Aktualisiert 10.06.2009 13:02

Bluttat von GrenchenGoldene Check-in-Karten und codierte SMS

Ein ehemaliges Mitglied des Grenchner Schenkkreises berichtet, Mordopfer D. sei in der Hierarchie ganz oben gestanden und habe Verbindungen nach Deutschland gehabt. Die treibende Kraft in der Grenchner Szene sei aber eine andere Person.

Neues zum Drama von Grenchen: In der «Aargauer Zeitung» packt ein Schenkkreis-Insider aus. Als er das Foto der ermordeten 55-jährigen Mutter sah, wurde ihm einiges klar: «Ich kannte sie. D. und Y. waren die treibenden Kräfte in der Grenchner Schenkkreisszene.»

Vor zwei Jahren habe ihn ein Kollege, der auch im Schenkkreis war, nach Monaten überredet, ebenfalls einzusteigen. Er zahlte 15 000 Franken an die innerste Person im Zirkel, der sich «Das Projekt» genannt habe.

Sie seien monatlich zu Konferenzen in Deutschland gereist, wo Schenkkreise legal sind. Kommuniziert wurde mit verschlüsselten SMS. «111» hiess beispielsweise, dass ein Treffen abgesagt sei. Zugang zu den Treffen habe man mit einer goldenen Check-In-Karte erhalten.

«Eine unheimlich aggressive Frau»

Die Ermordete D. sei in seinem Schenkkreis aber nur im Hintergrund gewesen. Sie habe einen eigenen, lukrativeren Kreis geführt, in den man 40 000 Franken habe einzahlen müssen. Dorthin seien die Gewinner der kleineren Kreise abgeworben worden. Bei den Konferenzen in Deutschland sei sie weit oben in der Hierarchie gestanden.

Die eigentliche Strippenzieherin sei aber die Grenchnerin Y. «Sie machte extrem Druck, oft unter der Gürtellinie.» Sie habe Einblick in fünfzehn Schenkkreise gehabt und dementsprechend abkassiert.

Auch im Aargauer Seetal treibe ein Schenkkreis sein Spiel, stehe aber kurz vor dem Zusammenbruch, wie die AZ recherchiert hat. Vor über einem Jahr habe sich dieses System von der Innerschweiz her im Westaargau verbreitet. Da es aber sehr schwer sei, neue Mitglieder anzuwerben, müssten die Kreise immer weiter expandieren. Der Zirkel im Seetal halte mittlerweile auch Sitzungen in Zürich ab. Ein Szenekenner berichtet der AZ, dass viele Spieler angesehene Berufe ausübten.

Feedback

Waren Sie schon Mitglied in einem Schenkkreis oder haben Sie Bekannte, die es waren? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen anfeedback@20minuten.ch.

(job)

Wie funktionieren Schenkkreise?

Schenkkreise sind eine Form des Schneeball- oder Pyramidensystems. Neue Teilnehmer «schenken» nach ihrem Eintritt in die Gruppe Mitgliedern, die bereits länger dabei sind, Geld, in der Hoffnung, später, nach einem Aufstieg in der Hierarchie, selbst «beschenkt» zu werden. Meist gibt es vier Hierarchiestufen. Auf der ersten Stufe steht ein Mitspieler, der sich von acht Teilnehmern der vierten Stufe Geld «schenken» lässt. Die Höhe der Schenkbeträge ist von Kreis zu Kreis unterschiedlich. Im Fall von Grenchen soll er 15 000 Franken betragen haben. Der Spieler der ersten Stufe scheidet nach der «Schenkung» aus. Die Spieler der ursprünglich zweiten Stufe stehen nun auf der ersten Stufe und lassen sich von den neu angeworbenen acht Teilnehmern auf der vierten Stufe wiederum Geld «schenken».

Um den Kreis am Laufen zu halten, müssen immer mehr Teilnehmer angeworben werden. Nach 10 Runden müssten 4096 neue Teilnehmer vorhanden sein, damit alle bis dahin gegründeten Kreise neue Teilnehmer auf der vierten Stufe erhalten. Wollen diese 4096 neuen Teilnehmer irgendwann einmal auf der ersten Stufe stehen, müssten danach schon weitere 32 768 neue Teilnehmer angeworben werden. (Quelle: Wikipedia)

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