Freigesprochen: Greis war (wohl) nicht der Vergewaltiger
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FreigesprochenGreis war (wohl) nicht der Vergewaltiger

Ein 87-jähriger Schweizer ist vom Kreisgericht Bern-Laupen vom Vorwurf der Vergewaltigung und sexueller Handlung mit einem Kind sowie Schändung und eventueller sexueller Nötigung freigesprochen worden. Das Gericht entschied «in dubio pro reo».

Die heute 17-jährige Urenkelin hatte ausgesagt, der damals 75-jährige Angeklagte habe im April 1997 in seinem Haus in Neuenegg (BE) die Abwesenheit weiterer Familienmitglieder ausgenützt und sie vergewaltigt. Jedoch habe erst die Erzählung einer Schulkollegin, die als Kind vergewaltigt wurde, im Januar 2007 in ihr einen Film ihrer eigenen Vergewaltigung hervorgerufen.

Der Angeklagte beteuerte indessen vor Gericht seine Unschuld und sein Anwalt wies auf mehrere Ungereimtheiten in der Aussage der Urenkelin hin. Er vermutete, dass sich das Mädchen die aufgeschnappte Vergewaltigungsgeschichte der Schulkollegin zu eigen gemacht habe, um mehr Aufmerksamkeit zu erlangen. Zudem sei der Angeklagte wegen seiner Zuckerkrankheit zum Tatzeitpunkt vermutlich bereits impotent gewesen. Die Verteidigung hatte deshalb am Donnerstag auf Freispruch plädiert und eine Genugtuung in mindestens symbolischer Höhe gefordert.

Dieser Forderung kam das Gericht am Freitag weitgehend nach. Es beschloss im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden und den 87-Jährigen freizusprechen. Das Honorar seines Anwalts und die Verhandlungsgebühr von zusammen gut 20.000 Franken werden aus der Kantonskasse bezahlt. Genauso wie eine persönliche Genugtuung von 800 Franken, die das Gericht dem Freigesprochenen zusprach – weil es das Gesetz so verlange, hielt Gerichtspräsidentin Christine Schaer bei der Urteileröffnung fest. Sie sagte, das Aussageverhalten des Urgrossvaters habe dafür gesprochen, dass etwas passiert sei. Dies entspräche auch der Familiengeschichte; dem Urgrossvater wird auch von der Mutter der heute 17-Jährigen vorgeworfen, von ihm vergewaltigt worden zu sein. Es sei deshalb zu vermuten, dass der Urgrossvater «irgendetwas versucht» habe. Dies reichte jedoch nicht für eine Verurteilung.

Fest steht, dass das Mädchen nach einem Besuch bei den Grosseltern, die mit ihr die Urgrosseltern besuchen gingen, im April 1997 dort nicht mehr hinwollte und nach dem Besuch eine Schwellung am Ellbogen aufwies. Als ihr Vater ihr an jenem Abend einen Gute-Nacht-Kuss habe geben wollen, habe sie hysterisch reagiert und sich von da an nicht mehr von Männern berühren lassen wollen. Der Mutter habe sie damals gesagt, sie sei «oben und unten» angefasst worden. Den Aussagen, die das Mädchen 2007 machte, schenkte das Gericht jedoch wenig Glauben. Es stellte viele Diskrepanzen und fehlende Realkriterien fest.

(dapd)

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