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Grabräuber werden immer dreister

Die Friedhöfe sind nicht mehr nur Orte der Besinnung und des Andenkens Verstorbener. Sie sind zu Tatorten geworden. Die frechen Diebe stehlen nicht nur Blumen zum Weiterverkauf, sondern lassen auch mal massive eiserne Tore mitlaufen.

Städte und Gemeinden stehen dem Treiben weitgehend machtlos gegenüber. «Es kommt vor, dass ganze Gräber abgeräumt werden», berichtet Manfred Zagar, stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbands der Friedhofsverwalter Deutschlands (VFD). Laternen, Vasen oder Blumen - was nicht niet- und nagelfest sei, verschwinde spurlos.

Frisch bepflanzte Gräber zögen Diebe geradezu magnetisch an, erklärt Zagar, der das nicht recht nachvollziehen kann: «Da scheint irgendein Zwang dahinter zu stecken.» Vor allem mit Beginn der dunklen Jahreszeit werde verstärkt geklaut, berichten Insider. Teils handele es sich bei den Dieben um organisierte Banden, welche die gestohlenen Pflanzen weiterverkaufen würden. Teils seien die Täter aber auch einfache Bürger, die selbst ein Grab zu pflegen hätten und Kosten sparen wollten. «Da können wir relativ wenig machen», erklärt Thomas Bäder, für Friedhöfe zuständiger Abteilungsleiter bei der Stadt Wiesbaden.

Die Diebe transportieren nicht nur Blumen und Pflanzen, sondern auch Schwergewichtiges ab. Mitte September stahlen unbekannte Täter in Görlitz das schmiedeeiserne Tor einer Familiengruft aus dem 17. Jahrhundert. In Berlin verschwanden zwischen Oktober 2004 und Februar 2005 zahlreiche Marmorreliefs und Büsten Verstorbener mit einem Gewicht von bis zu 120 Kilogramm. In Spiesen-Elversberg im Saarland entwendeten Diebe im Juni 2006 Sandsteinplatten, mit denen die Friedhofsmauer abgedeckt werden sollte, insgesamt 60 laufende Meter.

Seit die Preise für Kupfer und andere Buntmetalle in die Höhe geschossen sind, gehören auch Grabverzierungen aus Metall zum bevorzugten Diebesgut. So stahlen unbekannte Täter Anfang Oktober in Stralsund 42 Kupfertafeln von einer Kriegsgräberstätte. Die Tafeln mit den Namen der Verstorbenen waren erst 1998 angebracht worden. Ruhestätten Prominenter werden schon seit langem geplündert. So wurde der Grabstein von Schauspielerlegende James Dean in dessen Heimatstadt Fairmount 1998 bereits zum dritten Mal gestohlen.

Der grassierende Friedhofsklau hat offenbar auch mit einer gewandelten Einstellung zum Tod zu tun. Es habe früher eine «heilige Scheu» im Umgang mit Gräbern gegeben, erklärt Reiner Sörries, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal: «Es gab einmal die volkstümliche Vorstellung, dass Dinge auf einem Grab das Eigentum des Toten seien.» Doch von der Ehrfurcht vor der letzten Ruhestätte ist nicht mehr viel geblieben.

«Das Grab ist schon seit langem nicht mehr tabu», betont Zagar: «Friedhöfe sind nichts anderes als ein Spiegel unserer Gesellschaft.» Die zunehmende Verrohung spiegele sich auch hier wider. Obwohl Friedhofsverwalter den Diebstahl von Grabschmuck und anderem als Massenphänomen beschreiben, spielt der Friedhofsklau in der polizeilichen Kriminalstatistik bislang keine Rolle.

Hohe Dunkelziffer

In ganz Hessen etwa wurden 2005 lediglich 229 einfache Diebstähle auf Friedhöfen gemeldet, wie das Landeskriminalamt berichtet. Doch offenbar wird von den Bürgern nur ein Bruchteil der tatsächlichen Fälle zur Anzeige gebracht. «Niemand geht wegen eines gestohlenen Gestecks zur Polizei», erklärt Siegfried Schneider, Sprecher der Stadt Wiesbaden. «Die Dunkelziffer ist erheblich höher», heisst es auch beim Verband der Friedhofsverwalter.

Vielerorts hat inzwischen das Nachdenken begonnen, wie den Diebstählen begegnet werden kann. Denn wenn auch der materielle Wert von Grabschmuck oft gering ist; für die Angehörigen ist es jedes Mal ein Schock, wenn die Grabstätte eines Verstorbenen geplündert wurde. «Wir raten unseren Mitgliedern, auf jeden Fall zur Polizei zu gehen», sagt der Vorsitzende der Verbraucherinitiative für Bestattungskultur Aeternitas, Hermann Weber: «Sonst passiert ja nichts.»

In Wiesbaden erwägt die Stadt derzeit, auf die Geschädigten zuzugehen und die Hemmschwelle für Anzeigen zu senken. So plant das Friedhofsamt, bei den Friedhofsgärtnereien und Steinmetzen Formulare auszulegen, mit deren Hilfe die Bürger Diebstähle vor Ort ohne bürokratischen Aufwand dokumentieren können. «Die Leute müssen merken, dass wir uns darum kümmern», erklärt Abteilungsleiter Bäder: «Wenn ich die Fälle dokumentieren kann, muss die Polizei aktiv werden.» (dapd)

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