Obdachlose: Gratisbetten für Auswärtige in New York
Aktualisiert

ObdachloseGratisbetten für Auswärtige in New York

Fast ein Viertel der Obdachlosen in New York kommt von auswärts. Profiteure nutzen das grotesk grosszügige System aus: Die Stadt muss jedem ein Dach über dem Kopf geben - noch am gleichen Tag.

von
Martin Suter
In New York herrscht ein echtes Obdachlosenproblem. Die meisten Opfer sind alleinstehende Mütter mit Kindern.

In New York herrscht ein echtes Obdachlosenproblem. Die meisten Opfer sind alleinstehende Mütter mit Kindern.

Hotelzimmer sind teuer in New York City, man kriegt sie kaum unter 200 Dollar pro Nacht. Doch Besucher können kostenfrei nächtigen, wenn sie sich mit den Betten in Obdachlosenheimen zufrieden geben. Nach geltender Regelung muss die grösste US-Metropole jedermann, der das fordert, noch am gleichen Tag ein Dach über dem Kopf zur Verfügung stellen. Kein Wunder, hat die Zahl der Benützer von Obdachlosenheimen den Rekordstand von fast 50'000 erreicht.

Ein Nutzniesser der Grosszügigkeit, die der Stadt pro Person 3000 Dollar im Monat kostet, ist der 25-jährige Pole Michal Jablonowski. Die Zeitung «New York Post» hat den schmächtigen Twen in einem «Shelter» an der Bowery ausgemacht und befragt. «Ich habe Essen, ich habe Gesundheitsversorgung - es ist grossartig», freute sich der Mann. «Hier unterstützt dich die Stadt. Die Stadt hilft dir bei allem.»

Jablonowski war schon früher einmal in New York, kehrte dann aber nach Polen zurück. Vor drei Jahren trekkte er wieder in die Neue Welt, wo für ihn das Leben angenehmer, weil billiger, ist. Er habe von Medicaid, dem Gesundheitsdienst für die Armen, sogar ein Handy erhalten, inklusive 1000 SMS und 300 Gratisminuten pro Monat, sagt er. «Jetzt werde ich meine Zähne flicken lassen.»

«4-Sterne»-Obdachlosenunterkunft

Der polnische Profiteur ist bemerkenswert offenherzig mit seinem Lob für all den Service. «Die Heime sind wirklich nett», sagt er. «Man hat saubere Laken, man kann TV gucken und in der Wärme bleiben.» Jablonowski spricht für sich selbst, wenn er sagt: «Obdachlose haben es so gut, dass sie sich nicht um einen Job bemühen.»

Der Pole ist nicht allein: Fast jeder vierte Alleinstehende «Homeless» stammt nicht aus New York. Die «Post» fand einen William Sullivan aus Los Angeles, der die Obdachlosenunterkunft als «vier Sternen würdig» bezeichnet. Einer Amy Kaufman aus Michigan gefällt es in New York, weil die «Unterkunftssituation besser ist» als bei ihr zu Hause. Ein Steve Rios gibt zu Protokoll, der Überlebenskampf in Florida sei «viel härter».

Die Zeitungsstory war Wasser auf die Mühlen von Michael Bloomberg. New Yorks Bürgermeister hatte Anfang März gesagt: «Du kannst mit deinem Privatjet auf dem Kennedy-Airport landen, eine Limousine nehmen, zur Obdachlosenaufnahme fahren, und wir müssen dich beherbergen.» Am Montag doppelte Bloomberg nach. «Als wir das sagten, behaupteten manche, es sei lachhaft.» Wirklich lachhaft sei aber ein System, das Menschen aus dem ganzen Land und aus Übersee einlade, es so auszunutzen.

Gerichtlich verordnete Grosszügigkeit

Die amtliche Grosszügigkeit wurde vor drei Jahrzehnten in der Folge einer Gerichtsklage verordnet. Weder der Bürgermeister, noch der Vorsteher der Obdachlosendienste kann daran etwas ändern. Vor rund anderthalb Jahren gab die Stadt eine neue Regelung aus, wonach alleinstehende Obdachsuchende abgewiesen werden dürfen, wenn sie bei Verwandten oder Freunden unterkommen können. Doch eine Rechtshilfeorganisation klagte dagegen und hatte in einer ersten Gerichtsinstanz damit Erfolg.

Die extremen Fälle täuschen allerdings nicht darüber hinweg, dass in New York ein echtes Obdachlosenproblem herrscht. Die meisten Opfer sind alleinstehende Mütter mit Kindern.

Von den derzeit gut 48'000 Benutzern von Obdachlosenbetten sind nur etwa 10'000 Alleinstehende. Den grösseren Teil machen rund 10'000 Familien mit 21'000 Kindern aus, die auf dem angespannten, überteuerten Wohnungsmarkt der Stadt keine Bleibe finden.

Obdachlosenrate enorm gestiegen

Eine Interessenorganisation der Obdachlosen wies im März dem Staat New York eine wesentliche Mitschuld an der Misere zu. Dessen Regierung habe aus Spargründen ein Programm zur Subventionierung von Wohnungsmieten auslaufen lassen, sagt die «Coalition for the Homeless». Sie kritisiert den Bürgermeister, sich nicht um das Geld bemüht zu haben.

Bloomberg, während dessen drei Amtszeiten die Obdachlosenzahlen um 61 Prozent in die Höhe schnellten, weist zwar jede Schuld von sich. Doch wenn der mächtige Stadtobere Ende Jahr zurücktritt, wird ihm die «Homeless»-Statistik kein gutes Zeugnis ausstellen.

Deine Meinung