Aktualisiert 20.07.2018 03:18

Car of the week

Goodness gracious!

Was Aston Martin mit einer Variante des Cygnet beim Goodwood Festival of Speed vorstellte, lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Die spinnen, die Briten.

von
Michael Köckritz
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Ein Strassenfloh mit einem gewaltigen 4,7-Liter-V8 Motor und 430 PS? Selten sah britische Versponnenheit so super aus – und selten war sie so begehrenswert. Eine Serienproduktion ist für den Aston Martin Cygnet V8 nicht vorgesehen, was nicht überrascht, wenn man die Vorgeschichte der ersten Cygnets kennt – aus den 4000 geplanten Verkäufen wurden nur 300.

Ein Strassenfloh mit einem gewaltigen 4,7-Liter-V8 Motor und 430 PS? Selten sah britische Versponnenheit so super aus – und selten war sie so begehrenswert. Eine Serienproduktion ist für den Aston Martin Cygnet V8 nicht vorgesehen, was nicht überrascht, wenn man die Vorgeschichte der ersten Cygnets kennt – aus den 4000 geplanten Verkäufen wurden nur 300.

Aston Martin
Erstaunlicherweise haben es Astons Ingenieure geschafft, den mächtigen V8 im Toyota iQ unterzubringen, ohne dass die Insassen allzuviel Platz aufgeben müssen. Ob die Wärmeentwicklung des 4,7-Liter-Motors (und der 30-Liter-Tank) auch längere Fahrten zulässt, ist eine andere Frage.

Erstaunlicherweise haben es Astons Ingenieure geschafft, den mächtigen V8 im Toyota iQ unterzubringen, ohne dass die Insassen allzuviel Platz aufgeben müssen. Ob die Wärmeentwicklung des 4,7-Liter-Motors (und der 30-Liter-Tank) auch längere Fahrten zulässt, ist eine andere Frage.

Aston Martin
Überdimensionierte Reifen bringen die 430 PS an die Hinterräder, und sie haben viel zu tun. Soviel Kraft – bei einem Radstand von gerade mal zwei Metern und einer Spurbreite von einem Meter Achtzig – bedarf schneller Reaktionszeit.

Überdimensionierte Reifen bringen die 430 PS an die Hinterräder, und sie haben viel zu tun. Soviel Kraft – bei einem Radstand von gerade mal zwei Metern und einer Spurbreite von einem Meter Achtzig – bedarf schneller Reaktionszeit.

Aston Martin

Das Goodwood Festival of Speed des elften Dukes of Richmond gilt als einer der originelleren Locations für Sportwagen-Hersteller, um ihre Neuheiten einem breiteren Publikum vorzustellen – und wir sprechen hier über Firmen wie wie Ferrari, Lancia, Porsche, Koenigsegg, Lambo oder McLaren.

Am vergangenen Wochenende stahl ein diminutives Automobil in British Racing Green jedoch allen Supercars die Show. Es war der Moment, als ein wagemutiger Brite den Zündschlüssel eines Cygnet umdrehte. Unzählige Gin Tonics und Gurkenschnittchen crashten auf den Rasen des guten Herzogs, Kinnladen von anwesenden Journalisten klappten auf Nabeltiefe – und dabei sollten die einiges gewohnt sein.

Der Sound, der aus den Tiefen des winzigen Stadt-Mobils kam, trieb den anwesenden Renn-Senioren – und nicht nur denen – Tränen in die Augen. Ein tiefes, heiseres Röhren, nicht mehr gehört, seit Ferrari seine Zwölfzylinder hinter den Fahrer verlegte und Maserati den Bird Cage aus dem Rennen nahm. Ein enthemmtes V8-Brabbeln, das in einem solchen Crescendo endete, dass der Glauben an den totgeglaubten Verbrennungsmotor (ohne Schalldämpfung) wieder aufflackerte. Und das war, bevor sich das kleine Auto in Bewegung setzte.

