Aktualisiert 23.09.2011 11:16

Europas höchste StaumauerGrande Dixence wird 50

Hoch in den Walliser Alpen riegelt eine gewaltige Staumauer den Lac des Dix ab. Vor 50 Jahren wurde das 285 Meter hohe Bauwerk in Betrieb genommen.

von
Daniel Huber

Es ist ein Bauwerk der Superlative: Am südlichen Ende des Walliser Val d'Hérémence erhebt sich ein Sperrriegel aus Beton, 15 Millionen Tonnen schwer, mehr als doppelt so hoch wie der Prime Tower in Zürich – Grande Dixence, die höchste Gewichtsstaumauer der Welt (siehe Infobox).

Vor 50 Jahren, am 22. September 1961, wurde der letzte Kübel Beton verbaut - drei Jahre früher als geplant. Die Offiziellen feiern das heute; für die Öffentlichkeit findet am Samstag ein Tag der offenen Tür statt – unter anderem mit einer Ausstellung am Fusse des Staudamms zu seiner Entstehungsgeschichte sowie mit Besichtigungsmöglichkeiten im Innern des Staudamms.

Super-Dixence gegen den Energiehunger

Vor dem Bau der mächtigen Talsperre existierte bereits eine ältere Pfeilerstaumauer. Sie war von der Energie de l'Ouest-Suisse (EOS) zwischen 1929 und 1935 erbaut worden; ihre Reste liegen heute unter den Fluten des Lac des Dix. Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Energiehunger stetig anstieg, reifte der Plan für eine Super-Dixence.

1951 wurde mit dem Bau der heutigen Mauer begonnen. Die Bauarbeiten für den ganzen Kraftwerkkomplex Grande Dixence dauerten insgesamt 15 Jahre, bereits nach zehn Jahren konnte jedoch das Kraftwerk in Betrieb genommen werden. Mehr als 3000 Bauarbeiter, Geologen, Hydrologen, Ingenieure und Führer arbeiteten unter schwierigen Bedingungen auf rund 2400 Metern Höhe, um dieses gigantische Bauwerk zu erstellen. Dabei kam es auch zu tödlichen Unfällen.

Um die Arbeiter unterzubringen, baute man ein grosses Gebäude, dem die Männer den Übernahmen «Le Ritz» gaben. Heute ist das «Ritz» ein Restaurant und ein Hotel. Gegen 10 000 Leute besuchen heutzutage zwischen Juni und September das Gebiet rund um den Stausee.

Staumauer der Rekorde

Die gigantische Staumauer übt auch heute noch grosse Faszination auf ihre Besucher aus. An der Basis ist sie beeindruckende 198 Meter dick – zwei Mal die Länge eines Fussballplatzes –, auf der Krone sind es noch 15 Meter. Das Bauwerk ist schwerer als die Cheops-Pyramide – mit den sechs Millionen Kubikmetern Beton, aus denen es besteht, liesse sich eine 1,5 Meter hohe und zehn Zentimeter breite Mauer rund um den Äquator bauen.

Im Inneren der Mauer ist ein Labyrinth von insgesamt 32 Kilometer langen Stollen angelegt, die der Wartung und Kontrolle des Bauwerks dienen. Die 695 Meter lange Mauerkrone liegt auf 2365 Meter über Meer. Hinter ihr stauen sich die Wassermassen der Dixence und bilden den Lac des Dix, einen 3,65 Quadratkilometer grossen Stausee. Wenn der 5,3 Kilometer lange und 227 Meter tiefe See voll ist, drückt er die Krone um maximal elf Zentimeter talwärts. Sein Stauvolumen von 400 Millionen Kubikmetern entspricht einem Fünftel der gesamten in der Schweiz speicherbaren elektrischen Energie.

Vier Pumpstationen versorgen den Kraftwerkkomplex Grande Dixence über ein 100 Kilometer langes Netzwerk von Stollen mit Wasser von 35 Walliser Gletschern. Das Einzugsgebiet erstreckt sich über 420 Quadratkilometer. Produktionszentralen in Fionnay, Nendaz, Bieudron und Chandoline erzeugen durchschnittlich zwei Milliarden Kilowattstunden pro Jahr, was dem mittleren Verbrauch von 400 000 Haushalten entspricht. Der gesamte Komplex ist an der Elektrizitätsversorgung von 18 Kantonen beteiligt.

