Aktualisiert 13.01.2010 12:08

«Don't be evil»Google akzeptiert Chinas Zensur nicht mehr

Chinesische Menschenrechtsaktivisten sind nach Angaben des Suchmaschinenanbieters Ziel von Cyber-Angriffen geworden, die aus der Volksrepublik selbst kamen. Der Konzern droht damit, seine Aktivitäten in dem Land einzustellen.

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hst/sda
Google erwägt Rückzug aus China.

Google erwägt Rückzug aus China.

Nach einem Hacker-Angriff auf Menschenrechtler hat Google beschlossen, die Internet-Suche in China nicht länger zu zensieren. Das kalifornische Unternehmen teilte am Dienstag mit, dies könne auch dazu führen, dass google.cn und die Büros in China geschlossen werden müssten.

Es habe einen gezielten Angriff auf die eigene Server-Infrastruktur gegeben, erklärte Google-Justitiar David Drummond im Firmenblog. Dieser habe sich gegen die Server von mindestens 20 Unternehmen gerichtet. Bei Google sei versucht worden, den E-Mail-Dienst Gmail zu knacken und an die E-Mail-Konten chinesischer Menschenrechtler zu gelangen. Ausgangspunkt der Attacke seien Computer in China gewesen. Bei zwei E-Mails hätten die Angreifer das Absendedatum und die Betreffzeile sehen können, nicht aber den Inhalt, erklärte das Unternehmen. Erfolgreicher seien Phishing-Attacken mit dem Ziel gewesen, die Zugangsdaten von E-Mail-Konten chinesischer Regimekritiker in den USA, Europa und China zu erhalten.

Clinton will vermitteln

US-Aussenministerin Hillary Clinton sagte, die von Google geäusserten Vorwürfe seien schwerwiegend und zögen viele Fragen nach sich. Die US-Regierung bemühe sich bei der Regierung in Peking um Aufklärung. Mehrere Menschenrechtsorganisationen begrüssten die Entscheidung von Google, die Internet-Suche in China nicht länger zu filtern. «Google hat einen mutigen und schwierigen Schritt für die Internet-Freiheit unternommen, um grundlegende Menschenrechte zu unterstützen», sagte die Präsidentin des Zentrums für Demokratie und Technologie in Washington, Leslie Harris.

Um die Genehmigung für eine chinesische Web-Site mit der Adresse «.cn», zu erhalten, hatte sich Google 2005 verpflichtet, für diesen Dienst Adressen aus seiner Datenbank zu entfernen, die von der Regierung als anstössig betrachtet werden. Zu solchen verbotenen Themen gehören etwa Diskussionen über eine Unabhängigkeit von Taiwan oder die gewaltsame Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989. China stellt weltweit die grösste Population von Internet-Nutzern. Bei der Suche nach Informationen im Web hat Google in China einen Marktanteil von weniger als 30 Prozent. Marktführer ist der chinesische Anbieter Baidu.

Firmenphilosophie verletzt

In Googles online einsehbarer Firmenphilosophie, die vielfach unter dem Motto «Don't be evil» («Sei nicht böse!») zusammengefasst wird, heisst es unter anderem: «Auch wenn der Hauptsitz von Google in Kalifornien liegt, besteht unsere Mission darin, den Zugang zu Informationen weltweit zu ermöglichen.» Dass der Suchmaschinenanbieter dieser Maxime zuwiderhandelte, als er sich beim Markteintritt in China zur Zensur der Treffer verpflichtete, hatte dem Unternehmen scharfe Kritik eingebracht. Einer der Gründer, Sergey Brin, hatte sich vor zwei Jahren zu der Aussage hinreissen lassen, aus geschäftlicher Sicht bereue man die Entscheidung, denn sie habe dem Ruf des Unternehmens in Europa und den USA geschadet. Der einflussreiche Technlogie-Blogger Michael Arrington hatte damals auf TechCrunch.com kommentiert: «Wenn Google seine Reputation bei westlichen Nutzern nicht einbüssen möchte, muss das Unternehmen klar sagen, dass es die Entscheidung nicht aus geschäftlichen Gründen bedauert, sondern weil die chinesische Regierung schlecht ist.»

Googles Konkurrent Microsoft hatte Ende 2009 China gegenüber der Agentur Reuters als «strategisch wichtigsten Markt» für seine im Juni gestartete Suchmaschine bing bezeichnet. Ausserdem hatten die Redmonder dort nach eigenen Angaben ein Forschungszentrum für Suchtechnologien aufgebaut, um die Bedürfnisse chinesischer Surfer besser analysieren zu können. Microsoft hatte sich wie Google und Yahoo dem Druck chinesischer Behörden gebeugt und zensiert ebenfalls Suchtreffer. Julian Pain, Web-Experte von Reporter ohne Grenzen, hatte im Mai 2006 gegenüber Spiegel.de darauf hingewiesen, dass Yahoo im Unterschied zur Konkurrenz überdies Nutzerdaten an die chinesische Regierung weitergebe. Ob Yahoo und Microsoft ebenfalls einen Rückzug aus China erwägen, wurde bislang nicht bekannt. Dass Kooperationsvereinbarungen der chinesischen Regierung im Zweifel gleichgültig sind, hatte sich unter anderem im Sommer 2009 gezeigt. In Vorbereitung des 20. Jahrestages der blutigen Niederschlagung von Studentenunruhen auf dem Tiananmen-Platz in Peking waren unter anderem die Websites bing, Twitter und Flickr gesperrt worden.

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