Aktualisiert 31.10.2011 13:29

NationalbankGoldener Herbst für Hildebrand & Co.

Gewinnwunder bei der Nationalbank: Der Halbjahresverlust von 10,8 Milliarden Franken hat sich innert dreier Monate in einen Gewinn von 5,8 Milliarden verwandelt. Wie ist das möglich?

von
Balz Bruppacher
Die SNB und ihr Präsident Philipp Hildebrand (rechts) und ihr Vizepräsident Thomas Jordan bieten dieses Jahr aber kaum Angriffsflächen für Attacken

Die SNB und ihr Präsident Philipp Hildebrand (rechts) und ihr Vizepräsident Thomas Jordan bieten dieses Jahr aber kaum Angriffsflächen für Attacken

«Zentralbanken erwirtschaften im langfristigen Durchschnitt stets Gewinne», versicherte Thomas Jordan vor einem Monat. Nun geht alles schneller, als es der Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) wohl selber erwartet hat. Für die ersten neun Monate weist die Nationalbank einen Konzerngewinn von 5,8 Milliarden Franken aus, verglichen mit den Verlusten nach sechs Monaten von 10,8 Milliarden Franken und von 8,5 Milliarden Franken in der Vorjahresperiode.

Wie kommt die spektakuläre Wende zu Stande? Es ist nicht in erster Linie das Wechselkursziel von mindestens 1.20 Franken für den Euro, das die Währungshüter seit dem 6. September verteidigen. Der Kurswechsel bescherte der Nationalbank auf dem über 300 Milliarden hohen Berg von Devisen im dritten Quartal zwar einen Buchgewinn von 7 Milliarden Franken. Vergleicht man die Zahlen mit den Kursen von Ende 2010 resultiert für die ersten neun Monate aber immer noch ein Wechselkursverlust von 4,7 Milliarden Franken.

Goldpreis sei Dank

Der Gewinnschub ist einerseits dem steigenden Goldpreis zu verdanken. Er schlug sich mit einem Buchgewinn von fünf Milliarden Franken nieder. Nochmals fünf Milliarden Franken steuerten anderseits Erträge auf den Fremdwährungspositionen bei. Dabei profitierte die Nationalbank unter anderem von den Kursgewinnen von Staatsanleihen mit dem Top-Rating AAA. Solche Papiere – zum Beispiel deutsche Staatsanleihen – machen nach wie vor 83 Prozent der zinstragenden Anlagen aus. Verluste von rund drei Milliarden Franken erlitt die Nationalbank hingegen auf Beteiligungspapieren und –instrumenten.

Gretchenfrage bleibt unbeantwortet

Auf die Gretchenfrage, wie viele Mittel und welche Instrumente die Nationalbank zur Verteidigung des Wechselkursziels einsetzte, gibt auch der jüngste Zwischenbericht keine schlüssige Antwort. Einer Fussnote ist zu entnehmen, dass rund 80 Milliarden der insgesamt 305 Milliarden Franken hohen Devisenanlagen auf die Zunahme von Devisenswaps entfallen. Solche Instrumente setzte die Notenbank aber schon vor Bekanntgabe des Wechselkursziels zur Erhöhung der Liquidität am Geldmarkt ein.

Bloss ein Hoffnungsschimmer für Kantone

Für Bund und Kantone, die seit dem Absturz der Nationalbankerträge im letzten Jahr um ihre Gewinnbeteiligung bangen müssen, sind die schwarzen Zahlen vorerst bloss ein Hoffnungsschimmer. Für 2010 hatten sie nochmals 2,5 Milliarden Franken – zwei Drittel die Kantone, ein Drittel der Bund – erhalten. In der Gewinnausschüttungsreserve der Nationalbank klafft seither aber ein Loch von fünf Milliarden Franken. Zudem wurden die Rückstellungen für Währungsrisiken letztes Jahr reduziert.

Dickere Reservepolster haben Priorität

«Der Aufbau von Rückstellungen ist in dieser Situation prioritär», halten die Währungshüter deshalb fest. Sie wollen sich auch nicht festlegen, ob es für 2011 eine Dividende für die Aktionäre und eine Ausschüttung an Bund und Kantone gibt. Denn bis zum Jahresende kann die Situation wieder ganz anders aussehen. Die SNB und ihr Präsident Philipp Hildebrand bieten dieses Jahr aber kaum Angriffsflächen für Attacken, wie sie Christoph Blocher nach dem 20-Milliarden-Verlust im letzten Jahr geritten hatte.

Künftig nur noch eine Milliarde pro Jahr?

Noch vor Ende 2011 wollen Nationalbank und Finanzdepartement aber über die Zukunft der geltenden Gewinnvereinbarung informieren. Es gilt als sicher, dass die ursprünglich bis 2017 vorgesehene Überweisung von jährlich 2,5 Milliarden Franken gekürzt wird. Experten schätzen das mittelfristige Ausschüttungspotenzial auf rund eine Milliarde pro Jahr.

FDK-Präsident rechnet 2012 nicht mit SNB-Geld

Trotz der Rückkehr der Nationalbank in die Gewinnzone rechnet der Präsident der Konferenz der kantonalen Finanzdirektoren (FDK) 2012 nicht mit einer Gewinnausschüttung an Bund und Kantone. Noch sei die Entwicklung zu wenig stabil, sagte der Solothurner Finanzdirektor Christian Wanner auf Anfrage von 20 Minuten Online. Er erinnerte daran, dass die Nationalbank im vergangenen Jahr wegen der Aufwertung des Frankens zum Euro und Dollar an den letzten beiden Arbeitstagen Milliardenverluste erlitt.

Wanner bezeichnete die Zwischenbilanz der Nationalbank nach neun Monaten aber als sehr erfreulich. «Wenn wir dennoch etwas erhalten, wird uns das natürlich freuen», sagte der FDK-Präsident. Noch im November dürften Bundesrat und Nationalbank den Inhalt der neuen Gewinnausschüttungsvereinbarung bekanntgeben. Die Kantone wurden, wie im Gesetz vorgesehen, bereits informiert. Er könne sich aber noch nicht dazu äussern, sagte Wanner. Die neue Vereinbarung werde wahrscheinlich 2013 wirksam werden. (bb)

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