Abzocker-Initiative: «Goldene Fallschirme sind sinnvoll!» – «Blödsinn!»
Aktualisiert

Abzocker-Initiative«Goldene Fallschirme sind sinnvoll!» – «Blödsinn!»

Gift für den Standort oder Balsam für die Aktionäre: Zwei Wochen vor der Abzocker-Abstimmung kreuzen Initiant Thomas Minder und Arbeitgeber-Präsident Valentin Vogt die Klingen.

von
A. Fumagalli

Herr Minder, ist Herr Vogt als Verwaltungsratspräsident eines börsenkotierten Schweizer Unternehmens für Sie ein Abzocker?

Minder: Ich kenne seinen Lohn nicht.

Vogt: Er beträgt inklusive Bonus 134'000 Franken im Jahr (lacht).

Minder: Für mich ist ein Abzocker einer, dessen Lohn nicht mit der langfristigen Performance des Unternehmens übereinstimmt. Herrn Vogts Firma ist gut geführt und die Entschädigung offenbar nicht exorbitant – also muss er auch keine Angst vor dem Aktionariat haben.

Vogt: Habe ich auch nicht. Meine Sorge gilt dem Wirtschaftsstandort. Zwei Beispiele: Kommt die Initiative durch, werden aufgrund der jährlichen Wahl der Verwaltungsräte und des VR-Präsidenten Tür und Tor für feindliche Übernahmen geöffnet. Da die Gesetze zur Initiative zuerst geschrieben und vom Parlament verabschiedet werden müssten, entstünde zudem eine erhebliche Rechtsunsicherheit. Das ist Gift für unsere Wirtschaft.

Die Initiativ-Gegner malen gerne das Schreckgespenst von Firmenabwanderungen an die Wand. Ist die Gefahr wirklich so gross?

Vogt: Dieser Punkt ist für mich nicht so zentral – eine Firma wie meine würde sicher nicht ins Ausland ziehen. Aber es ist eine Tatsache, dass grössere Unternehmen mit mehrheitlich ausländischen Investoren mobiler sind. Die interessieren sich nicht für Heimatschutz und sind so schnell weg, wie sie gekommen sind.

Minder: Das sind leere Drohungen, hören sie doch auf damit! Wir haben gesehen, wohin die Abzockerei schon geführt hat. UBS und CS bauen zehntausende Stellen ab.

Weshalb zielen Sie mit Ihrer Initiative eigentlich nur auf börsenkotierte Unternehmen, Herr Minder?

Minder: Dort finden die grössten Exzesse statt, weil es oft keinen starken Patron gibt. Deshalb haben wir auch die Stimmpflicht für die Pensionskassen und den AHV-Fonds vorgesehen.

Vogt: Ein Vorteil des Gegenvorschlags ist, dass er in gewissen Bereichen auch auf nicht-börsenkotierte Unternehmen Anwendung findet. So können auch bei solchen Gesellschaften exzessive Vergütungen von den Aktionären oder der Gesellschaft zurückgefordert werden.

Minder: Die KMUs müssen wir in Ruhe lassen. Deren Patrons wissen nämlich im Gegensatz zu den Multis, was ein Malus ist, wenn es dem Unternehmen mal schlecht geht.

Herr Vogt, was verändert sich für Ihr Unternehmen, wenn die Initiative durchkommt?

Vogt: Es gäbe viel unnötigen und zusätzlichen administrativen Aufwand, zum Beispiel bei der Vorbereitung und Durchführung der Generalversammlung. Bei personellen Veränderungen in der Geschäftsleitung können keine verbindlichen Arbeitsverträge abgeschlossen werden, weil diese erst von der Generalversammlung abgesegnet werden müssten. An den in unserem Unternehmen vernünftigen Vergütungen würde sich hingegen nichts ändern.

Was ändert sich für ihre Firma, wenn der Gegenvorschlag eine Mehrheit findet, Herr Minder?

