Krise in EU: Gratis Interrail-Ticket für alle Teenager
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Krise in EUGratis Interrail-Ticket für alle Teenager

Jugendliche sollen Europa erleben, findet ein EU-Parlamentarier. Die EU soll deshalb allen Bürgern zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket schenken.

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vbi
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Alle EU-Bürger sollen zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket bekommen, damit sie Europa kennen lernen können.

Alle EU-Bürger sollen zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket bekommen, damit sie Europa kennen lernen können.

Andrzej Grygiel
Manfred Weber ist Fraktionschef der Europäischen Volkspartei. Er brachte die Idee vom Gratis-Interrail-Ticket im Europäischen Parlament ein.

Manfred Weber ist Fraktionschef der Europäischen Volkspartei. Er brachte die Idee vom Gratis-Interrail-Ticket im Europäischen Parlament ein.

epa/Etienne Laurent
Der italienische Premierminister Matteo Renzi unterstützt die Idee. Etwas ähnliches will er auch für die Jugendlichen in Italien machen.

Der italienische Premierminister Matteo Renzi unterstützt die Idee. Etwas ähnliches will er auch für die Jugendlichen in Italien machen.

epa/Jason Szenes

Dass die EU schwere Zeiten durchlebt, ist bekannt. Zuletzt hatte der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker von einer «existentiellen Krise» der EU gesprochen. Und der letzte Eurobarometer zeigt, dass vermehrt auch Jugendliche an der EU zweifeln.

Für die Politiker des EU-Parlaments ist deshalb klar, neue Ideen müssen her. Etwa die von Manfred Weber. Der Deutsche ist Fraktionschef der Europäischen Volkspartei im Parlament in Brüssel und fragte bei einer Sitzung letzte Woche: «Wie wäre es, wenn wir jedem Jugendlichen zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket schenken, damit er Europa erleben darf?»

Mit einem Interrail-Ticket kann man beispielsweise für 390 Franken fünfzehn Tage durch 30 Länder auf dem Kontinent fahren.

«Finde die Idee sehr sympathisch»

Der Vorschlag von Weber findet Anklang. Der italienische Premierminister Matteo Renzi findet ihn sehr gut. Auch der Vizepräsident des Europaparlament, Alexander Graf Lambsdorff, sagte zur «Welt»: «Machen!»

«Ich finde die Idee für ein Gratis-Interrail-Ticket sehr sympathisch. Fast jeder in Europa erinnert sich doch an eine oder mehrere besondere Bahnfahrten in seinem Leben», so der FDP-Politiker.

«Gut gemeint, aber schlecht durchdacht»

Skeptischer ist der EU-Kenner Gilbert Casasus. Gegenüber 20 Minuten sagt er: «Der Aufhänger eines Gratis-Tickets wird die Euroskepsis der Jugend kaum mildern. Diese braucht keine Europareise umsonst, sondern ein für ihre eigene Zukunft vorteilhaftes Europa.»

Europa sollte der alltäglichen Lebensgestaltung aller Jugendlichen in Europa dienen und den Schwerpunkt auf die Erziehung, die Bildung, die Weiterbildung und den Austausch legen, findet Casasus, «der Vorschlag des EU-Abgeordneten Manfred Weber gehört zur Abteilung ‹gut gemeint, aber schlecht durchdacht›».

«Es stehen sinnvollere Ideen auf der Agenda»

Gemäss der «Washington Post» stufen einige Kritiker Webers Vorschlag gar als zynisch ein. In Griechenland beispielsweise sei fast jeder zweite Jugendliche arbeitslos. Eine Reise durch Europa könnten sie sich auch mit einem kostenlosen Zugticket nicht leisten.

Das sieht der EU-Experte Casasus ähnlich. Es stünden bereits sinnvollere Ideen auf der europäischen Agenda, welche die europäische Integration der Jugendlichen beschleunigen würde. «Insbesondere Jugendliche, die von der Arbeitslosigkeit bedroht sind.»

So etwa ein «Erasmus für Maturanden und Berufsschüler». Dabei würden Schul- und Berufsabschlüsse auf europäischer Ebene gegenseitig anerkannt. «Die damit geschaffene Gewinnorientierung des Arbeitsmarktes für Azubis und junge Arbeitnehmer dürfte sich dementsprechend überall positiv auswirken, sowohl für die Jugendlichen Europas als auch für ein berufsfreundliches und bürgernahes Europa», so Casasus.

Kosten von über einer Milliarde Euro seien kein Problem

Wie die Interrail-Tickets finanziert werden könnten, ist bis jetzt noch ungeklärt. Letztes Jahr wurden laut der EU-Statistikbehörde rund 5,4 Millionen EU-Bürger 18 Jahre alt. Allen ein Ticket zu geben, hätte die EU zwei Milliarden gekostet.

Das sei aus dem EU-Haushalt zu finanzieren, sagte Lambsdorff. «Ich glaube, dass das mit etwas Ernsthaftigkeit etwas werden könnte.»

Waren Sie selbst schon mit Interrail in Europa unterwegs? Schildern Sie uns in wenigen Sätzen ihre besten und/oder schlimmsten Erlebnisse auf feedback@20minuten.ch.

Gilbert Casasus ist Direktor des Zentrums für Europastudien an der Universität Freiburg.

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