Weniger religiös: Gottvergessenes Amerika
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Weniger religiösGottvergessenes Amerika

Auch im gläubigsten Volk des Westens wenden sich immer mehr junge Menschen von der Religion ab. Wer an Gott glaubt, tut das dafür intensiver.

von
sut
Die Religiosität nimmt langsam ab, aber noch florieren die Megakirchen in den USA. Bild: die Lakewood Church des Fernsehpredigers Joel Osteen in Houston, Texas. (28. Juni 2005)

Die Religiosität nimmt langsam ab, aber noch florieren die Megakirchen in den USA. Bild: die Lakewood Church des Fernsehpredigers Joel Osteen in Houston, Texas. (28. Juni 2005)

Der Trend weg von Gott macht vor den Vereinigten Staaten nicht halt. Was in anderen hochentwickelten Industriestaaten längst beobachtet wird, stellt eine Grossstudie des Pew Center nun auch in der Nation fest, die als eine der gläubigsten gilt: Eine wachsende Zahl von Menschen, vor allem in der jungen Generation, hat mit religiösem Glauben nichts mehr am Hut.

Laut Pew bezeichneten sich 2014 bloss noch 77 Prozent der Erwachsenen als mit einer Religion verbunden. Sieben Jahre vorher betrug ihr Anteil noch 83 Prozent. Die Abnahme von sieben Prozentpunkten ist nicht drastisch, aber präzis: Die Erhebung unter 35'000 Amerikanerinnen und Amerikaner hat eine statistische Unschärfe von weniger als plus oder minus einem Prozentpunkt.

Nichtchristen nehmen zu

Die Zahl der Gläubigen nimmt in allen christlichen Konfessionen ab. Als evangelisch-protestantisch bezeichneten sich 2014 noch 25,4 Prozent der Befragten. Im Jahr 2007 waren es noch 26,3 Prozent. Die Zahl der Katholiken ging im gleichen Zeitraum von 23,9 Prozent auf 20,8 Prozent zurück, die der traditionellen Protestanten von 18,1 Prozent auf 14,7 Prozent.

Die nichtchristlichen Religionen verzeichnen demgegenüber eine leichte Zunahme. Allerdings sind sie in den USA bloss eine kleine Minderheit: Auch 2014 bezeichneten sich bloss 1,9 Prozent als jüdisch (20o7: 1,7 Prozent) und nur 0,9 Prozent als muslimisch (2007: 0,4 Prozent). Das grosse Wachstum erfährt die Kategorie der Ungläubigen: Sie nahm von 16,1 auf 22,8 Prozent zu.

Jüngere weniger religiös

Pew erklärt sich die Abnahme der Religiosität um durchschnittlich drei Prozent in den letzten sieben Jahren damit, dass ältere Menschen wegsterben und der Anteil der klar weniger gläubigen «Millennials» mit Jahrgängen von 1982 bis nach 2000 wächst.

Alan Cooperman, der Leiter der Religionsforschung bei Pew, weist gegenüber «USA Today» darauf hin, dass der Glaube bei den Gläubigen nicht schwächer wird: «Wer angibt, eine Religion zu haben – das ist noch immer die grosse Mehrheit der Bevölkerung – zeigt keine messbare Abnahme bei der Religionspraxis.» Konkret: Sie gehen so oft in die Kirche wie zuvor und messen der Religion eine gleich hohe Bedeutung für ihr Leben zu.

Dennoch spirituell

Bemerkenswert sind weitere Befunde der Studie. So beten mehr Frauen jeden Tag als Männer (64 Prozent gegenüber 46 Prozent). Bei allen christlichen Gläubigen hat die Akzeptanz von Homosexuellen dramatisch zugenommen. Und spirituelle Praktiken ohne ausdrücklichen Religionszusammenhang – Beispiel: Yoga – sind im Aufwind.

Bedenklich finden die Pew-Forscher eine Zunahme der politischen Polarisierung. Laut Reuters erklären sich unter Demokraten nicht weniger als 28 Prozent als religiös ungebunden, bei den Republikanern sind das nur 14 Prozent. Gleichzeitig stellen die konservativen Evangelikalen 38 Prozent der Republikaner, bei den Demokraten lediglich 16 Prozent. Ausgeglichen bezüglich Konfession sind bloss die Katholiken: Sie machen je 21 Prozent der Republikaner wie der Demokraten aus.

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