Minder: Über diese Variante rede ich gar nicht (lacht). Der Gegenvorschlag ist schlecht, weil die Hintertüren weit offen bleiben. Geld und Gier ist ein schwieriges Thema, das muss man Tsunami-sicher machen.

A propos Vergütungen: Weshalb legen weder Initiative noch Gegenvorschlag eine Obergrenze fest?

Minder: Dieses Feld überlassen wir gerne den Jungsozialisten. Uns geht es darum, dass die Firmeneigentümer das Sagen haben.

Vogt: Die Gegenbewegung bei den Salären hat bereits eingesetzt. Ich gebe zu, dass das vergangene Jahrzehnt diesbezüglich kein Ruhmesblatt war. Solch Vergütungen wird es künftig nicht mehr geben.

Sie drohen mit drakonischen Strafen bei Zuwiderhandlungen, Herr Minder. Ist das zielführend?

Minder: Strafen wären theoretisch heute schon möglich, nur funktioniert das nicht. Oder kennen Sie jemanden, der wegen überrissener Löhne belangt worden ist? Ein Herr Kurer würde doch niemals einen Herrn Ospel einklagen.

Vogt: Uns geht es ums Prinzip. Strafbestimmungen gehören ins Strafgesetzbuch. Oder wollen Sie, dass CEOs immer mit einem Bein im Gefängnis stehen? Herr Minder hat mit der Initiative den Finger auf den wunden Punkt gelegt, aber gerade solche Passagen zeigen, dass er den Bogen überspannt.

Weshalb verbietet der Gegenvorschlag goldene Fallschirme nicht?

Vogt: Wenn es Krach mit einem Mitarbeiter in der Geschäftsleitung gibt, kann eine Abgangsentschädigung manchmal durchaus sinnvoll sein. Der Gegenvorschlag bewahrt diese Flexibilität – es braucht dafür aber eine Zweidrittelmehrheit der Aktionäre an der Generalversammlung. Das ist eine hohe Hürde.

Minder: Das ist doch einfach Blödsinn. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht gibt es nicht einen guten Grund für eine Abgangsentschädigung.

Herr Vogt, Economiesuisse hat von Michael Steiner einen teuren Kurzfilm erstellen lassen und verzichtet jetzt doch auf dessen Ausstrahlung. Was soll das?

Vogt: Wenn man eine Abstimmungskampagne führt, muss man verschiedene Pfeile im Köcher haben. Je nach dem, wie sie sich entwickelt, kann man diese dann einsetzen oder eben auch nicht. Persönlich habe ich den Film nicht gesehen.

Minder: Das glaubt Ihnen doch kein Mensch. Sie werfen uns immer vor, unnötig Emotionen zu schüren und produzieren dann ein Video, das fürs Publikum zu emotional sein soll – das geht doch nicht auf! Das Beispiel zeigt, wie unglaublich viel Geld in den Abstimmungskampf gebuttert wird. Für mich ist eins klar: Falls wir verlieren, dann nicht wegen inhaltlicher Argumente, sondern weil die Economiesuisse versucht, die Demokratie zu kaufen.

Vogt: Machen Sie nicht den Fehler, den Stimmbürger für dumm zu verkaufen. Es geht bei dieser Abstimmung um eine komplexe und hochemotionale Materie, die Einfluss auf unser Land haben wird. Das rechtfertigt, dass wir einen gewissen Aufwand betreiben.

Die Kontrahenten:

Valentin Vogt (52) leitet seit dem Sommer 2011 den Arbeitgeberverband. Der HSG-Ökonom ist VR-Präsident und Mitbesitzer der Burckhardt AG in Winterthur, die Kompressionsteile produziert.

Thomas Minder (52) wurde als Initiant der Abzocker-Initiative schweizweit bekannt. Der Parteilose sitzt für Schaffhausen im Ständerat und führt seit 23 Jahren das Familienunternehmen Trybol, das Körperpflegeprodukte herstellt.

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