Wegen Schüler-Defiziten: Grammatik aus Berner Gymi-Prüfung gestrichen
Aktualisiert

Wegen Schüler-DefizitenGrammatik aus Berner Gymi-Prüfung gestrichen

Weil die Grammatik die Schüler vor zu grosse Hürden stellt, wurde ein Teil der Aufnahmeprüfung Französisch entfernt. Ausbaden müssen es wohl die Gymnasiallehrer.

von
Simon Ulrich
Trotz Frühfranzösisch: Die Schülerinnen und Schüler können nach der Volksschule grammatikalisch nicht auftrumpfen.

Trotz Frühfranzösisch: Die Schülerinnen und Schüler können nach der Volksschule grammatikalisch nicht auftrumpfen.

Keystone/Gaetan Bally

Achtklässlerinnen und Achtklässler, die ins Gymnasium wollen, von ihren Seklehrern jedoch keine Empfehlung erhalten haben, büffeln derzeit für die Aufnahmeprüfung im März. Was viele von ihnen freuen dürfte: Der Französisch-Bogen enthält keinen Grammatikteil mehr, wie die «Berner Zeitung» berichtet. Der Grund ist weniger zum Lachen: Satzbau und Verben-Konjugation stellen die Schüler vor zu grosse Probleme.

Und das trotz Frühfranzösisch. Bei den diesjährigen Gymi-Anwärtern handelt es sich um den ersten Jahrgang, der bereits seit der dritten Klasse die romanische Sprache lernt. Gemäss der neuen Sprachdidaktik pauken die Schüler seither nicht mehr vorwiegend Grammatik, sondern erkunden die Sprache spielerisch – «Sprachbad» nennt sich das im Bildungsjargon.

Mehr Mut beim Sprechen

Entsprechend habe man die Aufnahmeprüfung anpassen müssen. «Wir können nichts prüfen, was vorher nicht so unterrichtet wurde», sagt Mario Battaglia, Vorsteher des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamts gegenüber der Zeitung.

Unter Französisch-Lehrkräften an den Berner Gymnasien geht deshalb die Befürchtung um, man müsse ausbügeln, was die Volksschule versäumt hat: Die Struktur der Sprache zu vermitteln. Schliesslich müssten die Schüler bei der Matura nach wie vor das Niveau B2/C1 erreichen, wie Roger Hiltbrunner, Präsident der kantonalen Fachschaft Französisch, sagt. «Das haben die pädagogischen Hochschulen und die Universitäten klargemacht.»

Zu früh zum Urteilen

Battaglia betont jedoch, dass die Sprachbeherrschung der Schüler nicht schlechter geworden sei, sondern sich lediglich innerhalb der verschiedenen Kompetenzen verlagert habe. «Anscheinend haben die Jugendlichen mehr Mut beim Sprechen und sind flexibler beim Verstehen geschriebener Texte. Beim Schreiben hingegen und im Hörverstehen bestehen möglicherweise Defizite.»

Laut Franziska Schwab, Co-Leiterin Pädagogik Bildung Bern, werden die grammatischen Regeln mit dem neuen Lehrmittel nicht mehr isoliert, sondern integrativ anhand von Texten gelernt. «Ziel ist es, auf diese Weise die Freude der Schüler an der schwierigen französischen Sprache zu wecken», sagt sie gegenüber 20 Minuten. Schwab weist zudem darauf hin, dass es jetzt noch zu früh sei, um über die neue Didaktik zu urteilen. «Ob sie sich bewährt hat, können wir erst nach ein paar Generationen sagen.»

Andere Anforderungen

Anstatt Verben zu konjugieren und Zeitformen einzusetzen, haben die Schüler bei der Aufnahmeprüfung neu einen mündlichen Teil zu absolvieren. Dabei müssen sie ein Bild beschreiben oder über einen Text sprechen und ihre Gedanken dazu zum Ausdruck bringen. Ausserdem sind laut Battaglia die Texte, zu denen die Prüflinge schriftliche Fragen beantworten müssen, komplexer. «Es gelten neu einfach andere Anforderungen, damit man ans Gymnasium gelangt».

Deine Meinung