Aktualisiert 22.06.2010 07:43

Hands-on

Google-Handy enttäuscht im Test

Google hat sein erstes eigenes Smartphone präsentiert. 20 Minuten Online konnte es in den USA ausprobieren und stellte fest: Die Konkurrenz muss sich vorerst wenig Sorgen machen. Das Nexus One scheint aber nur ein Mosaikstein einer Strategie zu sein, den mobilen Werbemarkt ähnlich zu dominieren wie den im stationären Internet.

von
Henning Steier, Las Vegas

Vor drei Tagen stellte Google sein Smartphone Nexus One am Firmensitz in Mountain View offiziell vor. Das Besondere: Es wird zwar wie die ersten Handys mit Googles Betriebssystem Android von HTC gebaut, aber ausser von Providern auch vom Suchmaschinenanbieter selbst verkauft. Wie 20 Minuten Online berichtete, ist der Schweizer Marktstart bislang nicht bekannt.

Ebenso wenig bekannt, aber als verhältnismässig sicher gilt, dass Googles Smartphone auch in Zukunft unter seinem Namen erhältlich sein wird. Denn nach einem Bericht der US-Zeitung Wall Street Journal ist der Suchmaschinenanbieter zuversichtlich, als Sieger aus einem Streit mit den Erben des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick hervorzugehen. Seine Erben werfen Google vor, den Gerätenamen ohne Erlaubnis aus dem Film «Blade Runner» entnommen zu haben. Er basiert auf einem Buch Dicks. In ihm sind Androiden zu sehen, die Nexus-6 genannt werden. Wie das Blatt weiter schreibt, haben die Nachfahren des Autors allerdings nie den Markennamen schützen lassen.

Google ist auf der noch bis Sonntag in Las Vegas stattfindenden Consumer Electronics Show (CES) mit keinem Stand vertreten. In Nebenprogramm der weltgrössten Messe für Unterhaltungselektronik findet traditionell die Digital Experience statt. Auf der Veranstaltung präsentiert ein Teil der Aussteller einen Abend lang seine Produkte. Auch der taiwanesische Handyhersteller HTC war vor Ort. Daher nutzte 20 Minuten Online die Gelegenheit, das Nexus One einem Kurz-Test zu unterziehen.

Hervorragendes Display

Das Smartphone liegt gut in der Hand und rutscht auch bei feuchten Fingern nicht sofort aus dieser, denn es hat eine raue Rückseite. Auf den ersten Blick macht das Gerät einen edlen Eindruck; nichts wirkt billig oder instabil. Sein AMOLED-Bildschirm hat eine Diagonale von 3,7 Zoll und bietet eine sehr gute Auflösung von 480 x 800 Pixeln. AMOLED steht für Active Matrix Organic Light Emitting Diode. Displays mit dieser Technologie benötigen keine Hintergrundbeleuchtung, was Energie spart und den Kontrast deutlich verbessert. Und so überzeugt auch das Display des Nexus One mit satten Farben und hervorragendem Kontrast. AMOLED-Bildschirme sind aber nichts Besonderes mehr. So hat beispielsweise das von 20 Minuten Online im Juni 2009 getestete Samsung Jet auch einen - wenn auch nur mit einer Diagonale von 3,1 Zoll, aber bei gleicher Auflösung.

Im Inneren des Nexus-One-Gehäuses arbeitet ein mit einem Gigahertz getakteter Snapdragon-Prozessor von Qualcomm. Dieser sorgt für ordentlich Dampf unter der Haube. Anwendungen werden äusserst schnell gestartet und ausgeführt. Allerdings ist auch dieser Prozessor kein Alleinstellungsmerkmal mehr, denn er ist unter anderem im HTC HD 2 oder im Toshiba TG01 verbaut. Letzteres ist in der Schweiz bereits seit Herbst 2009 erhältlich, konnte aber im Test nicht überzeugen. Hingegen erntete das HD 2 kürzlich Anerkennung, wenngleich bekannte Probleme mit Windows Mobile vom taiwanesischen Hersteller nicht beseitigt werden konnten.

Android 2.1 ist nichts Besonderes

Das Nexus One kommt mit Version 2.1 des Betriebssystems Android, welches sich gewohnt leicht bedienen lässt. Für das freie Betriebssystem stehen mittlerweile etwa 16 000 Applikationen zur Verfügung. Apples App Store bietet rund 100 000. Allerdings kommen die meisten User mit maximal 100 Anwendungen aus. Android 2.1 ist aber auch nichts Besonderes mehr, denn auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas präsentierte Lenovo mit dem LePhone ebenfalls ein Gerät, welches über dieses Betriebssystem verfügt. Das Smartphone des chinesischen IT-Konzerns hat überdies ebenfalls einen 1-Gigahertz-Prozessor und ein 3,7-Zoll-AMOLED-Display an Bord, soll allerdings vorerst nur im Reich der Mitte erhältlich sein. Auch das Android-Gerät Galaxy 2 von Samsung soll mit einer vergleichbaren Ausstattung zum Kunden kommen. Dies will zumindest Eldar Murtazin, Chefredaktor der meistens gut informierten russischen Webseite mobile-review.com erfahren haben.

