Verkehrswende: Gratis Busfahren – nach Kreuzlingen bald auch in der ganzen Ostschweiz?

Publiziert

VerkehrswendeGratis Busfahren – nach Kreuzlingen bald auch in der ganzen Ostschweiz?

Geht es nach dem Kreuzlinger Stadtparlament, dürfte Busfahren auf dem Stadtgebiet schon bald kostenlos werden. Kreuzlingen könnte eine Vorreiterrolle beim kostenlosen ÖV einnehmen. 

von
Philipp Bürkler
Ein Kreuzlinger Stadtbus am Bärenplatz unterwegs Richtung Schwimmbad. Geht es nach einer Mehrheit des Kreuzlinger Stadtparlaments, dürfte die Billettpflicht auf dem Stadtgebiet schon bald wegfallen.

Ein Kreuzlinger Stadtbus am Bärenplatz unterwegs Richtung Schwimmbad. Geht es nach einer Mehrheit des Kreuzlinger Stadtparlaments, dürfte die Billettpflicht auf dem Stadtgebiet schon bald wegfallen.

Wikipedia/CC BY-SA 4.0 / Joachim Kohler

Einfach in einen Bus einsteigen, ohne ein Ticket zu kaufen? Ganz legal, ohne Angst haben zu müssen, erwischt zu werden? In Luxemburg ist das seit Frühling 2020 landesweit Realität, in der estnischen Hauptstadt Tallinn sogar bereits seit 2013. Wer dort mit dem ÖV unterwegs ist, braucht kein Ticket mehr zu lösen. Die Idee dahinter: Menschen sollen so vermehrt vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. 

Und in der Schweiz? In der Schweiz hatten solche Bestrebungen bisher keine Chance. Zu teuer, zu ungerecht für Autofahrer und zu wenig wirksam bezüglich Umstieg vom Auto auf den ÖV, lauten die Gegenargumente. In der Stadt St. Gallen verlangte letztmals 2012 eine Initiative, alle unter 25-Jährigen von der Billettpflicht zu befreien. Die Initiative wurde vom Stimmvolk mit über 80 Prozent Nein deutlich abgeschmettert.

Mehr zeitlich begrenzte Experimente wagen

Einen neuen Anlauf gibt es nun in Kreuzlingen. Dort hat eine Mehrheit des Stadtparlaments vor wenigen Tagen für die Einführung von Gratis-Bussen gestimmt. Wie genau das Angebot aussehen soll und wer es finanziert, ist allerdings noch nicht entschieden. Dennoch: Wird Kreuzlingen zum Vorreiter für ein kostenloses ÖV-Angebot in der Schweiz? Werden Bus- und Zugfahren bald auch in St. Gallen oder im Rheintal kostenlos?

Eine interessante Idee ist Gratis-ÖV für Peter Olibet, Co-Präsident der SP Stadt St. Gallen. «Wir werden den Entscheid in Kreuzlingen sicher genau beobachten und eventuell in St. Gallen einen eigenen Vorstoss einreichen.» Allerdings sei es schwierig, solche Vorhaben regional umzusetzen, es brauche vielmehr eine gesamtschweizerische Lösung. Olibet rät auch zu mehr Mut zum Experiment: «Das 9-Euro-Ticket in Deutschland zeigt, dass es auch möglich ist, kurzfristig etwas auszuprobieren. Solche temporären Angebote könnten wir auch bei uns testen.»

Ein zeitlich begrenztes Experiment kann sich auch Jacqueline Gasse-Beck, Fraktionspräsidentin der Grünliberalen im Stadtparlament St. Gallen, vorstellen. Beispielsweise einen Gratis-Bus auf Zeit für Pendler. «Es wäre interessant zu wissen, welchen Effekt eine Take-The-Bus-To-Work-Aktion hätte.» Dauerhaft kostenlosen ÖV sieht sie kritisch: «2012 wurde berechnet, dass ein kostenloses ÖV-Angebot für Menschen unter 25 die Stadt St. Gallen jährlich sieben Millionen Franken kosten würde.» Das sei auf die Dauer zu teuer, so Gasse-Beck. Die Stadt Kreuzlingen rechnet mit jährlichen Kosten von rund fünf Millionen Franken, die der Gratis-Bus verursachen würde.

Ausbau der S-Bahn vorerst wohl realistischer

Völlig illusorisch erachtet der St. Galler Kantonsrat Walter Locher von der FDP ein kostenloses ÖV-Angebot. «Irgendwer muss es bezahlen. Wenn nicht die Benutzerinnen und Benutzer, dann alle zusammen mit den Steuern», so Locher. Davon betroffen wären auch Leute, die nie mit dem ÖV unterwegs sind. Wichtig sei eine Kostenwahrheit, jeder soll das zahlen, was er oder sie benutzt. «Wir würden ein kostenloses Angebot im Kanton St. Gallen bestimmt bekämpfen.»

Realistischer als ein kostenloses ÖV-Angebot scheint in der Ostschweiz zurzeit wohl eher ein Ausbau des S-Bahnnetzes sowie ein dichterer Fahrplan. In der Region St. Gallen gibt es – im Gegensatz zu anderen Schweizer Städten – nämlich noch immer keine regelmässig verkehrende S-Bahn.

Sollten öffentliche Verkehrsmittel in der Schweiz kostenlos sein?

Etwas gesehen, etwas gehört?

Schick uns deinen News-Input!

Speichere unseren Kontakt im Messenger deiner Wahl und sende spannende Videos, Fotos und Dokumente schnell und unkompliziert an die 20-Minuten-Redaktion.

Handelt es sich um einen Unfall oder ein anderes Unglück, dann alarmiere bitte zuerst die Rettungskräfte.

Die Verwendung deiner Beiträge durch 20 Minuten ist in unseren AGB geregelt: 20min.ch/agb


Deine Meinung

72 Kommentare