Aktualisiert 20.01.2014 16:01

Hier entsteht Zukunft Googles streng geheimes Forschungslabor

Weltraumaufzüge, Passwort-Pillen und intelligente Teller: In der Forschungseinrichtung Google X tüfteln Wissenschaftler an rund 100 Projekten, die die Welt verbessern sollen.

von
tob

Überall blinken Apparate, auf den Tischen stehen Mikroskope und Wissenschaftler in weissen Kitteln hantieren mit neonfarbenen Flüssigkeiten in Reagenzgläsern: So stellt man sich klassischerweise ein Forschungslabor vor. Bei Google ist das anders. Hier sitzen die Forscher meistens an ihren Computern und denken sich spannende Zukunftsvisionen aus.

Immer wieder taucht die mysteriöse Forschungseinrichtung Google X in den Nachrichten auf. Der neuste Streich aus der geheimen Einrichtung des Internet-Konzerns: ein Prototyp einer intelligenten Kontaktlinse, die Blutzucker-Werte von Diabetikern misst und den Träger bei Schwankungen warnt. Doch woran arbeiten die Wissenschaftler sonst noch?

So mysteriös wie die CIA

Über das Labor ist nur wenig bekannt. Situiert soll es in der Nähe des Google-Campus im kalifornischen Mountain View sein. Wo genau, wissen nur die Mitarbeiter. Hier forschen die Wissenschaftler unter der Leitung von Google-Mitgründer Sergey Brin an der Zukunft. Die «New York Times» beschrieb die Anlage einst als Ort, an dem Roboter frei herumrennen, die Teller bei Facebook posten, was man gerade isst, der Kühlschrank den Kaffeerahm nachbestellt, bevor der Vorrat ausgeht und die Mitarbeiter davon träumen, per Lift ins All zu fahren.

An weit mehr als 100 Projekten wird hier getüftelt und geforscht. Die Einrichtung sei so mysteriös wie der zentrale US-Nachrichtendienst, die CIA, heisst es immer wieder. Laut Angaben von Insidern soll das Labor in zwei Teile aufgeteilt sein: eine unscheinbare Einrichtung für Logistik und ein geheimer Ort für die Forschung mit Robotern. Dafür hat Google massenweise kluge Köpfe engagiert: Robotiker und Ingenieure von Microsoft, Nokia, Stanford oder dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeiten unter einem Dach.

Tattoos und Passwort-Pillen

Einen kleinen Einblick in die Forschungsfabrik gab in der Vergangenheit die Google-Managerin Regina Dugan. In einem öffentlichen Gespräch mit dem Blog Allthingsd.com lüftete sie ein paar Geheimnisse. Im Interview sprach sie unter anderem von neuen Technologien, die einst Passwörter ersetzen könnten: Sie ist überzeugt, dass zum Beispiel elektronische Tattoos die Eingabe von Passwörtern überflüssig machen können.

Im letzten Jahr zeigte sie den Prototyp eines solchen Tattoos auf ihrem Arm. Bei Google X wird auch an einer Passwort-Pille geforscht. Diese soll für die Zutrittskontrolle dienen, Energie aus dem Magensaft beziehen und ein Signal aussenden, das von einem Lesegerät ausgewertet werden kann.

Wie bei Willy Wonka

Der Direktor des Google-Labors ist Eric «Astro» Teller. Der 44-Jährige ist Wissenschaftler, Autor und Unternehmer im Fachbereich intelligente Technologie. «Mit Google X wollen wir die Welt zu einem besseren Ort machen», sagte er zur «Bloomberg Businessweek». Er selbst vergleicht die Einrichtung mit Willy Wonkas Schokoladenfabrik: «Eine magische Werkstatt, die von den wertenden Augen der Welt isoliert werden muss.» Doch trotz der Geheimniskrämerei dringen früher oder später immer wieder Entwicklungen aus dem Labor an die Öffentlichkeit.

So entstand etwa auch der erste Prototyp der Datenbrille Google Glass im Labor X. Dieser war damals noch fast fünf Kilogramm schwer und hatte mehrere Kabel zu einer externen Box, die an einem Gürtel montiert war. Mittlerweile ist die Brille geschrumpft und wiegt etwas mehr als eine normale Sehhilfe. Wann genau Glass auf den Markt kommt, ist aber immer noch unklar. Voraussichtlich will der Internet-Konzern seine Datenbrille noch in diesem Jahr in den Handel bringen.

Das Internet für jedermann

Neben Forschung mit Robotern, wie etwa einem Auto, das von selbst fährt, arbeitet Google auch an der Vernetzung der Dinge. 2013 sorgte Eric Schmidt, Verwaltungsratspräsident des Suchmaschinenriesen, mit einer Aussage für Aufsehen. Er prognostizierte, dass bis zum Ende der Dekade alle Bewohner der Erde vernetzt sein werden. Ein ambitioniertes Ziel, wenn man bedenkt, dass rund 60 Prozent der Weltbevölkerung noch nicht online sind und es in zahlreichen Ländern noch nicht einmal zuverlässige Telekommunikationsnetze gibt.

Eine weitere Idee aus dem Labor X könnte hier helfen: Projekt Loon. Der Suchmaschinengigant will Ballone in die Stratosphäre in 30 Kilometern Höhe schicken. Diese sollen den Internetzugang auch in abgelegenen Winkeln der Erde sichern. Die Ballone sollen mit speziellen Antennen untereinander als Ad-Hoc-Netzwerk kommunizieren, bis eine Verbindung zur nächsten Basisstation aufgebaut werden kann. In Neuseeland wurde das Konzept erstmals getestet.

Fliegende Turbinen und vernetztes Heim

Ein weiteres Projekt findet ebenfalls in der Luft statt. Nachdem Google das Unternehmen Makani Power übernommen hat, tüfteln die Wissenschaftler offenbar an neuen Möglichkeiten für die Versorgung mit erneuerbaren Energien. So sollen einst fliegende Roboter in einigen Hundert Metern Höhe mittels grosser Windturbinen Strom sammeln.

Auch hat Google erst vor Kurzem den Sprung ins Wohnzimmer geschafft. Zu den neusten Errungenschaften von Google gehört Nest, ein Hersteller von intelligenten Rauchmeldern und Thermostaten. Was der Internet-Gigant mit dieser Übernahme bezweckt und sonst noch in petto hat, wird die Zukunft zeigen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.