Aktualisiert 17.03.2004 19:44

«Gothika»: Halle Berry in der Vorhölle

Im Horrorthriller «Gothika» reisst keine Geringere als Oscar-Gewinnerin Halle Berry die samtenen Rehaugen in fotogenem Schrecken auf.

Als smarte Gefängnispsychiaterin Miranda findet sie sich nach einer mysteriösen nächtlichen Begegnung plötzlich auf der anderen Seite des Gitters eingesperrt wieder. Dort, wo auch ihre hysterische Patientin, die Mörderin Chloe, dahinvegetiert, der Miranda tags zuvor in beruflichem Auftrag noch ihre satanischen Vergewaltigungsfantasien ausreden wollte.

Hat Miranda in geistiger Umnachtung ihren Gatten, den allseits beliebten Gefängnisdirektor zerstückelt? Von innen sieht der Frauenknast, den Miranda nur von der sicheren Seite kannte, wie die Vorhölle aus: In bläulichem Licht schwanken die sedierten Gefangenen wie Zombies umher, das Gruppen-Duschen artet zum Albtraum aus, und die einst so netten Wärterinnen entwickeln subtil bedrohliche Züge.

Mirandas Sturz von der souveränen Psychiaterin zur vermeintlich verrückten Mörderin ist nämlich von langer Hand vorbereitet: Mit sadistischer Vorfreude wird sie ganz zu Anfang des Filmes ausführlich dabei beobachtet, wie sie sich im Gefängnis so wohl wie ein Fisch im Wasser fühlt und sogar nach Dienstschluss ein paar Runden im knasteigenen Hallenbad schwimmt.

Atmosphäre ist alles in diesem Film, der sich jedoch trotz einer viel versprechenden Ouvertüre als unbefriedigender Mix aus Psycho- und Horrorthriller erweist, als B-Movie mit 1-A-Darstellern und -Attitüde. Für die Produktionsfirma Castle Rock Entertainment, die sich zum Beispiel mit «13 Geister», «Ghost Ship» auf unprätentiöse Horrorstreifen verlegt hat, schien der französische Regisseur Mathieu Kassovitz (»Die purpurnen Flüsse») wohl keine schlechte Wahl. Doch schon die klaustrophobischen Kamerafahrten durch den labyrinthischen Bau und die Besetzung, bei der neben Halle Berry auch der spanischen Beauty Penélope Cruz übel mitgespielt wird, lassen eine ambitionierte Geschichte erwarten.

Handlungslöcher und nicht gelöste Fragen

Miranda, die sich an nichts erinnern kann und als rationale Wissenschaftlerin an ihrem Verstand zweifelt, versucht mit Hilfe ihrer einstigen Kollegen ihre Amnesie zu überwinden. Allzu schnell aber werden Miranda und mit ihr der Zuschauer von buchstäblichen Running Gags eines rachsüchtigen Gespensts, das durch die Gänge jagt und Miranda nach allen Regeln der Gespensterkunst piesackt, zum Glauben an das Übernatürliche bekehrt.

Dabei tun sich Handlungslöcher auf, so gross, dass Hannibal seine Elefanten durchtreiben könnte. Auch die Logik des umtriebigen Poltergeistes, der Miranda wie im «Exorzist» erst einmal herumschubst, bevor er ihr die Gefängnistüren öffnet und sie zur Detektivin macht, sollte besser nicht hinterfragt werden.

Das Seltsame ist aber, dass nicht nur das Happy End so platt daherkommt, dass es einem graut: Auch die bekannten Grusel-Déjà-Vus und die gängige Horrormechanik aus flackernder Elektrizität und blitzartigen Erscheinungen sind gelegentlich unfreiwillig komisch und bringen doch die Zuschauerknie arg zum Schlottern. Wenn man einen Horrorfilm nach seiner Fähigkeit zum Angstmachen beurteilt, dann funktioniert dieser ziemlich gut.

Noch irritierender ist der Moment, bei dem gleich zu Beginn, in der noch besten aller Welten, die attraktive Miranda einen sehr dicken Mann innig küsst: eine in einem Mainstream-Film absolut schockierende Szene. Er erweist sich als ihr Gatte, und die Beziehung zwischen der Schönen und dem Biest hinter all dem verworrenen Geistergetue macht stutzig, wird aber nicht aufgeklärt.

Zugleich erinnert die Auflösung mit einem perversen Frauenquäler-Underground nicht nur an Dr. Jekyll und Mr. Hyde, sondern bestürzt auch mit Parallelen zum Fall Dutroux und damit zur Realität. Und so ist diese Kreuzung aus Frauenknastkrimi und übersinnlichem Horrorthriller dank ihres Stilbewusstseins und ihres beunruhigenden Subtextes immerhin interessant verkorkst. (dapd)

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