom deutschen Insolvenzrecht. So gibt es keinen Insolvenzverwalter. Vielmehr behält fast immer das bisherige Management die Kontrolle über das Tagesgeschäft. Wichtige Transaktionen, wie etwa der Verkauf von Unternehmensteilen oder anderen wesentlichen Vermögenswerten, müssen aber vom zuständigen Gericht genehmigt werden.

Das Chapter-11-Verfahren bietet für bedrohte Firmen zahlreiche Vorteile. So können Gläubiger, die sich zuvor mit dem betroffenen Unternehmen nicht auf einen Forderungsverzicht einigen konnten, vom Insolvenzgericht zu einer Einigung gezwungen werden. Das insolvente Unternehmen kann sich frisches Kapital besorgen. Forderungen der Gläubiger können nicht sofort vollstreckt werden. Ausländische Tochterfirmen werden nicht zu einer Folgeinsolvenz gezwungen.

In den vergangenen Jahren wurden unter anderem die Fluglinie United Airlines, der Ölkonzern Texaco und der Nähmaschinenhersteller Singer auf der Basis von Chapter 11 saniert. Insolvenzverfahren dieses Typs dauern im Durchschnitt drei bis vier Monate. Sie können mit Hilfe eines «prepackaged deal» auf wenige Tage verkürzt werden. Das Insolvenzverfahren des US-Busherstellers Blue Bird dauerte beispielsweise nur einen einzigen Tag. (ap)

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