Geborstene Druckleitung

Um die gespeicherten Wassermassen besser zu nutzen, wurden in den Neunzigerjahren neue Stollen und das neue Kraftwerk Bieudron angelegt. Damit stieg die Leistung der gesamten Anlage von 800 auf 2000 Megawatt, ungefähr die doppelte Leistung eines Atomkraftwerks. Ein Jahr nach der Fertigstellung dieser Erweiterung kam es am 12. Dezember 2000 zu einem schweren Unfall: Die Druckleitung, die das Wasser von der Staumauer Grande Dixence zum Kraftwerk Bieudron leitet, riss auf einer Länge von mehreren Metern auf; 27 000 Kubikmeter Wasser schossen ins Tal und lösten einen Erdrutsch aus. Mehrere Gebäude wurden weggerissen, 100 Hektar Wald und Nutzfläche wurden verwüstet. Drei Menschen kamen ums Leben. Das Kraftwerk Bieudron konnte erst im Januar 2010 wieder in Betrieb genommen werden.

Die zerstörerische Gewalt der Wassermassen, die sich nur schon bei diesem begrenzten Unglück zeigte, lässt erahnen, was bei einem Bruch der Dixence-Staumauer geschehen würde. Die Wassermassen des Lac des Dix – zweimal das Volumen des Hallwilersees – würden als gewaltige Flutwelle zu Tale stürzen; beim Walliser Kantonshauptort Sitten wäre die Wasserwalze noch 35 Meter hoch. Der Strom, der sich Stunden später in den Genfersee ergiessen würde, wäre fünf Kilometer breit.

Noch immer intakt

Damit dieses Horrorszenario niemals Wirklichkeit wird, überwachen Kontrolleure und Messinstrumente das Bauwerk. Sieben fest installierte Pendel zeigen Bewegungen der Mauer an, Seismographen registrieren Erschütterungen. Über das ganze Zuleitungsnetz sind 400 Messpunkte verteilt, deren Daten in Echtzeit an das Wasserbewirtschaftungszentrum in Sitten übermittelt werden.

Obwohl Grande Dixence nun schon 50 Jahre alt ist, wurde noch nie ein Schaden an der Staumauer festgestellt. Die Anlage gilt ohnehin noch nicht als «alt»: Zur Amortisierung wurde die Zeitspanne von zwei Jahrhunderten veranschlagt. Die Mauer muss also noch ein Weilchen stehen bleiben.

Videos: Impressionen von der Grande Dixence

(Quelle: YouTube)

Mit Material der Agentur sda

Talsperren

Die Mauer von Grande Dixence war nach ihrer Fertigstellung mit 285 Metern die höchste Talsperre der Welt. Diesen Rang verlor sie 1980 an den Nurek-Staudamm im heutigen Tadschikistan, der es auf 300 Meter bringt. Dieser Staudamm ist allerdings ein Erdschüttdamm; Grande Dixence ist nach wie vor die grösste Gewichtsstaumauer der Welt und die höchste Talsperre in Europa.

Es werden drei Typen von Talsperren unterschieden:

Gewichtsstaumauer

Gewichtsstaumauern bestehen aus Beton oder Mauerwerk und bleiben durch ihr enormes Eigengewicht stabil. Diese Mauern haben ein nahezu dreieckiges Profil mit einer breiten Basis, wobei die Wasserseite beinahe gerade ist.

Erdschüttdamm

Solche Dämme bestehen aus einem Stützkörper und einem wasserdichten Kern in ihrem Inneren. Der Stützkörper wird aus Steinschotter, Kies, Sand oder Erde aufgeschüttet; der Kern ist aus Lehm oder Beton.

Bogenstaumauer

Bei solchen Staumauern, die grundsätzlich aus Beton bestehen, wird der Wasserdruck durch die horizontal und vertikal gebogene Wand auf die Talflanken gelenkt.(Quelle: Wikipedia)

Grande Dixence im Archiv

Schweizer Filmwochenschau (20.11.1959):

Westschweizer Fernsehen (17.10.1960):

Besitzverhältnisse

Die Energie de l'Ouest-Suisse (EOS), die das Vorläuferkraftwerk betrieben hatte, holte sich für die Finanzierung des ambitiösen Projekts Partner aus der Deutschschweiz ins Boot: die Bernischen Kraftwerke, die Nordostschweizerischen Kraftwerke und den Kanton Basel-Stadt. Für die Aufstellung der Ausführungspläne, die Projektdurchführung und den Betrieb des neuen Kraftwerkkomplexes wurde 1950 die Grande Dixence S.A. gegründet.

Heute wird das Unternehmen Grande Dixence S.A. zu 60 Prozent von Alpiq kontrolliert. Die Axpo, die Forces Motrices de la Borgne SA sowie die Industriellen Werke Basel teilen sich die restlichen 40 Prozent.

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