Zweite Corona-Welle: Gratis-Grippeimpfung soll Virus-Krise im Herbst verhindern
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Zweite Corona-WelleGratis-Grippeimpfung soll Virus-Krise im Herbst verhindern

Die EU ruft zu Grippeimpfungen schon im Sommer auf – weil im Herbst gleichzeitig eine zweite Corona-Welle droht. Auch die Schweiz sorgt vor.

von
Pascal Michel
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Die EU-Kommission fordert die Länder auf, Grippeimpfungen auf den Sommer vorzuverlegen und mehr Impfdosen zu kaufen.

Die EU-Kommission fordert die Länder auf, Grippeimpfungen auf den Sommer vorzuverlegen und mehr Impfdosen zu kaufen.

Keystone
Das Thema beschäftigt auch die Schweizer Politik. Für CVP-Nationalrat Philipp Bregy ist klar: «Auch der Bundesrat muss sofort handeln und die Grippeimpfungen so schnell wie möglich vorantreiben – gleich nach den Sommerferien.»

Das Thema beschäftigt auch die Schweizer Politik. Für CVP-Nationalrat Philipp Bregy ist klar: «Auch der Bundesrat muss sofort handeln und die Grippeimpfungen so schnell wie möglich vorantreiben – gleich nach den Sommerferien.»

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Einerseits brauche es möglichst rasch eine Kampagnenoffensive, um eine hohe Durchimpfung bis im Herbst zu erreichen.

Einerseits brauche es möglichst rasch eine Kampagnenoffensive, um eine hohe Durchimpfung bis im Herbst zu erreichen.

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Darum gehts

  • Die EU-Kommission ruft dazu auf, die Grippeimpfung vorzuziehen.
  • Das soll ein Zusammentreffen von Influenza und Corona im Herbst verhindern.
  • CVP-Politiker Philipp Bregy fordert Gratis-Impfdosen für die Schweiz.
  • Das BAG will mehr Grippeimpfstoff beschaffen.
  • Kritisch sieht eine Impfoffensive Yvette Estermann (SVP).

Dieses Jahr könnte die saisonale Grippe mit einer zweiten Welle der Corona-Pandemie zusammenfallen. Die Influenza, die jeweils im Oktober an Fahrt aufnimmt, beschert Ärzten und Spitälern jeweils erheblichen Aufwand. Die Europäische Kommission drängt deshalb ihre Mitgliedsländer darauf, die diesjährige Grippeimpfkampagne bereits jetzt zu starten, um das Risiko eines gleichzeitigen Ausbruchs von Grippe und Covid-19 im Herbst zu verringern.

Die Kommission fordert die EU-Staaten auf, Grippeimpfungen auf den Sommer vorzuverlegen und mehr Impfdosen zu kaufen. «Gleichzeitige Ausbrüche der saisonalen Grippe und Covid-19 würden die Gesundheitssysteme erheblich belasten», so die Kommission.

Politik fordert Impfoffensive

Das Thema beschäftigt auch die Schweizer Politik. Für CVP-Nationalrat Philipp Bregy ist klar: «Auch der Bundesrat muss sofort handeln und die Grippeimpfungen so schnell wie möglich vorantreiben – gleich nach den Sommerferien.» Einerseits brauche es möglichst rasch eine Kampagnenoffensive, um eine hohe Durchimpfung bis im Herbst zu erreichen. «Andererseits muss die Grippeimpfung zumindest dieses Jahr für alle gratis sein», fordert Bregy. «So kann man den Impfgegnern den Wind aus den Segeln nehmen, indem man sagt: Es gibt keine Pflicht, aber alle, die sich impfen wollen, können dies gratis tun.»

Bregy betont, dass die Influenza zu jährlich 275’000 Arztkonsultationen und mehreren Tausend Hospitalisationen führt. «Das können wir uns in Corona-Zeiten nicht leisten.» Laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) lag die beste Zeit für die Grippeimpfung in einem normalen Jahr zwischen Mitte Oktober und Mitte November.

BAG will zusätzliche Impfdosen beschaffen

Auch das Bundesamt für Gesundheit rüstet auf: Es will statt wie bisher 1,2 Millionen Dosen pro Jahr doppelt so viel beschaffen, wie die NZZ berichtete. So sollen 25 Prozent der Bevölkerung gegen die Grippe geimpft werden – bisher waren es 13 bis 15 Prozent. Auf Anfrage sagt BAG-Sprecher Yann Hulmann: «Der Bund steht in Kontakt mit Herstellern, um zusätzliche Dosen für die Schweiz zu sichern.»

Die Empfehlungen für dieses Jahr blieben unverändert: «Die Grippeschutzimpfung wird Personen mit erhöhtem Grippekomplikationsrisiko, Gesundheitsfachpersonen und anderen Personen empfohlen, die mit Menschen mit erhöhtem Risiko für Grippekomplikationen arbeiten oder in Kontakt mit ihnen leben.»

«Weiteres Element in der Corona-Bekämpfung»

Epidemiologe Marcel Tanner von der wissenschaftlichen Corona-Taskforce des Bundes begrüsst rasche Anstrengungen bei der Grippeimpfung. «Je früher wir die Grippeimpfungen intensivieren, desto mehr hilft es, Grippefälle und Corona-Fälle auseinanderzuhalten.»

Er betont, dass der Bund dazu bereits eine Strategie entwickle. «Besonders für Risikopatienten und das Pflegepersonal ist gerade dieses Jahr eine Grippeimpfung wichtig», sagt Tanner. Zentral sei, dass die Kampagne nicht aggressiv daherkomme. «Wir müssen aufklären, dass die Grippeimpfung ein weiteres Element in der gesamten Strategie der Coronavirus-Bekämpfung ist.»

Zweifel an Wirksamkeit

SVP-Nationalrätin Yvette Estermann sieht hingegen eine Offensive für die Grippeimpfung kritisch. «Das ist nicht die Lösung, um ein Zusammentreffen von Grippe und Corona im Herbst zu verhindern», sagt sie. Denn die Wirkung der Grippeimpfung liege je nach Schätzung auch bei Gesunden zwischen 20 und 80 Prozent. Estermann sagt, wirksamer und mit weniger Risiko behaftet sei der Aufbau einer guten Immunabwehr durch gesunde Ernährung, viel Sport und wenig Stress.

Sie ist zudem überzeugt: «Eine zweite Corona-Welle bekämpfen wir statt mit viel Steuergeld für die Pharmaindustrie besser mit den bisher getroffenen Massnahmen: Hygiene, Abstandhalten und Maskentragen.» Die Behörden müssten bei einer allfälligen Kampagne – sei es für die Grippe- wie auch irgendwann für eine Corona-Impfung – auch berücksichtigen, dass die Bevölkerung durch die aktuelle Pandemie auf mögliche negative Aspekte bei der Impffrage sensibilisiert worden sei. «Ich erhalte sehr viele besorgte Rückmeldungen. Der Bund muss das ernst nehmen und sich zurückhalten.»

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