Der Kleine ist kein Toyota iQ

Auf den zweiten Blick wurde vieles klarer: Es handelte sich um keinen Toyota iQ, obwohl das Ding auf den ersten Blick so ausschaute. Es war, wie der Stadionsprecher verkündete, ein Aston Martin Cygnet V8 mit einem 4,7-Liter-Motor unter der Haube. 430 PS auf nur fünf Quadratmetern Automobil mit einem Gewicht von, na sagen wir mal, 1300 Kilo, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Am Start machte der Cygnet Wheelies, extrem breite Gummiwalzen qualmten unter super aufgepusteten Kotflügeln. Beim Anbremsen der paar Kurven am Schloss wedelte das Heck wie der Schwanz eines gut gelaunten Welsh Corgis und man zog instinktiv den Hut vor dem Mut des Fahrers, ein Fahrzeug zu pilotieren, das aussah wie die japanische Version eines Smarts und losging wie eine gesengte Sau.

Nun ist die Idee, einen riesigen Motor in ein winziges Automobil zu stecken, grundsätzlich phänomenal, das Resultat in manchen Fällen spektakulär, aber das Konzept ist nicht unbedingt neu. Der Aston Martin Cygnet ist es auch nicht. Zwischen den Jahren 2011 und 2012 hatte jemand in der Geschäftsführung die Idee, einen Toyota iQ mit einem Aston-Martin-Kühlergrill und Flügeln im Logo zu versehen und ihn als Stadtmobil der Aston-Martin-Kundschaft anzubieten. Die jedoch winkte ab. 4000 Einheiten wollte Aston Martin ursprünglich vom Cygnet verkaufen, aber da sich die Motorisierung auf den 98 PS starken 4-Zylinder von Toyota beschränkte, blieben die Verkaufszahlen weit hinter den Erwartungen zurück. Nur rund 300 Cygnets wurden verkauft.

Schon damals schien das mobile Einkaufskörbchen mit 98 PS über-powered zu sein. Trotzdem wollte einer von Astons betuchten Kunden einen draufsetzen und da in Gaydon noch ein paar unverkaufte Cygnets rumstanden – und die Ingenieure offensichtlich von einem Übermass an Phantasie beflügelt waren – endete der V8 eines älteren Vantage in einem Fahrzeug, das die Aussenmasse des Motors nur knapp überragte.

Wen kümmert's, wenn die Vorderräder beim Beschleunigen abheben?

Erstaunlicherweise passt Aston Martins 4,7 Liter V8 hinter die Vorderachse ohne übergrossen Platzverlust für die Insassen und verständlicherweise treibt er nicht mehr die Vorderräder an, sondern die Hinterachse. Als einzige relevantere Einschränkung wurde die Pedalerie ein wenig zur Seite versetzt und die Rennsitze lassen sich nicht mehr verstellen. Die Radaufhängungen vorne und hinten stammen vom Vantage S, ebenso das Getriebe und die Bremsen. Null auf Hundert? Knapp über Vier, aber wen kümmert's, wenn die Vorderräder beim Beschleunigen abheben? Spitze? 250, doch wer ist schon so suizidär, bei einem Radstand von knapp zwei Metern?Beim Anbremsen von Kurven droht der Aston unter den Asphalt kriechen zu wollen. Die Dämpfung – soweit man sich auf solche Dinge während der Fahrt konzentrieren kann – ist überraschend unhart, wohingegen die Lenkkräfte trotz allen möglichen Hilfen einen gewissen Tribut fordern.

Der Adrenalinausstoss ist erwartungsgemäss enorm. Ein gewisses Pochen hinter den Augenhöhlen wird beim Beschleunigen gern in Kauf genommen, ebenso auftretende Brustbeklemmungen. Denn – den Gaydon-Boys sei Dank – war im Cygnet kein Platz mehr für eine effektive Schalldämpfung ausströmender Auspuffgase.

ramp begeistert seit mehr als zehn Jahren als stilprägendes, opulentes Coffeetable-Magazin, indem es die Welt des Autos mit der Liebe zum Leben und der Lust auf Mode, Kultur und Design verbindet. So wurde es auch ganz nebenbei zum meist ausgezeichneten Automagazin der Welt. ramp-Herausgeber und Chefredakteur Michael Köckritz stellt wöchentlich seinen «Car of the Week» auf 20min.ch vor. Jeden Freitag.

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