Ausstattungsmerkmale gehen in Ordnung

Zur sonstigen Ausstattung des Nexus One zählen eine 5-Megapixel-Kamera, die zehn passable Testbilder schoss und drei Videos mit der Maximalauflösung von 720 x 480 drehte, die für ein aktuelles Smartphone ebenfalls in Ordnung gingen. Des Weiteren bietet das Google-Handy HSDPA (7.2 Mbps) und HSUPA (2 Mbps) sowie eine mitgelieferte 4-Gigabyte-Karte. Über den microSD-Einschub lässt sich der Speicher auf bis zu 32 Gigabyte erweitern. Das Gerät misst 119 x 59,8 x 11,5 x Millimeter und wiegt rund 130 Gramm. Alle diese Ausstattungsmerkmale gehen in Ordnung, sind aber weit davon entfernt, dem Nexus One eine herausgehobene Stellung zu verschaffen. Im Vorfeld seiner Präsentation tauchte immer wieder das Wort iPhone-Killer auf, welches kaum noch jemand hören kann, weil es im Hype um Apples erstes Smartphone inflationär jedem Gerät angeheftet wurde, welches ähnliche Funktionen bot. Eine lustige Seite dieser wohl vorerst nicht endenden Phrasendrescherei zeigen die Macher von LandlineTV im obigen Video, in dem sie die geschürten Erwartungen an das erste reine Google-Handy satirisch aufs Korn genommen haben.

Fazit

20 Minuten Online konnte sich zwar nur einen kurzen Eindruck vom Nexus One verschaffen, doch für eine vorläufige Einschätzung reicht dieser aus. Ein ausführlicher Test wird aber selbstverständlich nachgeliefert. Am ersten reinen Google-Handy gibt es formal wenig auszusetzen. Vielleicht waren die Erwartungen zu hoch. Denn der Suchmaschinenanbieter hat mit seinem Partner HTC ein solides Gerät abgeliefert, das dementsprechend nichts Überraschendes oder Beeindruckendes zu bieten hat. Man sollte allerdings nicht vergessen, womit Google vor allem sein Geld verdient: Werbung. Das kalifornische Unternehmen hat sich dank der jahrelangen Marktführerschaft seiner Suchmaschine das Gros der Erlöse mit Textanzeigen im Internet gesichert. Google musste eine Strategie entwickeln, wie man im mobil genutzten Web ähnlich viel Geld verdienen kann: Grob vekürzt, lockt man die Nutzer von Android-Handys auf seine mobile Suchmaschine und animiert sie Google-Apps zu nutzen. Viele davon sind ortsbezogene Dienste, was Werbung attraktiver macht. Denn Nutzer bekommen solche präsentiert, die ausser zu ihren Interessen auch zu ihrem Standort passt.

Ein nächster Schritt wäre, Google-Handys noch stärker vergünstigt anzubieten und sie dafür im Gegenzug mit mehr Werbung in Applikationen zu versehen. Das Nexus One kostet schon heute knapp die Hälfte eines 16-Gigabyte-iPhones. Es scheint also nur ein Mosaikstein in Googles Strategie zu sein, im mobilen Werbemarkt eine ähnliche Position wie im Internet zu erreichen. Mit dem Gerät und vielleicht folgenden könnte man Nutzer nicht nur über die Software, Android, sondern auch über die Hardware anlocken, die auch providerunabhängig erhältlich ist. Das Nexus One ist zudem das einzige Smartphone, das ausschliesslich nach Googles Wünschen gefertigt wurde. Hersteller wie HTC oder Samsung verwenden auf ihren Geräten jeweils nach ihren Wünschen erstellte Versionen des Betriebssystems Android. Auf seinem eigenen Handy kann Google die Nutzer also noch leichter zu seinen Apps lotsen.

Was Google der mobile Werbemarkt wert ist, zeigte sich im November 2009, als das Unternehmen ankündigte, mit AdMob eines grössten Werbenetzwerke für mobile Geräte zum Preis von 750 Millionen US-Dollar (rund 775 Millionen Franken) in Aktien übernehmen zu wollen. Allerdings müssen die US-Kartellaufseher von der Federal Trades Kommission (FTC) dem Deal noch zustimmen. Anfang der Woche hatte Apple den AdMob-Konkurrenten Quattro gekauft. Ein Preis wurde nicht bekannt. All Things Digital, ein Blog des Wall Street Journal, hatte 275 Millionen Dollar (zirka 285 Millionen Franken) angegeben. Beide Unternehmen haben die Zahl bislang nicht kommentiert.

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