Aktualisiert 28.07.2011 06:17

Lohnabzug für Arbeiter

Grenzgänger müssen für tiefen Eurokurs büssen

Eine Metallverarbeitungsfirma passt den Lohn der Grenzgänger dem Eurokurs an. Liegt dieser unter 1.25 Franken, werden bis zu 10 Prozent abgezogen. Laut der Unia ist diese Lohnkürzung illegal.

von
Sandro Spaeth
Beim Metallverarbeiter Angenstein werden die Löhne der Grenzgänger an den Eurokurs angepasst. (Symbolbild)

Beim Metallverarbeiter Angenstein werden die Löhne der Grenzgänger an den Eurokurs angepasst. (Symbolbild)

Franz Z. (Name von der Redaktion geändert) hat eigentlich keine Wahl. Will der in Süddeutschland wohnhafte Metallarbeiter seinen Job bei der Schweizer Firma Angenstein behalten, bleibt ihm wohl nichts anderes übrig, als die Kröte Namens «Währungsklausel» zu schlucken. An der Betriebsversammlung von Anfang Woche hatte die Firma den Grenzgängern geraten, den Zusatz zum Arbeitsvertrag zu unterschreiben. «Sonst fliegt man wohl raus», sagt Franz Z. zu 20 Minuten Online.

Die Firma Angenstein ist ein Zulieferbetrieb für die Maschinenbauindustrie. An den zwei Standorten in der Schweiz, sowie je einem in Frankreich und in China werden Zahnräder gefräst, Rohre geschweisst und Flanschen gefertigt. In Aesch BL, wo Franz Z. täglich an der Drehbank sitzt – beschäftigt die Firma 140 Mitarbeiter, rund 50 davon sind Grenzgänger. Die Arbeiter aus Deutschland und Frankreich müssen nun für die Frankenstärke büssen.

Grenzgänger verdienen weniger

Die Währungsklausel sieht vor, dass der Lohn ab einem Eurokurs von 1.25 Franken um den Monatsmittelkurs korrigiert wird (siehe Vertrag). Die Kürzung beträgt maximal 10 Prozent. Liegt der Durchschnittskurs wie im Juli (25 Juni bis 24 Juli) bei 1.1988 Franken, würde den Grenzgängern der Lohn um 4,1 Prozent reduziert.

Franz Z. ist von seiner Firma enttäuscht. «Das Kursrisiko den Grenzgängern aufzulegen ist nicht akzeptabel», wettert er. Besonders störend ist für den Fünfzigjährigen, dass die Schweizer weiterhin den vollen Lohn erhalten. Eine Kürzung aus wirtschaftlichen Gründen für alle hätte er ja noch akzeptieren können, nicht aber diese Ungleichbehandlung. «Sie führt zu einer Zweiklassengesellschaft», empört sich Z., und Grenzgänger würden sowieso schon weniger verdienen.

Mehr Kaufkraft

Anderer Meinung ist Geschäftsführer Martin Helfenstein. «Es handelt sich um eine solidarische Massnahme, die die Löhne etwas angleicht», sagt der Firmenteilhaber gegenüber 20 Minuten Online. «Wir wollen die Probleme mit der Frankenstärke nicht auf dem Buckel der Grenzgänger austragen.» Diese hätten zuletzt aber stark von der massiv gestiegenen Kaufkraft profitiert.

Laut Helfenstein hat die Firma – welche 50 Prozent der Umsätze im Euroraum macht – lange nach Massnahmen gesucht, um der Frankenstärke zu begegnen. Darum sei man unter anderem zur Lösung über die Kaufkraft gekommen, der auch die Betriebskommission zugestimmt habe. Vorgesehen ist ebenfalls, dass die Grenzgänger mehr Lohn erhalten, sollte der Euro auf über 1.55 Franken steigen. Unter den aktuellen Voraussetzungen tönt dies aber eher wie Hohn. Der Kurs liegt aktuell bei rund 1.16 Franken – und dürfte weiter tief bleiben.

Unia: «Das ist illegal»

Bei der Gewerkschaft Unia ist man über das Vorgehen der Firma verärgert. «Die Massnahme ist überhaupt nicht solidarisch. Grenzgänger und Schweizer arbeiten ja Seite an Seite und machen die selbe Arbeit», sagt Bruno Baumann von der Unia-Nordwestschweiz. Zudem sei die einseitige Lohnkürzung eine Ungleichbehandlung, die gegen die Bilateralen Verträge mit der EU verstosse. Gewerkschafter Baumann will zuerst das Gespräch mit Firmeninhaber Helfenstein suchen – und notfalls den juristischen Weg einschlagen.

Im Fall des Hubstapler-Herstellers Stöcklin, der den Lohn der Grenzgänger generell um sechs Prozent gekürzt hatte, hat die Gewerkschaft das bereits gemacht. Nach einem gescheiterten Termin beim Friedensrichter reicht die Unia-Anwältin Mitte August nun Klage ein.

Baumann ist klar, dass derzeit viele Betriebe mit der Frankenstärke kämpften. Darum böte die Unia ja auch Hand für faire Lösungen – wie beispielsweise vorübergehende Arbeitszeiterhöhungen für alle. Die Metallverarbeitungsfirma Angenstein hat diese ebenfalls beschlossen. Ab 1. August müssen alle Arbeitnehmer 42 statt 40 Stunden arbeiten, was einer Lohnkürzung von fünf Prozent entspricht. Pech hat Grenzgänger Franz Z. Für ihn kommt dann noch der Währungsabzug hinzu – sofern er denn seinen Job an der Fräse behalten will.

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