24.04.2018 03:52

Sprayereien in Zürich

«Graffiti-Sprüche waren früher lustiger»

Die einen sehen Graffitis als Kunst, die anderen als Vandalismus. In den 70er- und 80er-Jahren waren Schmierereien Ausdruck bewegter Jahre. Philipp Anz hat diese nun in Buchform verewigt.

von
mon
1 / 10
Über 700 Graffitis sind im Buch «Schmieren/Kleben» zu sehen.

Über 700 Graffitis sind im Buch «Schmieren/Kleben» zu sehen.

Stadtarchiv Zürich/ Edition Patrick Frey 2018
Zusammen mit dem Fotografen Jules Spinatsch und der Grafikerin Viola Zimmermann begann der Journalist und Autor Philipp Anz vor vier Jahren mit dem Projekt.

Zusammen mit dem Fotografen Jules Spinatsch und der Grafikerin Viola Zimmermann begann der Journalist und Autor Philipp Anz vor vier Jahren mit dem Projekt.

Stadtarchiv Zürich/ Edition Patrick Frey 2018
Dabei analysierten sie die Fotos, die das Kriminalkommissariat III (KKIII) – die Staatsschutz-Abteilung der Stadtpolizei Zürich – ab 1976 in einer Kartei «Schmieren/Kleben» anzulegen begann.

Dabei analysierten sie die Fotos, die das Kriminalkommissariat III (KKIII) – die Staatsschutz-Abteilung der Stadtpolizei Zürich – ab 1976 in einer Kartei «Schmieren/Kleben» anzulegen begann.

Stadtarchiv Zürich/ Edition Patrick Frey 2018

Nacktdemos, Strassenschlachten, Punks, Jugendunruhen und verschmierte Hauswände: Das war Zürich in den 70er- und 80er-Jahren. Journalist und Autor Philipp Anz verewigt nun zahlreiche Graffiti-Sprüche dieser bewegten Zeit im Buch «Schmieren/Kleben». Parolen wie «Schmieren ist schöööön», «Züri brännt» oder «leer, leerer, Mittelschuhllehrer» zeigen eine Graffiti-Art, die man heute so nicht mehr kennt.

2000 Schwarz-Weiss-Fotos

Zusammen mit dem Fotografen Jules Spinatsch und der Grafikerin Viola Zimmermann begann Anz vor vier Jahren mit dem Projekt. Sie präsentieren am 26. April nun 700 Polizeifotos von Schmierereien in Buchform. Diese Bilder legte das Kriminalkommissariat III (KKIII) – die Staatsschutz-Abteilung der Stadtpolizei Zürich – ab 1976 in der Kartei «Schmieren/Kleben» an.

Bis 1981 wurden so 2000 Schwarz-Weiss-Fotos gesammelt, die von den Polizisten im Einsatz fotografiert und unter dem Tatbestand der Sachbeschädigung erfasst wurden. Diese zeigen politische Parolen, Farbmalereien, gesprayte Sprüche oder illegale Kunstaktionen, unter anderem von Harald Naegeli. Naegeli begann 1977 Hauswände zu besprayen und wurde als «Sprayer von Zürich» bekannt. Innerhalb von zwei Jahren sprayte er mehrere hundert Strichfiguren – bis er auf frischer Tat ertappt wurde und sich 1981 vor Gericht verantworten musste.

«Mehr Lutschbonbons für Eisbären»

Naegeli war aber nicht der Einzige, der sich so Gehör verschaffen wollte: Zahlreiche Gruppierungen versuchten mit politischen Graffiti-Parolen wie «Mehr Freiheit weniger Freisinn» oder einfach nur lustigen Sprüchen wie «Mehr Lutschbonbons für Eisbären» oder «Beton macht immer no chrank» die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Leute sprayten, «was sie politisch und gesellschaftlich beschäftigte», so Anz. «So ist eine Bandbreite an unterschiedlichen Graffitis entstanden.»

Das Ende der Bildersammlung fand 1981 abrupt statt – die Karteikarten wurden jedoch bis 1989 weitergeführt. «Es lässt sich nicht mehr genau zurückverfolgen, warum es zum Stopp kam.» Beim Stadtarchiv Zürich vermutet man, dass es zu viele Sprayereien gab und die Beamten es nicht mehr schafften, alles fotografisch zu dokumentieren.

«Damals gab es noch keine Handys»

«Mir wurde auch gesagt, dass es recht aufwendig gewesen wäre – damals gab es halt noch keine Handys.» Im Zuge des Fichenskandals, der die Überwachung von politisch aktiven Bürgern durch den Schweizer Staatsschutz aufdeckte, kam es zur Überprüfung durch eine parlamentarische

Untersuchungskommission, wobei das KK III schliesslich

aufgelöst wurde.

«In diesen fünf Jahren ist dennoch eine Fülle an Material zusammengekommen», so Anz. Besonders ein Graffiti sei ihm in Erinnerung geblieben: «Ihr Pöstler! Lest nicht immer unsere Postkarten.» Er fände es witzig, weil es aus der heutigen Sicht absurd sei: «Heute schreibt kaum noch jemand Postkarten. Und was sollte daran schlimm sein, wenn der Pöstler Postkarten liest?»

Heute weniger politische Parolen

In der Zwischenzeit hätte sich aber die Art der Graffitis geändert – früher seien die Parolen politischer, lustiger und absurder gewesen: «Heute ist das weniger der Fall», so Anz. «Vielleicht noch rund um grössere Ereignisse, wie zum Beispiel dem 1. Mai.»

Die Mehrheit der heutigen Graffitis würden Tags, Fussballclub-Namen und Kleber ausmachen. Deshalb habe die Bildersammlung etwas Nostalgisches, so Anz: «Sie zeigt, wie sich die Stadt in den letzten Jahren verändert hat, und lässt einen in Erinnerungen schwelgen.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.